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Johannes Paul II. Ende eines Pontifikats

28.03.2005 ·  Der unter Qualen erteilte Segen „Urbi et Orbi“ hat auch dem letzten Gläubigen klar gemacht: Papst Johannes Paul II. kann kaum noch sein Amt führen. Hinter den Mauern des Vatikans bereiten sich daher schon viele auf die Zeit nach Karol Wojtyla vor.

Von Valeska von Roques
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Bis spät in die Nacht schimmerte einst das warme Licht einer Lampe aus dem Arbeitszimmer des Papstes im Apostolischen Palast.

Gläubige, die zu jenen Zeiten den Petersplatz überquerten, konnten damals sagen: „Schaut doch nur, er arbeitet noch. Für die Kirche, für uns.“ Aber das ist lange her. Seit etlichen Jahren schon regiert der Papst nur wenige Stunden am Tag - wenn überhaupt. Zwar hat er sich um die Einzelheiten seines Regierungsgeschäftes nie richtig gekümmert. Es war ihm wichtiger, die Botschaft des Evangeliums in aller Welt zu verbreiten, vor Millionenmengen, rings um den Erdball, vor den Fernsehkameras aller Nationen. Als „Video-Pontifikat“ ist die Herrschaft des Karol Wojtyla deshalb bezeichnet worden. Gleichwohl war er in der Kurie höchst aktiv.

Rückzug aus dem Arbeitsleben

Der Tag des Karol Wojtyla begann meist in den frühen Morgenstunden. Jetzt lassen ihn seine Mitarbeiter bis spät vormittags schlafen. Ein überaus loyaler Prälat, dessen Stimme Sorge um seinen Dienstherrn verrät, weiß zu berichten: „Vormals hat der Heilige Vater jedes Dossier, das ihm vorgelegt wurde, präzise studiert und am Ende seine ,positio', seine Entscheidung über die Vielfalt der dargestellten Meinungen präzisiert. Heute reicht er den Stapel nach dem Mittagessen meist ungelesen zurück.“ Er vergesse manchmal sogar, hinter seinen Namen die Buchstaben P.P. für „Pius Pontifex“ zu setzen - eigentlich undenkbar für einen Papst.

Aufgegeben hat es Johannes PaulII. auch seit mindestens drei Jahren, sich mit den Kurienkardinälen zu treffen, um mit ihnen persönlich die dringenden Fragen ihrer Kongregationen - der „Ministerien“ der Kirchenregierung - zu besprechen. „So werden wichtige Entscheidungen nicht gefällt, Neuerungen gar nicht versucht. Der sowieso schwerfällige Apparat der Kurie bewegt sich in bürokratischem Leerlauf“, berichtet der Prälat

Krieg um die Macht

Zwar bleibt dem 84 Jahre alten Pontifex ein unbändiger Wille zum Überleben, doch der Körper verweigert ihm zunehmend den Dienst. Während der vergangenen sechs Wochen mußte Johannes PaulII. zweimal stationär im römischen Gemelli-Krankenhaus behandelt werden, weil er nach schweren Hustenanfällen zu ersticken drohte. Die Tracheal-Kanüle, die ihm in der Höhe des Kehlkopfes eingesetzt wurde, bleibt eine medizinisch fragwürdige Lösung. Die Gefahr einer erneuten Infektion ist groß. Gegen den Rat der Ärzte kehrte der Papst zudem vorzeitig in den Apostolischen Palast zurück, eine in jeder Hinsicht alles andere als keimfreie Umgebung.

Doch während der Sprecher des Heiligen Vaters, Joaquin Navarro-Valls, von der Gesundung des Papstes plaudert, tobt hinter den Mauern des Vatikans längst ein Krieg der Potentaten um die Macht. Es gilt, das faktische Interregnum zu nutzen, um eigene Positionen zu sichern und auszubauen. In diesem von der Öffentlichkeit weithin unbemerkten Gerangel mäandern die Fronten. Gleichwohl sind verschiedene Lager und ihre wichtigsten Akteure deutlich zu erkennen, und es kommt immer häufiger zu harten Zusammenstößen zwischen den Parteien.

