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Jorge Bergoglio : Jesuitischer Anwalt der Armen

Bergoglio ist seit 167 Jahren der erste Ordensmann auf dem Stuhl Petri. Bild: REUTERS

Mit Jorge Bergoglio kommt zum ersten Mal ein Papst aus Lateinamerika. Bereits beim letzten Konklave 2005 war der argentinische Jesuit der stärkste Kandidat hinter Joseph Ratzinger gewesen.

          An diesem Mittwochabend sind die Vergleiche nicht schnell bei der Hand. Dass aus dem Konklave der erste Papst aus einem nichteuropäischen Land hervorgehen könnte, lag während der Beratungen der Kardinäle in der vergangenen Woche in der Luft - nicht aber, dass sich die Mitglieder des Kardinalskollegiums in nur fünf Wahlgängen auf einen Argentinier einigen würden. Wenn ein Nichteuropäer, dann am ehesten der Brasilianer Scherer, lauteten die Mutmaßungen. Oder der Kanadier Ouellet, womöglich sogar ein Kardinal aus den Vereinigten Staaten. Aber ein Argentinier?

          Daniel Deckers

          in der politischen Redaktion verantwortlich für „Die Gegenwart“.

          Dabei war Jorge Mario Bergoglio im Kreis der Papstwähler kein Unbekannter - im Gegenteil. Dass er an dem Konklave des Jahres 2005 teilgenommen hatte, machte ihn zu einem Schwergewicht. Doch seither sind acht Jahre vergangen und Bergoglio, der damals mit 68 Jahren im besten Papstalter gestanden hätte, ist mittlerweile nur zwei Jahre jünger als Joseph Kardinal Ratzinger es war, als er im April 2005 als erster Deutscher seit 500 Jahren Papst wurde. Hatten die Kardinäle jetzt etwa keine Angst, dass es mit dem neuen Pontifikat ein ebenso rasches Ende nehmen könnte wie mit gerade zu Ende gegangenen? Oder setzten sie sogar darauf, dass die Amtszeit von Franziskus I. von Beginn an bemessen sein wird?

          Da war er noch Kardinal: Jorge Mario Bergoglio (r) mit seinem Vorgänger Benedikt XVI im Januar 2013.

          Ein Schwergewicht, wenn auch mit umgekehrten Vorzeichen, war Bergoglio auch aus einem anderen Grund. Als vor acht Jahren Joseph Kardinal Ratzinger als dem Konklave als Papst hervorging, war es der frühere Provinzialobere der argentinischen Jesuiten und mittlerweile langjährige Erzbischof von Buenos Aires, hinter dem sich jene Minderheit versammelt hatte, die in dem langjährigen Weggefährten des verstorbenen Papstes Johannes Paul II. den bestmöglichen Nachfolger sahen. Jetzt aber, am 13. März 2013, wählten die 115 Kardinäle den unterlegenen Kandidaten des Jahres des Jahres 2005 zum 266. Oberhaupt der römisch-katholischen Kirche. War das, wie so oft in der Kirchengeschichte, die Rache der Minderheit? Oder ist Bergoglio der ideale Kompromisskandidat verschiedener Strömungen?

          Immerhin: Ein Italiener ist es nicht, doch immerhin ein Papst italienischer Abstimmung. Franziskus I. ist Sohn des argentinischen Eisenbahnangestellten Mario Bergoglio und dessen Ehegattin Regina, einer Hausfrau. Am 17. Dezember 1936 geboren, hat er zunächst eine Ausbildung Chemotechniker absolviert. Mit 21 Jahren entschied er sich jedoch für einen geistlichen Beruf und trat in den Jesuitenorden ein. Ende 1969 wurde er zum Priester geweiht. Schon 1973 wurde er zum Provinzial seines Ordens in Argentinien ernannt bestimmt blieb es sechs Jahre lang. Nach Jahren, in denen er als Seelsorger und Theologieprofessor wirkte, wurde Bergoglio 1992 von Papst Johannes Paul II. zu einem der vier Weihbischöfe in der argentinischen Hauptstadt Buenos Aires ernannt. 1998 wurde er Erzbischof, 2001 erhielt er in demselben Konsistorium wie die Deutschen Karl Lehmann und Walter Kasper aus der Hand von Papst Johannes Paul II. die Kardinalsinsignien.

          Und hier Kardinal Bergoglio mit seinem Vor-Vorgänger Johannes Paul II auf einem undatierten Archivbild.

          Franziskus I. gilt als ein Anwalt der Armen. In seinen Predigten redete er den Politikern jeglicher Couleur ins Gewissen. Das Präsidentenehepaar Kirchner mied zuletzt seine Predigten, in denen er stets die Bedeutung stabiler staatlicher Institutionen betonte. Die Politiker zogen den Besuch von Gottesdiensten an Staatsfeiertagen in anderen Provinzstädten vor, weil Bergoglio allzu deutlich die Schwächen ihrer Politik herauszustellen pflegte. Die Rolle Bergoglios in der Militärdiktatur (1976 bis 1983) ist nicht ganz geklärt. Ihm wird von manchen eine gewisse Nähe zu den damaligen Machthabern nachgesagt. Innerhalb der Ordensprovinz gab es Spaltungen. Viele, die damals zu ihm hielten, haben den Orden später verlassen.

          Bergoglio war lange Jahre Präsident der Katholischen Bischofskonferenz Argentinien. Im Vatikan war er Mitglied der Kongregationen für Klerus, Gottesdienst- und Sakramentenordnung. Außerdem gehörte er dem Päpstlichen Rat für die Familie und der Päpstlichen Kommission für Lateinamerika an. Wenn er sich in Rom aufhielt, zeigte er sich selten in Kardinalsrot. Nach seiner Ernennung zum Kardinal hatte er sich seine Gewänder nicht neu anfertigen, sondern diejenigen seines Vorgängers anpassen lassen.

          Dieses undatierte Archivbild zeigt Jorge Mario Bergoglio in der oberen Reihe - zweiter von links - im Kreis seiner Familie.

          Während seiner Amtszeit als geistliches Oberhaupt der katholischen Kirche in Argentinien pflegte Bergoglio stets einen bescheidenen, schlichten Lebensstil. Er wohnte allein in einer Wohnung nahe der Kathedrale, benutzte U-Bahn und Omnibusse wie gewöhnliche Bewohner der argentinischen Hauptstadt. Bergoglio mied den Kontakt mit den offiziösen Medien. Nach der schweren Brandkatastrophe in einer Diskothek von Buenos Aires besuchte er die Angehörigen der Opfer und zog von Krankenhaus zu Krankenhaus, um die Verletzten zu trösten.

          Kurz nach der Priesterweihe litt Bergoglio an Atemproblemen, bei einer Operation wurde ihm ein Teil der Lunge entfernt. Er wurde jedoch vollständig geheilt. Bergoglio liest gerne Literatur von Dostojewski und Texte des argentinischen Nationaldichters Jorge Luis Borges. In Argentinien setzte er sich intensiv für eine Verbesserung des Bildungswesens ein. Und als Argentinier war der neue Papst auch stets ein Fußballnarr.

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