03.04.2005 · Am 15. November 1980 reiste der neue Papst nach Deutschland. Johannes Paul II. sprach von „inniger Verbundenheit, Liebe und Zuneigung“. Die Worte des Papstes kamen aus tiefstem Herzen - und hätten doch ganz anders ausfallen können.
Von Daniel DeckersAm 15. November 1980 reiste der neue Papst nach Deutschland. Als Erzbischof von Krakau hatte Karol Wojtyla das geteilte Nachbarland schon oft besucht. Er kannte die DDR, und er kannte die Bundesrepublik. Noch Ende September 1978, drei Wochen vor seiner alle Welt überraschenden Wahl zum Nachfolger Petri, war er in Fulda Gast der deutschen Bischöfe gewesen. Am Grab des heiligen Bonifatius, des Apostels der Deutschen, hatten sie gemeinsam einen Gottesdienst gefeiert.
Zwei Jahre waren seitdem ins Land gegangen, und aus Erzbischof Karol war Johannes Paul II. geworden. Der hatte mittlerweile Länder und Regionen besucht, die er nie zuvor gesehen hatte - und diese nie einen Papst: Mexiko, Afrika und Brasilien, vor allem aber - im Juni 1979 - seine von Aufruhr gegen die kommunistische Herrschaft erschütterte Heimat. Jetzt, am 700. Todestag des heiligen Albert, des „großen“ deutschen Kirchenlehrers, betrat er wieder „deutschen Boden, dessen Volk und Land ich schon durch frühere Besuche schätzen- und kennengelernt habe“. Diplomatische Höflichkeit gebot dem Papst diese Begrüßung wohl kaum. Erst recht nicht die Rede von „inniger Verbundenheit, Liebe und Zuneigung“. Die Worte des Papstes kamen aus tiefstem Herzen - und hätten doch ganz anders ausfallen können.
19 Jahre alt beim deutschen Angriff auf Polen
Denn bevor Karol Wojtyla nach Deutschland kam, hatte er Deutsche in Polen kennengelernt. 19 Jahre alt war er, als die Nationalsozialisten am 1. September 1939 mit dem Angriff auf sein Heimatland den Zweiten Weltkrieg entfesselten, 25, als die Rote Armee am 20. Januar 1945 seinen Geburtsort Wadowice befreiten. Der Deportation als Zwangsarbeiter war er wohl nur entgangen, weil er sich vier Jahre in einem Kalksteinbruch und einer Kläranlage der „Ostdeutschen Chemiewerke“ verdingte.
Aber Millionen Landsleute waren tot, erschossen, hingerichtet, vergast. Ausgelöscht war auch das Leben vieler jüdischer Freunde und von deren Familien. Lolek, wie man ihn rief, hatte mit ihnen einst die Schule und auch die Synagoge von Wadowice besucht, Theater und Fußball gespielt. Die Erinnerung an Auschwitz-Birkenau, von dem heimatlichen Wadowice und der späteren Bischofsstadt Krakau nicht weit entfernt, sollte Karol Wojtyla niemals verlassen.
Noch während der Besatzung lernte Wojtyla Deutsch
Doch die Saat des Hasses, die die Nationalsozialisten in Polen ausgebracht hatten, ging in ihm nicht auf. Noch während der Besatzung hatte der angehende Priester Deutsch gelernt und konnte die Werke deutscher Philosophen in der Originalsprache lesen. Edmund Husserls Phänomenologie und Max Schelers „materiale Wertethik“ sollten sein Denken und Handeln zeitlebens prägen.
Ob in dem Lehrschreiben „Evangelium des Lebens“, in dem der Papst die unbedingte Achtung der Würde des menschlichen Lebens von seinem Beginn bis an sein Ende darlegte, oder ob in seinen Mahnungen an die Mächtigen der Welt, nicht Krieg und Gewalt triumphieren zu lassen, sondern dem Frieden eine Chance zu geben - der Papst dachte nicht in Kategorien formaler Ethik oder des Naturrechts. „Es geht um jeden Menschen in all seiner unwiederholbaren Wirklichkeit im Sein und im Handeln, im Bewußtsein und im Herzen“, so umschrieb der Papst 1979 in seinem ersten Lehrschreiben „Erlöser des Menschen“ den anthropologischen Ausgangspunkt seines Denkens.
Als deutsche und polnische Bischöfe während des Zweiten Vatikanischen Konzils (1962-1965) in Rom einander näherkamen und der Wunsch nach Versöhnung reifte, stand Karol Wojtyla als junger Erzbischof von Krakau nicht abseits. Der Wiener Kardinal Franz König erinnerte sich im Gespräch mit dieser Zeitung daran, daß der Krakauer Erzbischof es war, der vermittelte, wenn wieder einmal Schwierigkeiten auftauchten. Am Ende stand im Herbst 1965 jener Briefwechsel zwischen den deutschen und den polnischen Bischöfen, der zu einem Meilenstein der Versöhnung zwischen beiden Ländern wurde: „Wir vergeben, und wir bitten um Vergebung.“ 1974 zelebrierte Erzbischof Wojtyla zusammen mit dem Münchner Kardinal Julius Döpfner im ehemaligen Konzentrationslager Dachau einen Versöhnungsgottesdienst.
