23.08.2004 · Johannes Weinrich gilt als „Deutschlands gefährlichster Terrorist“. Jetzt hat ihn ein Gericht aus Mangel an Beweisen von Anschlägen in Frankreich freigesprochen. Unser Autor hatte ihn vor einiger Zeit im Gefängnis besuchen können.
Von Oliver SchrömEs sind die Augen, die seinen Zorn verraten. Als ich das kleine Besucherzimmer in der Berliner Justizvollzugsanstalt Moabit betrete, verengen sie sich zu schmalen Schlitzen. Stumme Wut und Empörung schlagen mir entgegen. Aber nur für wenige Sekunden. Dann hat der Mörder seine Sprache wiedergefunden. "Das ist eine bodenlose Unverschämtheit", brüllt er mich an. Der Wärter nestelt nervös an seinem Schlüsselbund und bekommt zu hören: "Bringen Sie mich zurück in meine Zelle, sofort!"
An der Tür dreht sich Johannes Weinrich wieder um. "Zehn Minuten! Keine Sekunde länger! Verstanden!" Die Neugierde ist wohl doch größer als der Zorn. Weinrich will wissen, wie es mir gelungen ist, zu ihm ins Gefängnis vorzudringen. Aber als ich etwas sagen will, brüllt er: "Hören Sie gefälligst zu, und unterbrechen Sie mich nicht, wenn ich mit Ihnen rede." Es verspricht eine einseitige Unterhaltung zu werden.
Weder Reue noch Bedauern
Wieviele Morde auf das Konto von Weinrich gehen, weiß niemand so ganz genau. Nach bisherigen Ermittlungen ist der Terrorist, der 1995 nach jahrelanger Fahndung im Jemen verhaftet wurde, für den Tod von zwölf, vermutlich sogar 20 Menschen verantwortlich. Ganz zu schweigen von den mehr als hundert Opfern, die Weinrich im Namen der "Organisation Internationaler Revolutionäre", der Terrorbande des berüchtigten Carlos (genannt "der Schakal"), schrecklich verletzt, verkrüppelt oder entstellt hat.
Aber Weinrich zeigte bisher weder Reue noch Bedauern. Noch im Gerichtssaal pflegte der deutsche Terrorist den Mythos des revolutionären Kämpfers, der die Sache des palästinensischen Volkes zur seinen machte und mit Bomben Krieg gegen den Imperialismus führte. Bevor ihn der Richter im Januar 2000 nach vierjähriger Prozeßdauer zu 15 Jahren Haft verurteilte, verlas Weinrich an Stelle eines Schlußwortes ein politisches Manifest. Demnach will Weinrich, geboren 1947 in Brakel-Höxter als Sohn eines Oberstudienrates, seine Terrorakte als Krieg und die von ihm ausgeführten Morde als Vergeltung für Massaker an palästinensischen Flüchtlingen verstanden wissen.
Doch die Realität seines "revolutionären Kampfes" sah anders aus. Wie Carlos, Weinrichs Chef, liebte auch er das süße Leben, bevorzugte teure Kleidung und luxuriöse Hotels. Doch dafür brauchte er Geld. Unter den Decknamen "Steve", "Peter", "Halim" oder "Joseph" tötete Weinrich deshalb im Auftrag diverser Geheimdienste und Regime - von der Stasi bis zur rumänischen "Securitate". Allein vom libyschen Staatschef Gaddafi bekamen Weinrich und Carlos eine jährliche Apanage von einer Million Dollar.
Mord auf Bestellung
In den achtziger Jahren verübte Weinrich eine Reihe von Anschlägen in Deutschland, Frankreich und Griechenland, weswegen er sich nun vom 5. März an abermals vor dem Kriminalgericht Moabit in Berlin verantworten muß. In jahrelanger Kleinarbeit ist es der Staatsanwaltschaft gelungen, neue Beweise zusammenzutragen - und die sind erdrückend. Kaltblütig habe Weinrich seine Morde geplant, je mehr Menschen dabei umkamen, desto besser. Es war ihm offensichtlich gleichgültig, ob dabei unbeteiligte Passanten getötet wurden. Nach einem eigentlich fehlgeschlagenen Bombenattentat auf den saudiarabischen Botschafter 1983 in Athen schrieb Weinrich an Carlos: "Die Operation war viel größer, als wir glaubten. Unser Sprengstoff ist vollständig hochgegangen, von unserem Auto ist nichts übriggeblieben. Warum die beiden in dem ersten Auto nicht auf der Stelle getötet wurden, ist merkwürdig."
Weinrich mordete auf Bestellung: Der selbsternannte Revolutionär war nichts anderes als ein Lohnkiller. "Sie wollen, daß wir den französischen Vertreter von Pechiney, einem sehr wichtigen französischen Konzern, der in Griechenland eine wichtige Rolle spielt, umbringen", schrieb er einmal an seinen Chef. Weinrich selbst schien dabei kein schlechtes Gewissen zu haben. Im Gegenteil. Süffisant fügte er noch hinzu: "Ich mag das ..."
Tötete er zum Vergnügen? Um Weinrichs Motivation zu erkunden, schrieb ich ihm fragende Briefe, schickte ihm meine Bücher und suchte über seine Schwester und seinen Anwalt das Gespräch. Eine Antwort erhielt ich nie. Ohne große Hoffnung stellte ich schließlich einen Besuchsantrag, und zu meiner großen Überraschung bekam ich tatsächlich die Erlaubnis, den "gefährlichsten Terroristen Deutschlands", so eine Einschätzung des Bundeskriminalamts aus den neunziger Jahren, besuchen zu können.
