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Jürgen Möllemann Hinweise auf Selbstmord verdichten sich

07.06.2003 ·  Die Polizei hat keine Anzeichen für eine Manipulation des Fallschirms gefunden, mit dem Jürgen Möllemann in den Tod stürzte. Die Staatsanwaltschaft geht davon aus, daß der Hauptschirm ausgeklinkt wurde.

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Einen Tag nach dem tödlichen Absturz des früheren FPD-Spitzenpolitikers Jürgen Möllemann haben sich die Hinweise auf einen Selbstmord des 57-Jährigen verdichtet. Es hätten sich keine Anhaltspunkte für eine Fremdmanipulation an dem Schirmsystem ergeben, teilten Polizei und Staatsanwaltschaft am Freitag in Recklinghausen mit. Am Samstag teilte die Polizei mit, sie habe die Suche nach einem fehlenden Metallteil seines Fallschirms am Flughafen Marl aufgegeben. „Wir haben alles durchkämmt und das Feld sogar mähen lassen“, sagte ein Polizeisprecher am Samstag in Recklinghausen. „Das ist chancenlos - die berühmte Suche nach der Stecknadel im Heuhaufen.“ Die Ermittler warteten nun auf die für Dienstag angekündigten Ergebnisse der Untersuchung am Sicherungssystem.

Die Gutachter hätten an dem abgelösten Hauptschirm keine technischen Mängel entdeckt. Der Hauptschirm habe sich aus noch nicht geklärter Ursache in einer Höhe von tausend Metern gelöst. Anschließend habe Möllemann jedoch den Reserveschirm nicht manuell betätigt.

Ermittlungen „in alle Richtungen“

„Es ist noch nicht sicher, aber ich gehe davon aus, daß der Hauptschirm ausgeklinkt wurde“, sagte der Essener Oberstaatsanwalt Wolfgang Reinicke am Freitag. Die weiteren Ermittlungen konzentrierten sich nun auf das Fallschirmsystem Möllemanns. „Wir ermitteln weiter in alle Richtungen“, so der Oberstaatsanwalt. Dazu gehöre auch die Möglichkeit einer Selbsttötung. Es gebe zahlreiche Zeugenaussagen, wonach der Hauptschirm in großer Höhe gelöst wurde, sagte Reinicke.

Jürgen Möllemann hat nach Angaben der Staatsanwaltschaft bei seinem tödlichen Fallschirmsprung nicht unter Alkohol- oder Tabletteneinfluß gestanden. „Der toxikologische Befund ist absolut negativ", sagte Reinicke. Nach dem Ergebnis der in der Nacht vorgenommenen Obduktion sei Möllemann nach seinem Sprung mit etwa 200 Kilometern in der Stunde auf den Boden aufgeschlagen. Sein Schädel sei zertrümmert und alle lebenswichtigen Organe seien dabei zerstört worden. „Das ist die Todesursache“, sagte Reinicke.

Ermittlungen gehen weiter

Die staatsanwaltschaftlichen Ermittlungen im Zusammenhang mit der möglichen Steuer- und Betrugsaffäre um Möllemann werden fortgesetzt. Die Ermittlungen richteten sich gegen fünf weitere Beschuldigte, sagte der Sprecher der Düsseldorfer Staatsanwaltschaft, Johannes Mocken, am Freitag im ARD-Morgenmagazin. Die Unterlagen aus den Durchsuchungen von 25 Büros und Wohnräumen würden in diese Ermittlungen einfließen. „Und da wird indirekt auch sicher die Beteiligung Möllemanns zu prüfen sein“, sagte Mocken. Es werde aber noch viele Wochen dauern, bis die Unterlagen der Durchsuchungsaktion ausgewertet seien. Eingestellt worden seien aber die Ermittlungen, die die Staatsanwaltschaft gegen Möllemann als alleinigen Beschuldigten geführt habe.

