Was macht der Chefvolkswirt einer großen Bank? In Deutschland war er bisher vor allem ein politisches Sprachrohr der Bank nach außen, oft direkt dem Vorstand unterstellt. In den angelsächsischen Ländern hingegen ist der Chefvolkswirt in die gesamte Forschung und Analyse der Bank integriert, seine Schätzungen und Prognosen sind Grundlage und Bestandteil des Investmentprozesses. Dem angelsächsischen Vorbild folgend, hat die Hypo-Vereinsbank ihre volkswirtschaftliche Abteilung mit den anderen Analyseeinheiten der Bank zusammengeführt: Die Bank hatte bereits im März dieses Jahres unter dem Namen HVB Global Markets Research die Bereiche Aktien, Devisen- und Zinsen sowie Kredit zusammengefaßt. Jetzt bekommt diese Analyseeinheit einen neuen Chefvolkswirt: Vom 1. April kommenden Jahres an wird Jörg Krämer (38 Jahre), bisher Chefvolkswirt bei der Fondsgesellschaft Invesco, neuer Chefvolkswirt der Hypo-Vereinsbank und löst den 62 Jahre alten Martin Hüfner ab, der seit 1988 in dieser Tätigkeit zunächst für die Bayerische Vereinsbank und seit der Fusion von 1998 für die Hypo-Vereinsbank tätig war.
Krämers Profil kommt der neuen Interpretation der Rolle eines Chefvolkswirtes entgegen: Der promovierte Volkswirt hat schon immer marktnah gearbeitet. Er sieht die Aufgabe der Volkswirte auch darin, Antworten auf Fragen zu geben, welche die Marktteilnehmer an den Kapitalmärkten bewegen - Ökonomie ist für ihn kein Selbstzweck. Diese Marktnähe hat ihm - zusammen mit seiner Kreativität bei der Auswahl und Bearbeitung von Kapitalmarktthemen - in der Finanzbranche einen hervorragenden Ruf eingebracht.
Krämer stammt als Schüler von Horst Siebert in Kiel aus einer der großen Kaderschmieden des deutschen Ordoliberalismus, seine Ausbildung ist aber stark empirisch geprägt - eine Anforderung, die für den neuen Typus Chefvolkswirt viel wichtiger ist als eine wie auch immer geartete politische Ausrichtung. Als empirischer Ökonom, der Theorien und Hypothesen mit Hilfe der Statistik und Ökonometrie überprüft, weiß er, daß die Welt nie ganz weiß oder schwarz ist. Und für die institutionellen Kunden, die Krämer in seiner neuen Position - anders als oftmals ein Chefvolkswirt alter Prägung - besuchen wird, zählt letztlich, wie gut seine Prognosen sind.
Mit der veränderten Interpretation der Rolle des Chefvolkswirtes einhergegangen ist auch eine organisatorische Veränderung für die zuvor relativ unabhängig agierende Volkswirtschaftliche Abteilung, so daß in den Medien von einer "Entmachtung" Hüfners und atmosphärischen Störungen die Rede war. Daß mit einem neuen Rollenverständnis einer Position eine veränderte Führungsstruktur notwendig ist, liegt nahe, ebenso wie der Gedanke, daß der 62 Jahre alte Hüfner, der in der Branche und den Medien ein hohes Ansehen genießt, wohl nicht noch einmal einen kompletten Neuanfang machen wollte, der mit dieser Umgestaltung einhergehen wird. Hüfner wird laut Hypo-Vereinsbank eine beratende Funktion für den Vorstand übernehmen.
Der literaturbegeisterte Krämer, der eine Vorliebe für Theodor Fontane hat, ist nicht der erste Kieler, der die Rolle des Chefvolkswirtes nicht so politisch interpretieren wird, wie es beispielsweise der ebenfalls in Kiel geschulte Norbert Walter bei der Deutschen Bank tut: Holger Schmieding bei der Bank of America, Joachim Fels bei Morgan Stanley, Thomas Mayer für die Deutsche Bank - viele in der Finanzbranche prominente Volkswirte haben ihren Schliff in Kiel erhalten. Krämer begann seine Laufbahn 1992 in der Konjunkturabteilung des Kieler Instituts für Weltwirtschaft und wechselte nach seiner Promotion als Deutschland-Volkswirt zu Merrill Lynch; von dort aus wechselte er 1997 zu Invesco.