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Johannes Paul II. Der jüdische Bruder als Freund

04.04.2005 ·  Der Tod des Papstes findet große Anteilnahme in Israel. Denn er war es, der sich für die Versöhnung und die Brüderlichkeit zwischen den beiden Religionen einsetzte.

Von Jörg Bremer
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Angesichts der fast nur durch Feindschaft geprägten Geschichte der Beziehungen von Judentum und katholischer Kirche suchen die Israelis nach Gründen für ihre große Anteilnahme am Tode Papst Johannes Paul II. Für Israel war er „ein Mann des Friedens und ein Freund des jüdischen Volkes“, wie Ministerpräsident Scharon feststellte. Ähnlich äußerte sich Außenminister Schalom, der mit Staatspräsident Katzav zur Trauerfeier reisen wird: „Israel, das jüdische Volk und die ganze Welt haben einen großen Vorkämpfer der Versöhnung und der Brüderlichkeit zwischen den Religionen verloren.“

Früher gingen die Päpste die Juden nichts an. Jetzt sagte Katzav, er kondoliere im Namen des jüdischen Volkes. Man werde Johannes Paul II. als den religiösen Führer in Erinnerung behalten, der „mutig aufgestanden ist und ein historisches Unrecht beendet hat, indem er Vorurteile und Anschuldigungen gegen die Juden offiziell zurückwies“. Noch deutlicher rückte der stellvertretende Ministerpräsident Peres den die Juden einschließenden Humanisten von St. Peter in den Mittelpunkt, den „echten geistlichen Führer, der nicht nur seine traditionellen Gläubigen, sondern die gesamte menschliche Familie umarmte“.

Einer der „Gerechten unter den Völkern“

Der orthodoxe Rabbiner David Rosen weist in einem Beitrag für die israelische Zeitung „Haaretz“ darauf hin, daß erst dieser Papst das Judentum in die Geschichte zurückgeholt habe, indem er „eindeutig feststellte, daß die Idee falsch ist, wonach die Kirche das jüdische Volk ersetzt hat“. Im politischen Kontext machte dies die erste Reise eines Papstes nach Israel möglich, die er im März 2000 antrat. Johannes Paul II. wollte von der bis dahin von der Kirche hervorgehobenen Heimatlosigkeit der durch Christi Leugnung vertriebenen Juden nichts mehr wissen. Für diesen Papst durfte ein Jude nicht zum Christentum konvertiert werden.

Die Zeitung „Maariv“ berichtete davon, daß die Holocaustgedenkstätte Yad Vashem den Papst - nun erst nach seinem Tod - zu einem der „Gerechten unter den Völkern“ erklären wolle, weil er als junger Priester in Krakau nach dem Krieg entgegen damaliger Kirchenpraxis einen jungen Juden nicht taufen wollte. Karol Wojtyla hatte erfahren, daß das zu taufende Waisenkind von seiner jüdischen Mutter einer christlichen Familie zur Adoption übergeben worden war, allein um sein Leben zu retten. Dieser Stanley Berger betreibt derzeit das Verfahren in Yad Vashem.

Jesus als Klammer der Religionen

Die Israelis erinnern sich des ersten Besuchs eines Papstes in der Großen Synagoge von Rom im Jahr 1986. Aber viel mehr noch scheinen nun Bilder jener Pilgerreise ins Heilige Land während des Heiligen Jahrs auf, die möglich wurde, nachdem der Vatikan 1993 diplomatische Beziehungen mit Israel aufgenommen hatte. Der Besuch sollte die Israelis daran erinnern, daß auch Christen in diesem Heiligen Land leben und daß sie den Schutz des Staates brauchen. Bei seiner Predigt in Galiläa über dem See Genezareth - nicht weit entfernt von der Stelle, wo die Tradition Jesu Predigt der Seligpreisungen stattfinden läßt - erinnerte der Papst an den Juden Jesus, der sich im Christentum verwirklicht und beide Religionen verklammert.

Auch predigte der Papst auf dem Krippenplatz in Bethlehem vor Hunderttausenden Palästinensern, die sich - ob christlich oder muslimisch - getröstet sahen angesichts von Besatzung und Unterdrückung. „Er leidet mit uns“, hieß es, und der Palästinenserpräsident Abbas nannte den Papst sogar einen „Mann des Friedens“ und „einen Mann des Dialogs, der für die heilige palästinensische Sache kämpfte“. Der palästinensische Minister Abed Rabbo ergänzte: „Wir werden uns nach ihm sehnen.“

Sehnsucht nach einem solchen Oberhaupt

Lebendig bleiben die Bilder dieses Papstes beim Besuch in Yad Vashem und an der gemeinhin „Klagemauer“ genannten herodianischen Stützwand des jüdischen Tempels, die heute den drittheiligsten Schrein der Muslime trägt. Der leicht zitternde alte Mann in seinem weißen Gewand steckte dort nach jüdischer Tradition ein Papier zwischen die Steine. Darauf war seine Bitte um Vergebung für die Sünden der Christen gegenüber den Juden niedergeschrieben. Der Papst zeigte, daß er denselben Weg zu Gott sucht wie die Juden.

Papst Johannes Paul II. erhob sich nicht über die Juden, so wie es viele Enzykliken und Denkschriften bisher getan hatten. Er suchte den „älteren jüdischen Bruder“ als „Freund“. Als der Papst im Frühling 2000 Israel und die palästinensischen Gebiete verließ, schien der Frieden nahe zu sein. Plötzlich schämten sich selbst Rabbiner wegen des Kleinkriegs zwischen ihren innerjüdischen Fraktionen und sehnten sich nach einem solchen Oberhaupt. Doch Ende September brachen die blutigen Auseinandersetzungen der „zweiten Intifada“ aus, und in der israelischen Nation tobt bis heute der verbissene Kampf um Land und Religion. Trotzig klingen da die Worte des Custos der Franziskaner im Heiligen Land, Battista, der auf hebräisch im israelischen Radio sagte: „Der Papst ging Schritte, die nicht zurückgegangen werden können.“

Quelle: F.A.Z., 05.04.2005, Nr. 78 / Seite 4
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Jahrgang 1952, politischer Korrespondent für Italien und den Vatikan mit Sitz in Rom.

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