Blümchen des heiligen Franziskus

Um den Papst und das „appartamento“ (wie seine und die Funktion seiner engsten Mitarbeiter in vatikanischem Sprachgebrauch genannt werden) schart sich eine „polnische Fraktion“ unter Führung seines persönlichen Sekretärs Stanislaw Dziwisz. Der war immer der wichtigste Mann in der Nähe des Karol Wojtyla und hat von jeher mit eiserner Entschlossenheit über den Zugang zum Pontifex gewacht. An ihm kam niemand vorbei, selbst viele der Mächtigsten in der römischen Kurie nicht. Seit Dziwisz zum Erzbischof ernannt wurde, gewann wiederum dessen Stellvertreter, Monsignor Mokrzycki, an Einfluß. Ein ergebener Vasall ist auch der Leiter der polnischen Sektion im Staatssekretariat, Pawel Ptasnik. Er hat unter anderen dafür gesorgt, daß die „polnische Fraktion“ im Vatikan, mitsamt Priestern und Schwestern, auf mehr als hundert Mitglieder anwuchs.

Viele von ihnen dürften in Anbetracht der Hinfälligkeit des polnischen Papstes um ihre Zukunft fürchten. Gleichwohl ist die Zugehörigkeit zur Truppe der Allergetreusten nicht an eine bestimmte Nationalität gebunden. Wichtigster Protagonist des Wojtyla-Lagers im Vatikan ist beispielsweise der Sprecher des Heiligen Stuhls, Joaquin Navarro-Valls. Gelernter Arzt, später Korrespondent der spanischen Tageszeitung „ABC“ in Rom, holte ihn Johannes Paul II. vor 21 Jahren ins Amt. Navarro-Valls verwandelte die verstaubte Pressestelle des Heiligen Stuhls in eine gut geölte Propagandamaschine. So werden die Berichte des Sprechers über den Zustand des Heiligen Vaters von Fachleuten denn auch als „fromme Legenden“ bezeichnet, als „Blümchen des heiligen Franziskus“.

Das „Gegenlager“ profitiert

Glaubte man Navarro-Valls, befände sich Johannes Paul II. auf einem langsamen, aber steten Weg der Genesung; schon im Krankenzimmer habe er mit höchsten Würdenträgern der Kurie über Fragen der katholischen Kirche debattiert, wenngleich schriftlich. Von einer Messe, die der Papst umgehend nach seiner Rückkehr aus dem Krankenhaus in seinem Arbeitszimmer gelesen habe, war die Rede. Die Messe aber las in Wahrheit Dziwisz. Und der Papst empfing die Kommunion von einem Untergebenen - ein Unding nach den Regeln der katholischen Hierarchie.

Vom Machtverfall des Papstes profitiert unterdessen das „Gegenlager“, die Kurie und ihre führenden Männer. Sie sind zwar keine Gegner des polnischen Papstes, verfolgen aber ihre eigenen Interessen und die ihrer Seilschaften, ohne die im Vatikan keine Karrieren gemacht werden. Vier Würdenträger sind hier besonders wichtig: Kardinalstaatssekretär Angelo Sodano, Jahrgang 1927, der Chef der Kirchenregierung. Giovanni Battista Re, geboren 1934, rechte Hand von Sodano, ist in Italien als Präfekt der Bischofskongregation für die Ernennung der höchsten kirchlichen Würdenträger auf lokaler Ebene zuständig. Der 78 Jahre alte Joseph Kardinal Ratzinger, Chef der Kongregation für Glaubensfragen, wirkt als oberster Hüter der katholischen Orthodoxie. Das amerikanische Magazin „Time“ ernannte ihn kürzlich gar zum künftigen Papst - und überschätzte damit eindeutig seine Position. Zu guter Letzt ist Camillo Kardinal Ruini, 72, Stellvertreter des Papstes in dessen römischer Diözese und mächtiger Präsident der italienischen Bischofskonferenz, ein enger Vertrauter Wojtylas. Zwar dürfte keiner dieser vier Männer jemals Papst werden, doch ist ihr Einfluß auf die Versammlung der gegenwärtig 120 Kardinäle, welche das Wahlgremium bilden, gewaltig.“

