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Veröffentlicht: 02.05.2006, 00:00 Uhr

Libera Terra auf Sizilien

Eine landwirtschaftliche Kooperative arbeitet auf einem Stück Land, das per Gerichtsbeschluß einer berüchtigten Mafia-Familie weggenommen wurde. Das mutige Experiment scheint zu gelingen.

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Eine landwirtschaftliche Kooperative arbeitet auf einem Stück Land, das per Gerichtsbeschluß einer berüchtigten Mafia-Familie weggenommen wurde. Das mutige Experiment scheint zu gelingen.

Tobias Piller Folgen:

Gemessen an der traditionellen Vorgehensweise der Mafia, müßte die Kooperative „Placido Rizzotto“ eigentlich eine gewaltsame Machtdemonstration des organisierten Verbrechens befürchten. Gelegen mitten im Herz des Mafia-Landes, in einer Nachbargemeinde von Corleone, ist die Kooperative mit ihren zwölf Mitgliedern und zeitweise bis zu fünfzehn Mitarbeitern nichts weniger als eine Herausforderung für den Machtanspruch der „Cosa Nostra“. „Am Anfang haben uns alle für verrückt erklärt“, sagt Gianluca Faraone, der Geschäftsführer. Doch gut fünf Jahre nach der Gründung wird seine Kooperative im Dorf ernst genommen - und das, obwohl sie ihre ersten unternehmerischen Erfolge gerade gegen die Interessen der Mafia erzielte.

Den jungen Sizilianern haben die italienischen Behörden 300 Hektar Ackerland anvertraut, 50 Hektar an Weinbergen und ein Gebäude in einem alten Gehöft - alles per Gerichtsbeschluß der Mafiafamilie des Ortes weggenommen. Die gehörte zu den mächtigsten und gewalttätigsten in ganz Sizilien. Der Sohn des lokalen Bosses, Giovanni Brusca, war derjenige, der 1992 mit 400 Kilogramm Sprengstoff gut 50 Meter Autobahn in die Luft sprengte und damit den Richter Giovanni Falcone, seine Frau und drei Leibwächter umbrachte. Nach der Verurteilung von Brusca hatte die italienische Justiz all die Vermögenswerte konfisziert, die nicht auf rechtmäßige Weise erworben worden waren. Damit soll einerseits die Mafia an ihrem Nerv getroffen werden: bei ihrem Vermögen. Zum anderen sollen die eingezogenen Vermögenswerte auch ein Stück Wiedergutmachung sein für die Gewaltherrschaft und die von ihr verursachte wirtschaftliche Rückständigkeit Siziliens.

Libera Terra auf Sizilien © F.A.Z. Bilderstrecke 

Das Haus der Familie Brusca im Gehöft oberhalb von San Giuseppe Jato dient nun der Kooperative für ihren „Agriturismo“. In das mit öffentlichen - auch europäischen - Geldern für 300 000 Euro renovierte Haus kommen derzeit vor allem Schulklassen, die nach der Bewirtung eine wenige hundert Meter entfernte Gedenkstätte für ein 1947 begangenes Mafia-Massaker an kommunistischen Gewerkschaftern, Landarbeitern und deren Familien besuchen. Vor einigen Monaten hatten Manager der Autofirma Opel von der Initiative gelesen und dort eine Station auf einer Teststrecke eingerichtet, die binnen drei Wochen von 600 Autojournalisten angesteuert wurde. Als vor dem einsamen Weiler an neuen Masten die Fahnen von Opel und General Motors wehten, täglich teure Testwagen in leuchtendem Blau und Rot vorbeikamen, war dies auch eine Botschaft für den ehemals berüchtigten Mafia-Ort: Nicht die Bosse garantieren Entwicklung, sondern die neue Initiative, die sich auch gegen die Mafia richtet.

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