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Johannes Paul II. : Zu Gott wird es dich tragen: Der Papst und die Deutschen

1980 besuchte der Heilige Vater die Bundesrepublik, unter anderem München Bild: dpa/dpaweb

Am 15. November 1980 reiste der neue Papst nach Deutschland. Johannes Paul II. sprach von „inniger Verbundenheit, Liebe und Zuneigung“. Die Worte des Papstes kamen aus tiefstem Herzen - und hätten doch ganz anders ausfallen können.

          Am 15. November 1980 reiste der neue Papst nach Deutschland. Als Erzbischof von Krakau hatte Karol Wojtyla das geteilte Nachbarland schon oft besucht. Er kannte die DDR, und er kannte die Bundesrepublik. Noch Ende September 1978, drei Wochen vor seiner alle Welt überraschenden Wahl zum Nachfolger Petri, war er in Fulda Gast der deutschen Bischöfe gewesen. Am Grab des heiligen Bonifatius, des Apostels der Deutschen, hatten sie gemeinsam einen Gottesdienst gefeiert.

          Daniel Deckers

          in der politischen Redaktion verantwortlich für „Die Gegenwart“.

          Zwei Jahre waren seitdem ins Land gegangen, und aus Erzbischof Karol war Johannes Paul II. geworden. Der hatte mittlerweile Länder und Regionen besucht, die er nie zuvor gesehen hatte - und diese nie einen Papst: Mexiko, Afrika und Brasilien, vor allem aber - im Juni 1979 - seine von Aufruhr gegen die kommunistische Herrschaft erschütterte Heimat. Jetzt, am 700. Todestag des heiligen Albert, des „großen“ deutschen Kirchenlehrers, betrat er wieder „deutschen Boden, dessen Volk und Land ich schon durch frühere Besuche schätzen- und kennengelernt habe“. Diplomatische Höflichkeit gebot dem Papst diese Begrüßung wohl kaum. Erst recht nicht die Rede von „inniger Verbundenheit, Liebe und Zuneigung“. Die Worte des Papstes kamen aus tiefstem Herzen - und hätten doch ganz anders ausfallen können.

          19 Jahre alt beim deutschen Angriff auf Polen

          Denn bevor Karol Wojtyla nach Deutschland kam, hatte er Deutsche in Polen kennengelernt. 19 Jahre alt war er, als die Nationalsozialisten am 1. September 1939 mit dem Angriff auf sein Heimatland den Zweiten Weltkrieg entfesselten, 25, als die Rote Armee am 20. Januar 1945 seinen Geburtsort Wadowice befreiten. Der Deportation als Zwangsarbeiter war er wohl nur entgangen, weil er sich vier Jahre in einem Kalksteinbruch und einer Kläranlage der „Ostdeutschen Chemiewerke“ verdingte.

          Aber Millionen Landsleute waren tot, erschossen, hingerichtet, vergast. Ausgelöscht war auch das Leben vieler jüdischer Freunde und von deren Familien. Lolek, wie man ihn rief, hatte mit ihnen einst die Schule und auch die Synagoge von Wadowice besucht, Theater und Fußball gespielt. Die Erinnerung an Auschwitz-Birkenau, von dem heimatlichen Wadowice und der späteren Bischofsstadt Krakau nicht weit entfernt, sollte Karol Wojtyla niemals verlassen.

          Noch während der Besatzung lernte Wojtyla Deutsch

          Doch die Saat des Hasses, die die Nationalsozialisten in Polen ausgebracht hatten, ging in ihm nicht auf. Noch während der Besatzung hatte der angehende Priester Deutsch gelernt und konnte die Werke deutscher Philosophen in der Originalsprache lesen. Edmund Husserls Phänomenologie und Max Schelers „materiale Wertethik“ sollten sein Denken und Handeln zeitlebens prägen.

          Ob in dem Lehrschreiben „Evangelium des Lebens“, in dem der Papst die unbedingte Achtung der Würde des menschlichen Lebens von seinem Beginn bis an sein Ende darlegte, oder ob in seinen Mahnungen an die Mächtigen der Welt, nicht Krieg und Gewalt triumphieren zu lassen, sondern dem Frieden eine Chance zu geben - der Papst dachte nicht in Kategorien formaler Ethik oder des Naturrechts. „Es geht um jeden Menschen in all seiner unwiederholbaren Wirklichkeit im Sein und im Handeln, im Bewußtsein und im Herzen“, so umschrieb der Papst 1979 in seinem ersten Lehrschreiben „Erlöser des Menschen“ den anthropologischen Ausgangspunkt seines Denkens.

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