„Jesus ist auch nicht vom Kreuz herabgestiegen

Das hat vor allem mit der von Johannes Paul II. vor neun Jahren erlassenen neuen Wahlordnung zu tun: Anstatt der bislang erforderlichen Zweidrittelmehrheit genügt seither - nach 33 Wahlgängen - die einfache Mehrheit. Damit ist die oft langwierige Suche nach einem Kompromißkandidaten, die nach dem Patt zwischen den Kardinälen Benelli und Siri im Jahr 1978 den Überraschungskandidaten Karol Wojtyla auf den Heiligen Stuhl brachte, passe. Der Einfluß von Kurfürsten wie Sodano, Ratzinger, Re oder Ruini dagegen wuchs. Sie sind derzeit nach Meinung von Beobachtern „die vier Kardinäle am Steuer der Kirchenregierung“.

Aus dieser Gruppe hat sich Angelo Sodano bisher am weitesten vorgewagt: „Rücktritt? Überlassen wir das seinem Gewissen. Der Papst weiß, was er zu tun hat“, sagte Sodano Anfang Februar vor einem kleinen Kreis von Journalisten. Das klingt unverfänglich, gleichwohl witterten viele darin eine subtile Aufforderung. Oft genug hatte Johannes Paul II. denn auch verkündet, er werde seinen Leidensweg zu Ende zu gehen: „Jesus ist auch nicht vom Kreuz herabgestiegen.“ Diese beinahe mystische Auffassung des Papstes von seinem Amt hat sein Kardinalstaatssekretär nun in Frage gestellt.

Drei italienische Favoriten

Auch das unter der Führung von Sodano beschlossene Programm der Kirchenfürsten für die Osterwoche könnte dem in seine Wohnung zurückgekehrten Papst zeigen, wie ersetzbar er sogar in der heiligsten Woche der katholischen Kirche geworden ist. Demnach sollte Kardinal Ratzinger die liturgischen Zeremonien der Osternacht leiten; Angelo Sodano hätte das „urbi et orbi“ zu verkünden, während Camillo Ruini die Hochämter des Ostersonntags zelebrieren würde. Das hätte mit Rücksicht auf den Papst durchaus eleganter gelöst werden können, legt doch die Regelung nahe, daß Johannes Paul II. nach Auffassung seiner wichtigsten Kardinäle nicht mehr amtiert.

Zugleich verdichten sich in vatikanischen Kreisen die Spekulationen über die Nachfolge des polnischen Papstes. Drei italienische Favoriten werden genannt: Dionigi Kardinal Tettamanzi, Erzbischof von Mailand; Angelo Kardinal Scola, Patriarch von Venedig (ein Amt, das schon mehreren Päpsten als Sprungbrett zum obersten Hirtenamt diente). Außenseiterchancen werden noch dem neu ernannte Angelo Kardinal Comastri zugeschrieben, dem Oberhirten des Petersdoms. Entgegen einer verbreiteten Meinung gibt es ernsthafte Kandidaten aus Afrika nicht. Indessen wird in Rom viel über Amtsanwärter aus Lateinamerika geredet, dem Kontinent mit der größten Zahl von Katholiken. Ein hohes Profil wird etwa dem Argentinier Jorge Maria Kardinal Bergoglio, Erzbischof von Buenos Aires, zugeschrieben - allerdings ist er Jesuit, was noch immer als Nachteil in der Welt der katholischen Kirche gilt. Vorläufig als Außenseiter zu werten ist der Wiener Christoph Kardinal Schönborn, ein polyglotter Dominikaner. Er knüpft allerlei Drähte, mit denen er seine Gefolgschaft in der Kardinalsversammlung zu sichern sucht. So gründete Schönborn etwa die kirchliche Fachzeitschrift „Oasis“, die er in fünf Sprachen an die Kardinäle und Bischöfe des Nahen Ostens und Asiens verschickt: erkennbar eine kluge Kampagne.

Auf dem Petersplatz sammeln sich derweil die Osterpilger, besonders viele aus Polen. Ihre Mienen sind besorgt, etliche beten. Die Römer dagegen nehmen den wohl bevorstehenden Wechsel auf dem Heiligen Stuhl gelassener: „Wenn ein Papst stirbt, macht man halt einen neuen“, sagt man in der Ewigen Stadt.

Quelle: Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung, 27.03.2005, Nr. 12 / Seite 55
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