Schüchternheit wich freundlichem, entschiedenem Auftreten
König hatte Karol Wojtyla schon 1958 bei seiner ersten Reise nach Polen kennengelernt. Deutsch zu sprechen wagte der allem Anschein nach schüchterne Pole, der kurz zuvor Weihbischof in Krakau geworden war, damals nicht: „Ich habe keine Übung“, gestand er dem Kardinal aus Wien. Das änderte sich bald - wie auch die Schüchternheit bald einem freundlichen, aber entschiedenen Auftreten wich.
Bald zeigte sich in Polen jene Aufgabenteilung zwischen Primas Stefan Wyszynski und dem Erzbischof Wojtyla, dem „Robusten aus den Bergen“, die bis zu der ersten gemeinsamen Reise nach Deutschland im Herbst 1978 Bestand haben sollte: Wyszynski, das Symbol des Widerstandes gegen die von Moskau gestützte Diktatur der Kommunisten, verließ Polen nicht. Wojtyla ging auf Reisen, knüpfte Kontakte und sammelte in Ost und West Eindrücke - auch im Osten und Westen Deutschlands. In Erfurt, bei der Herbstwallfahrt des Bistums im Jahr 1975, beeindruckte ihn eine Marienpredigt des Weihbischofs Joachim Meisner, in Tübingen imponierte ihm wenig später die Gelehrsamkeit des Professors Walter Kasper.
Ein anderer Tübinger Professor warf jedoch einen Schatten auf das junge Pontifikat Johannes Pauls II. Im Dezember 1979 entzog die Glaubenskongregation Hans Küng die kirchliche Lehrerlaubnis. Rückblickend gilt diese Entscheidung manchen als der Auftakt eines unbarmherzigen Kirchenregiments, das sich hinter der Maske der Menschenfreundlichkeit des Papstes verbarg. Doch selbst wenn es so wäre - der Fall Küng taugte als Beispiel nicht. Nicht eine neue Ära begann mit dem Entzug der Lehrerlaubnis, eine alte ging zu Ende: Kardinal Eper, der scheidende Präfekt der Glaubenskongregation, wollte die seit bald zwei Jahrzehnten anhängige Causa seinem Nachfolger Ratzinger nicht hinterlassen.
Verhältnis zum deutschen Katholiken schien getrübt
Gleichwohl, das Verhältnis zwischen Johannes Paul II. und den Katholiken in Deutschland schien von Beginn an getrübt. Da tat es auch nichts zur Sache, daß der neue Papst mit dem Bestreben seines Vorgängers Paul VI. brach, die katholische Kirche in der DDR endgültig zu verselbständigen und damit die deutsche Zweistaatlichkeit kirchlich anzuerkennen. Nichts lag dem Papst aus Polen ferner. Deutschland war für ihn immer ein verstörend-faszinierendes Ganzes, so wie er es im Juni 1996, während seines dritten Deutschland-Besuchs, im Hubschrauber über dem wiedervereinigten Berlin gegenüber Bischof Lehmann andeutete: „Berlin - das ist der Inbegriff von Preußen, das ist ganz dichte Gegenwart der Zeit des Nationalsozialismus, das ist lebendige Gegenwart des Kommunismus. Und da muß ich hin, da muß der Papst hin.“ Als Johannes Paul II. durch das Brandenburger Tor geschritten war, da war für ihn nicht nur die Wiedervereinigung Deutschlands, sondern auch die Wiedervereinigung Europas besiegelt.
Fasziniert von diesem Papst und verstört zugleich waren indes auch viele Deutsche. Etwa die Kommunisten in Ost-Berlin, denen er nach dem Ende der „vatikanischen Ostpolitik“ und seiner beharrlichen Weigerung, der DDR durch einen Besuch Anerkennung zu verschaffen, noch ein Schnippchen schlug: Auf sein Drängen hin wurde Kardinal Meisner, der im Ostteil der Stadt residierende Bischof von Berlin, im Dezember 1988 Nachfolger des verstorbenen Kölner Kardinals Höffner. Die Symbolik hatte ihren Preis.
Denn der Papst ignorierte nicht nur souverän den Eisernen Vorhang, souverän setzte er sich auch über das staatskirchenrechtlich garantierte Wahlrecht des Kölner Metropolitankapitels hinweg. Doch darüber war mit Johannes Paul II. nicht zu reden. Daß sich eine Ortskirche Rechte herausnimmt, die den Handlungsspielraum des Oberhaupts von einer Milliarde Katholiken einschränken, das ließ sich ebensowenig mit dem Charisma dieses Papstes in Einklang bringen wie die Vorstellung, daß sich ausgerechnet ein deutscher Staat zum Hüter dieser Rechte macht.