Weinrich darf einmal alle zwei Wochen eine Stunde lang Besucher empfangen. Gelegentlich kommen seine Schwester oder deren beide erwachsene Kinder vorbei. Diesmal tritt nun ein Fremder in die karge Besucherzelle. Seine anfängliche Wut über mein Erscheinen ist bald verflogen, letztlich ist ihm jeder Zuhörer recht. Atemlos redet er über sein Lieblingsthema, den Nahen Osten. Zu seinen Taten will er nichts sagen. "Ich darf nicht, mit Rücksicht auf andere", sagt er.
"Etwa auf Gaddafi?" frage ich halb im Scherz.
„Carlos“ treu ergeben
Seine Augenlider werden wieder zu Schlitzen. "Sie haben zu schweigen, wenn ich rede. Kapiert?" Kurze Pause. "Haben Sie das endlich kapiert?"
Rücksicht nimmt Weinrich vor allem auf Carlos. Dem gebürtigen Venezolaner, der in Frankreich in lebenslanger Haft sitzt, ist Weinrich seit 25 Jahren treu ergeben. Ein Lob aus dessen Mund scheint für Weinrich noch heute die größte Anerkennung zu sein. Als Carlos ihn in einem Brief aus dem Pariser Gefängnis als "Pionier der palästinensischen Unabhängigkeit, als Held der Revolution" preist, erwidert Weinrich gerührt: "Ich bin so bewegt und geehrt, daß Du Dich um mich sorgst. Paß auf Dich auf. Achte auf Deine Seele und Deine Psyche. Wir brauchen Dich in guter Verfassung, in Bestform!"
Soviel Unterwürfigkeit läßt sich schwer erklären, zumal er früher von Carlos immer wieder schwer gedemütigt wurde. Carlos hatte ihm einst sogar die Lebensgefährtin, die deutsche Terroristin Magdalena Kopp, ausgespannt. Trotzdem kündigte Weinrich dem Top-Terroristen nicht die Gefolgschaft. Im Gegenteil: Nachdem Magdalena Kopp 1982 in Paris mit Sprengstoff verhaftet worden war, begann Carlos einen Privatkrieg gegen Frankreich. Um die Deutsche aus der Haft freizupressen, wurden auf der ganzen Welt Bombenanschläge auf französische Einrichtungen verübt. Allerdings führte Carlos die Attentate nicht selbst durch, das war ihm viel zu riskant: Die Drecksarbeit überließ er Weinrich.
Die Anschläge penibel geplant
Seine Anschläge bereitete Weinrich monatelang vor. Im Auftrag der "Securitate" sollte er Anfang 1981 die rumänische Sektion des Münchner Senders "Radio Freies Europa" in die Luft jagen. Akribisch machte er sich ans Werk und fertigte mit Bleistift und Lineal unzählige Skizzen von der Lage der Radiostation an. Außerdem zeichnete er das am Rande des Englischen Gartens gelegene Gebäude von allen Seiten und versah die neuralgischen Punkte mit Zahlen. Auf einem anderen Blatt notierte er dann andere Dinge, die ihm wichtig erschienen - zum Beispiel, wo sich die tschechische und die rumänische Sektion des Senders befanden und wann die Wachposten ihre Runden drehten.
Allerdings lesen sich die Dokumente zur Vorbereitung des Bombenanschlags teilweise wie ein Architektur- oder Städteführer. Ausführlich beschrieb Weinrich etwa den Chinesischen Turm im Englischen Garten, der "in einer Entfernung von 500 Metern und in einer flachen Konstruktion, flacher, als die ihn umgebenden Bäume" von dem Radiosender entfernt steht. Insgesamt füllten seine Skizzen, Aufzeichnungen und Notizen mehr als 70 Seiten. Nicht umsonst hatten seine Auftraggeber und Führungsoffiziere bei den osteuropäischen Geheimdiensten Weinrich wegen dessen Pedanterie den Beinamen "Ingenieur" gegeben.
Seine Mutter: „Es gibt für ihn keine Entschuldigung“
Aber der Pedant war in Wahrheit ein noch viel größerer Dilettant. Als am 21. Februar 1981 um 21.47 Uhr an der Außenwand des Radiosenders 15 Kilogramm Nitropenta explodierten, zerstörte der Sprengstoff nicht - wie vom Auftraggeber gewünscht - die rumänische Sektion des Senders, sondern die tschechische. Weinrich hatte die Anschlagspläne falsch beschriftet. Acht Mitarbeiter des Radiosenders wurden zum Teil schwer verletzt - eine Frau überlebte nur knapp und blieb für ihr Leben entstellt.
Weinrich scheint dies bis heute wenig zu kümmern. Seine Monologe in der Besucherzelle sind von seltsamer Belanglosigkeit. Als die Besuchszeit schon zehn Minuten abgelaufen ist und der Wärter zaghaft darauf hinweist, nickt Weinrich nur und redet weiter. Ich komme kaum zu Wort. "Sie dürfen jetzt von sich behaupten, daß Sie der einzige Journalist sind, dem es gelungen ist, mit mir zu sprechen", sagt er zum Abschied und reicht mir die Hand.
Beim zurückliegenden Prozeß hatte der Richter in seiner Urteilsbegründung die "besondere Schwere der Schuld" hervorgehoben. Dadurch ist ausgeschlossen, daß Weinrich vorzeitig aus der Haft entlassen werden kann. Jemand, der ihn besser kennt als jeder Richter, braucht keine Paragraphen, um sich ein Urteil zu bilden: "Mein Sohn ist intelligent und gebildet. Er hätte das mörderische Spiel frühzeitig durchschauen müssen. Es gibt für ihn keine Entschuldigung", sagt Ursula Weinrich, seine Mutter. Und weiter: "Ich werde ihm das nie verzeihen."