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Veröffentlicht: 05.01.2017, 19:34 Uhr

Krise nach dem Anschlag „Charlie Hebdo“ ist ein Opfer seiner selbst

Der Anschlag auf „Charlie Hebdo“ hat vor zwei Jahren ganz Frankreich erschüttert. Doch nun hagelt es Kritik für die Satirezeitschrift. Statt Mitgefühl und Solidarität unter den Opfern bestimmten Macht- und Verteilungskämpfe den Redaktionsalltag.

von , Paris
© Reuters Gedenken der Toten: Graffiti der ermordeten Mitarbeiter vor dem ehemaligen Büro des Satireblatts „Charlie Hebdo“

„Charlie Hebdo, der Tag danach“ klingt harmlos. Doch das jetzt erschienene Buch der französischen Journalisten Marie Bordet („Le Point“) und Laurent Telo („Le Monde“) erzählt die verstörende Geschichte einer Unterwerfung. Die von den Terroristen am 7. Januar 2015 dezimierte Redaktion, so die These der beiden Autoren, habe ihre Ideale verraten. Statt Mitgefühl und Solidarität unter den Überlebenden und mit den Angehörigen der Opfer beherrschten Macht- und Verteilungskämpfe den Redaktionsalltag. Selbst an den hehren Vorstellungen zur Pressefreiheit könne die vom neuen Hauptaktionär (70 Prozent der Anteile) Laurent Sorisseau „Riss“ geführte Redaktion nicht mehr gemessen werden.

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Denn „Charlie Hebdo“ sei längst selbst Abschottungstendenzen erlegen. Einblicke in die Redaktionsarbeit seien unerwünscht, unabhängige Recherchen der Führungsriege ein Greuel. Unter dem Vorwand der großen Terrorbedrohung habe sich eine Kultur der Intransparenz entwickelt. Die Autoren beklagen, dass alle Gesprächsanfragen von „Riss“ abgebügelt wurden. Sie nutzten ihre privaten Kontakte zu Redaktionsmitgliedern, um Informationen zu sammeln. „Ein derartiges Verbrechen wirft Fragen über den Platz der Religion in unserer Gesellschaft auf, die viele aus Feigheit leugnen“, schrieb Riss den beiden Buchautoren in einem Brief. Nur zu diesen Fragen seien Recherchen angebracht. Alles andere seien „Ablenkungsmanöver“. Er könne deshalb nicht mit ihnen zusammenarbeiten.

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Dabei sind die Ausführungen Bordets und Telos durchaus erhellend, wie sich „Charlie Hebdo“ seit dem Anschlag von einem stets am Rand des Bankrotts wirtschaftenden Nischenprodukts zu einem expandierenden Medienbetrieb entwickelt hat. Die Abonnentenzahlen schnellten von 8000 auf 200.000 in die Höhe. Seit dem 1. Dezember erscheint eine deutsche Ausgabe. Die Satirezeitung betreibt fortan profitorientierte Marketingarbeit. Die Autoren beschreiben, wie die PR-Spezialistin Anne Hommel ohne Rücksprache mit den Karikaturisten und Redakteuren angeheuert wurde und seither die Kommunikation nach außen bestimmt. Die Frau Anfang 50 ist eine bekannte Figur in der französischen Politik. Nach dem New Yorker Skandal um den Präsidentschaftsanwärter Dominique Strauss-Kahn führte sie das Krisenmanagement in den Medien. Auch Jérôme Cahuzac, der Haushaltsminister mit Schwarzkonten im Ausland, vertraute auf Hommels Kommunikationsdienste. Zu den Kunden der PR-Frau zählen zudem afrikanische Despoten wie Ali Bongo.

„Wo ist das Geld geblieben?“

Bordet und Telo berichten von dem Kulturschock, den Hommel in dem einst links-anarchistischen Redaktionsteam hervorruft. Das Buch rüttelt an dem Mythos der moralischen Überlegenheit der Charlie-Leute. Es schildert eine Redaktion, die vom Geldsegen der Spenden und der Verkaufserfolge pervertiert wird. Tatsächlich spülte die Ausgabe den Überlebenden nach Angaben der Autoren zwölf Millionen Euro in die Kassen. Dazu kamen Spenden in Millionenhöhe aus aller Welt. Doch von dem Geldsegen profitierten nicht in erster Linie die Opferfamilien. Die Autoren schildern, wie die junge Witwe des Zeichners Tignous, Chloé Verlhac, den Unterhalt für sich und die zwei kleinen Kinder erstreiten musste. „Wo ist das Geld geblieben?“, fragte sie verstört. Auch die Witwe des Zeichners Wolinski, Maryse Wolinski, empörte sich über den neuen Profitgeist der beiden Hauptaktionäre Riss und Finanzdirektor Éric Portheault (30 Prozent). „Wir, die Hinterbliebenen, hätten die Priorität sein sollen“, sagte Wolinski. Gala Renaud, die Witwe des ermordeten Journalisten Michel Renaud, reichte eine Klage gegen Riss wegen schweren Vertrauensbruchs ein.

Sie wirft dem Hauptaktionär Wortbruch vor. So habe er hinter den Kulissen erwirkt, dass die Einnahmen der „Ausgabe der Überlebenden“ nicht den Terroropfern zugutekommen, sondern direkt in die Verlagsgesellschaft geflossen seien. Das Rechtsverfahren steht noch aus. „Das Geld, das ,Charlie‘ bekommen hat, ist ein Blutpreis. Es müsste Gemeingut sein“, sagte Redakteurin Zineb El Rhazoui. Die junge Frau hat inzwischen angekündigt, die Redaktion zu verlassen: „Die Zeitung ist nicht mehr die Gleiche. Der Kurs ist nicht mehr wie früher.“ Schon zuvor zog sich Zeichner Luz zurück. „Das Geld ist vergiftet“, sagte er. Luz war es, der die Titelseite der Ausgabe der Überlebenden gezeichnet hatte, den weinenden Mohammed mit der Zeile „Alles ist vergeben“. Der Notarzt Patrick Pelloux hat sich ebenfalls von der Satirezeitung abgewandt. Er wurde Opfer eines Diffamierungsversuchs, er sollte vorgeblich Präsident Hollande um eine Millionenentschädigung angegangen sein. Pelloux hält dem Führungduo Riss–Portheault eine unerträgliche Doppelmoral vor: „Eine Zeitung, die ein alternatives Gesellschaftsmodell predigt, kann doch nicht von zwei Großaktionären gesteuert werden. Das ist ja geradezu so, als wenn überzeugte Vegetarier immerzu Steaks verspeisen.“

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Von Reinhard Müller

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Quelle: wahlrecht.de
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