Konflikt um Schwangerschaftskonflikt-Beratung
Nicht nur die Kölner Kirche ließ der Papst seine Macht spüren, auch die deutschen Bischöfe. Unter Berufung auf den Jurisdiktionsprimat des Bischofs von Rom veranlaßte er sie im Jahr 1999, mit ihren Beratungseinrichtungen aus der gesetzlichen Schwangerschaftskonflikt-Beratung auszusteigen. Eine Minderheit hatte sich 1995 im Streit über das Für und Wider der Ausstellung von Beratungsbescheinigungen hilfesuchend nach Rom gewandt. Der Papst, der unerbittliche Kämpfer wider die „Kultur des Todes“, brauchte nicht davon überzeugt zu werden, daß jeder Anschein kirchlicher Mitwirkung bei der Tötung ungeborenen Lebens vermieden werden müsse.
Die Mehrheit der Bischöfe in Deutschland wollte die Chancen, die eine katholische Schwangerenberatung bot, nicht preisgeben. Entschieden sich denn nicht Jahr für Jahr Tausende Frauen nach einer Konfliktberatung gegen den Tod und für das Leben? Vier Jahre lang hofften sie unter Führung des Vorsitzenden der Bischofskonferenz, des Mainzer Bischofs Lehmann, mit ihren Argumenten Gehör zu finden. Die Sache war längst entschieden. Gleichwohl bedurfte es im März 2002 noch eines Briefes des Papstes, um den letzten, den Limburger Bischof Kamphaus, zur Räson zu bringen. Alle anderen hatten ihre Gewissensbedenken längst hintangestellt.
Doch so bitter dieser Konflikt war, so wenig sollte er das Bild bestimmen, das sich die Nachwelt vom Verhältnis zwischen Johannes Paul II. und der Kirche in Deutschland machen wird. Haben die Deutschen dem Papst nicht viel mehr zu verdanken? Daß in Gestalt von Kardinal Ratzinger und Kardinal Kasper gleich zwei Deutsche zu den engsten Beratern des Kirchenoberhauptes gehörten, ja daß sogar Bischof Lehmann mit der Kardinalswürde ausgezeichnet wurde, all das ist kein Zufall.
Viele Selig- und Heiligsprechungen Deutscher
Kein Zufall ist es auch, daß in den achtziger und neunziger Jahren die Hoffnungen auf die Überwindung der konfessionellen Spaltung des Christentums so groß wurden wie noch nie. Der Papst selbst hatte bei seinem ersten Deutschland-Besuch im November 1980 jene Gespräche zwischen Repräsentanten der katholischen und der evangelischen Kirche angeregt, die 1999 in die Gemeinsame Erklärung des Vatikans und des Lutherischen Weltbundes über die Rechtfertigungslehre mündeten. Im Jahr 1987, während seines zweiten Deutschland-Besuchs, sprach er unter anderen Edith Stein selig, die zum Katholizismus konvertierte und in Auschwitz ermordete Jüdin. Viele Selig- und Heiligsprechungen Deutscher sollten folgen. Und auch auf deutschem, historisch belastetem Boden war der Papst mit Repräsentanten des Judentums zusammengekommen. Die Begegnung mit ihnen war ihm ein „Herzensanliegen“, wie so viele Begegnungen mit Repräsentanten anderer Religionen auch.
Etwa jenes „Konzert der Versöhnung“, das am Abend des 17. Januar 2004 im Vatikan gegeben wurde. Zur Rechten des Papstes hatte der oberste Rabbi Roms Platz genommen, zu seiner Linken der Imam der römischen Moschee, unter den Gästen war der oberste aschkenasische Rabbiner Israels. Das Pittsburgh Symphony Orchestra spielte, Chöre aus Ankara, Krakau, London und Pittsburgh sangen. Auf dem Programm standen unter anderem Teile der Zweiten Symphonie von Gustav Mahler, die Auferstehungssymphonie. Welch eine Symbolik! Angeregt zu dem ersten Satz dieses Werkes hatte Mahler die „Totenfeier“, ein Drama des in der Kathedrale zu Krakau beerdigten polnischen Nationaldichters Adam Mickiewicz. Im letzten Satz hingegen vertonte Mahler Friedrich Gottlieb Klopstocks Gedicht „Auferstehn“.
Auch an diesem Abend waren die Worte des Papstes nur schwer zu verstehen. Doch wer hören wollte, der hörte. Christen, Muslime und Juden dürften nicht zulassen, daß die Erde von Haß verzehrt und die Menschheit von endlosem Kriegsgeschehen heimgesucht werde. Und „Omnia vincit amor!“ (Die Liebe besiegt alles). Die Symphonie klang aus: „Auferstehn, ja auferstehn wirst du, mein Herz, in einem Nu. Was du geschlagen, was du geschlagen, zu Gott, zu Gott wird es dich tragen.“ So schloß sich der Kreis zwischen Johannes Paul II. und den Deutschen.
Daniel Deckers Jahrgang 1960, in der politischen Redaktion verantwortlich für „Die Gegenwart“.
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