Möllemann hätte kurz vor seinem Tod sein Steuerstrafverfahren ohne großes öffentliches Aufsehen beenden können. Die Staatsanwaltschaft Münster und die Anwältin Möllemanns, Annette Marberth-Kubicki, bestätigten am Freitag, daß es Gespräche über eine einvernehmliche Beendigung des Strafverfahrens gegeben habe. Konkret stand nach Angaben der Anklagebehörde der Erlaß eines Strafbefehls im Raum. Damit wäre Möllemann eine öffentliche Hauptverhandlung mit Zeugeneinvernahme erspart geblieben. Die Anwältin sagte, sie halte es für möglich, daß die Durchsuchung „eine strategische Maßnahme“ der Staatsanwaltschaft gewesen sein könnte, um Druck auf die Verteidigung auszuüben.

Fallschirm wird noch untersucht

Die Dauer der technischen Untersuchung von Möllemanns Fallschirm sei "derzeit nicht abschätzbar“, sagte ein Sprecher der Bundesstelle für Flugunfalluntersuchung (BFU) in Braunschweig am Freitag. Auch ein Zwischenergebnis liege noch nicht vor. Zwei Mitarbeiter der BFU seien am Absturzort und untersuchten das Sportgerät.

Möllemann war am Donnerstagmittag bei einem Fallschirmsprung unweit des westfälischen Flughafens Marl-Loemühle in den Tod gestürzt. Augenzeugen berichteten, der 57-Jährige habe in etwa 1500 Metern Höhe seinen bereits normal geöffneten Hauptschirm ausgeklinkt und nicht den Reserveschirm gezogen. Unmittelbar vor dem Todessturz hatten Fahnder am Donnerstag mit einer internationalen Razzia gegen Möllemann an 25 Objekten in vier Ländern begonnen.

Augenzeugen reden von Selbstmord

Während die Aussagen von Zeugen, die mit Möllemann gemeinsam abgesprungen waren, auf einen Selbstmord deuten, äußerte sich die Staatsanwaltschaft am Donnerstagsnachmittag zurückhaltend. Der Essener Oberstaatsanwalt Wolfgang Reinicke sagte vor Journalisten in Recklinghausen, es komme sowohl ein Unglücksfall als auch Selbstmord oder eine Manipulation des Fallschirms in Frage. Die Staatsanwaltschaft ermittle derzeit "in alle Richtungen", die Ermittlungen seien noch „ganz am Anfang“. Ein Abschiedsbrief sei nicht gefunden worden.

Augenzeugen berichteten, Möllemann habe bei dem Sprung seinen bereits geöffneten Hauptschirm abgestreift und nicht den Reserveschirm gezogen. Er starb nach Polizeiangaben gegen 12.50 Uhr. Möllemann habe an einem voll intakten Fallschirm gehangen, der auch ganz normal aufgegangen sei. Dann habe er in 1500, 1600 Metern den Hauptschirm abgeworfen, sagte der Chef des Fallschirmclubs Marl, Thomas Vilter. „Eine Störung war von hier aus, vom Boden aus, nicht zu erkennen.“

25 Räume, 13 Orte in 4 Ländern untersucht

Die Sprecherin der Bezirksregierung Münster, Ulla Lütke-Hermölle, erklärte, Möllemann sei mit neun anderen Fallschirmspringern abgesprungen. Zeugen zufolge sei er schon den Vormittag über ziemlich einsilbig gewesen. Laut dem Sprecher der Flugüberwachung Marl, Rainer Blasinski, ereignete sich das Unglück auf einem Feld etwa 200 bis 300 Meter nördlich des Flughafens. Die Maschine des Typs Pilatus-Porter, mit der die Fallschirmspringer aufstiegen, soll Möllemann zur Hälfte gehört haben.

Der tödliche Sprung des Politikers erfolgte nach Informationen aus Polizeikreisen etwa eine Viertelstunde nach Aufhebung seiner parlamentarischen Immunität. Mit der Entscheidung im Bundestag fiel der Startschuß für die Durchsuchung von insgesamt 25 Büro- und Wohnräumen Möllemanns an 13 Orten im Bundesgebiet sowie in Luxemburg, Spanien und Liechtenstein. Nach Angaben des Düsseldorfer Staatsanwalts Johannes Mocken standen die Aktionen im Zusammenhang mit dem Ermittlungsverfahren gegen Möllemann wegen Steuerhinterziehung, Verstoß gegen das Parteiengesetz, Betrug und Untreue.

Kubicki telefonierte mit Möllemann am Morgen

Der FDP-Politiker und enge politische Freund Möllemanns, Wolfgang Kubicki, hatte Möllemann über die bevorstehende Aufhebung der Immunität informiert. Kubicki sagte im Fernsehsender n-tv, Möllemann habe ihn am Vormittag gegen zehn Uhr in Berlin angerufen und gesagt, vor seiner Haustür stünden Kameras und zwei Autos mit Düsseldorfer Kennzeichen: „Was hat das zu bedeuten?“ Daraufhin habe er, Kubicki, Möllemann gesagt, der Bundestag wolle seine Immunität aufheben und einen Durchsuchungsbefehl vollstrecken. Aber eigentlich sei klar gewesen, daß die Durchsuchungsbefehle irgendwann vollstreckt würden.

Es habe bereits eine Absprache mit der Staatsanwaltschaft gegeben, sagte Kubicki, dessen Ehefrau eine der Anwälte Möllemanns war. Die Durchsuchungen seien rein technischer Natur gewesen. „Er hatte nichts zu befürchten, und er schien mir heute Morgen aufgeräumt, ruhig und gelassen“, sagte Kubicki. Wenn sich Möllemann zu einem Freitod entschlossen habe, „dann war dies eine Entscheidung aus heiterem Himmel“.

Genscher: Selbstmord paßt nicht ins Bild

Der FDP-Ehrenvorsitzende Hans-Dietrich Genscher geht nicht von einem Selbstmord seines früheren engen Parteifreundes aus. „Mir will das aber nicht recht in das Bild passen, das ich von Jürgen Möllemann habe.“ Möllemann sei eine Kämpfernatur gewesen, er habe nie aufgegeben. „Wenn er einen Rückschlag erlitten hat - und das ist nicht nur einmal geschehen - dann hat er wieder angefangen, hat neu begonnen.“

Bei einem solchen Menschen sei es schlecht vorstellbar, daß er dann plötzlich nicht mehr kämpfen wolle. „Das paßt für mich nicht zusammen", sagte Genscher, der als Möllemanns Mentor dessen politische Karriere gefördert hatte. Beide haben sich im Sommer des vergangenen Jahres beim sogenannten Antisemitismusstreit entzweit.

Möllemann gehörte zu den prägenden Politikern der FDP in den vergangenen Jahren. Mit antiisraelischen Attacken hatte er sich allerdings vor der Bundestagswahl mit der Parteiführung und insbesondere mit dem FDP-Vorsitzenden Guido Westerwelle überworfen. In einem seiner letzten öffentlichen Auftritte am Sonntag in einer ARD-Talkshow hatte sich Möllemann auf Nachfrage unklar über seine Zukunft geäußert. „Ich glaube also, (...), unabhängig davon, wie ich mich persönlich entscheide - ich habe meine Entscheidung noch nicht getroffen - die Parteienlandschaft wird sich verändern, wenn die Politik sich nicht dramatisch verändert", sagte er. „Natürlich würde ich in einer Situation, in der es unheimlich viele ungelöste Probleme gibt, lieber an der Lösung dieser mitarbeiten. Und deshalb mache ich mir auch Gedanken, wie ich das am Besten wieder tun kann.“

Der Bundestag gedachte Möllemann in einer Schweigeminute. Der Reichstag wurde wegen des Todesfalls auf Halbmast geflaggt.

Jürgen Wilhelm Möllemann war in zweiter Ehe verheiratet und hatte drei Töchter.

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Von Günther Nonnenmacher

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