02.11.2006 · Alltag und Anforderungen an einen Berater im Job-Center eines Arbeitsamts: Christian Aakipogu-Gutermilch ist „persönlicher Ansprechpartner“ für 266 Hartz-IV-Empfänger. Er kämpft gegen Täuscher und Trickser und dafür, daß Menschen wieder auf eigenen Beinen stehen.
Von Uta Rasche, FrankfurtEin schlichtes Büro mit Linoleum-Fußboden, Ausblick auf die Gleise des Westbahnhofs im Frankfurter Stadtteil Bockenheim. Vor der Tür eine lange Reihe Plastikstühle und Ständer mit Informationsblättern. Drinnen ein aufgeräumter Schreibtisch, an den ein kleiner weißer Besprechungstisch geschoben ist, und zwei Stühle für die „Kunden“.
Nicht gerade einladend, aber auch nicht abstoßend. Hier, an der „Front des Sozialstaats“, arbeitet Christian Aakipogu-Gutermilch. Seit März ist der Sozialpädagoge „persönlicher Ansprechpartner“ für 266 Hartz-IV-Empfänger im Job-Center des Arbeitsamtes Frankfurt-West.
„Die Hand aufhalten. Das ist ihnen anerzogen worden“
Der Mann ist groß und schlank, hat einen festen Händedruck und einen interessierten, optimistischen Blick. Hinter ihm stapeln sich Akten; nur der Haufen mit den erledigten Fällen ist überschaubar. Aakipogu-Gutermilch kämpft für die richtige Verteilung von Fördermitteln und Kursen, gegen Täuscher und Trickser und dafür, daß Menschen, die jahrelang Sozialhilfe bezogen haben, wieder auf eigenen Beinen stehen.
Das ist am schwierigsten: „Die meisten finden es völlig normal, daß sie in ein Amt kommen, ein Formular ausfüllen und dann nur noch die Hand aufhalten. Das ist ihnen anerzogen worden. Wir müßten aber eigentlich alle Gesunden direkt unten bei der Anmeldung abfangen und sofort in eine Maßnahme stecken oder ihnen einen Job vermitteln. Sie sollen sich daran gewöhnen, daß der Weg zum Arbeitsamt auch zu Arbeit oder zumindest Beschäftigung führt - nicht nur zum Bezug von Geld.“
Jeden mit einer „Maßnahme“ versorgen
Der Sozialstaat, der die „Leistungsempfänger“ passiv gemacht hat, bringt zumindest ihm eine Menge Arbeit: Die meisten seiner 266 Klienten hat Aakipogu-Gutermilch in den vergangenen sieben Monaten einbestellt, etwa dreißig fehlen noch. Bis zum Jahresende will er alle gesehen haben.
Eine seiner Vorgaben lautet, daß jeder bis dahin mit einer „Maßnahme“ versorgt sein muß. Das kann ein Sprach-, EDV- oder Alphabetisierungskurs sein, eine überbetriebliche Ausbildung, ein Existenzgründer-Seminar, ein Ein-Euro-Job, eine Aushilfstätigkeit oder Zeitarbeit.
Das ist ihm bisher nur in zehn oder fünfzehn seiner 266 Fälle gelungen. Für einen Teil bleibt nur der Weg in eine Erwerbsunfähigkeitsrente oder in die „Ü58“-Regelung (wer älter als 58 Jahre ist, kann Hartz IV bekommen, ohne sich weiter vermitteln lassen zu müssen). „Immerhin sind sie dann aus der Statistik.“
Aakipogu-Gutermilch ist hoch motiviert
Aakipogu-Gutermilch war zuvor beim Internationalen Bund, einem freien Träger der Jugend-, Sozial- und Bildungsarbeit, beschäftigt. Jetzt verdient er netto etwa 70 Euro mehr, als ihm nach Hartz IV zustünde. Er ist mit einer aus Indien stammenden Frau verheiratet und hat eine kleine Tochter.
Seine Stelle ist alles andere als sicher, denn viele Hartz-IV-Betreuer haben bis 2008 befristete Verträge. Aakipogu-Gutermilch ist hoch motiviert: Zum einen will er übernommen werden, zum anderen erfährt er am eigenen Leib, wie knapp öffentliches Geld ist. Ihm kann es nicht egal sein, wenn andere Geld beziehen, ohne sich anzustrengen, oder aber durch Betrug mehr bekommen als er.
Er ruft die Polizei
Wenn auch ihre ökonomische Lage ähnlich ist, etwas Wesentliches unterscheidet Aakipogu-Gutermilch von seinen Kunden: Er sitzt auf der anderen Seite des Schreibtisches. Er hat Macht. Er kann Gutes tun. „Mal bin ich Psychologe, mal Berater, mal Detektiv und mal Richter.“
Der Detektiv: Ein Mann im Armani-Anzug mit nagelneuem Samsonite-Koffer und Trolley kommt in das kleine Büro. Er sagt, jemand habe ihm einen Job in den Vereinigten Staaten angeboten. Jetzt brauche er ein Ticket, um dorthin zu fliegen. Er werde so lange im Arbeitsamt bleiben, bis er das Geld bekomme.
Der Mann bleibt hartnäckig. Aakipogu-Gutermilch ruft beim Einwohnermeldeamt an und erfährt, daß der Mann wegen Mietschulden und anderer Delikte von der Polizei gesucht wird. Er ruft die Polizei, ein Kollege verwickelt den Mann in ein Gespräch. Nach einer halben Stunde wird er abgeführt.
Von zwei Ämtern Geld bezogen
Ein Fünftel seiner Klienten, so schätzt der Sozialpädagoge, versuche ihn in irgendeiner Weise zu täuschen: Da gibt es den Mann, der sich in Frankfurt und in Hildesheim angemeldet hatte und von beiden Ämtern Geld bekam. „So etwas kann man nur herausfinden, wenn man die Personalausweisnummer vermerkt und sich die Mühe macht, die Meldedaten bundesweit zu überprüfen“, sagt Aakipogu-Gutermilch.
Leider sei solche Umsicht nicht die Regel. Um ihn zu überführen, bestellten beide Job-Center den Mann für denselben Tag zur selben Uhrzeit ein. An einem Ort erschien er nicht. Andere lassen sich plötzlich krank schreiben, wenn sie anfangen sollen zu arbeiten.
Aakipogu-Gutermilch kennt mittlerweile viele Wege, Hartz IV „aufzubessern“: Manche Ausländer melden in Deutschland Kinder an und erhalten für sie Geld, obwohl der Nachwuchs gar nicht hier lebt. Manche haben mehrere schwarze Jobs und kommen zusammen mit Hartz IV auf einen stattlichen Nettoverdienst. Wieder andere melden ein Gewerbe an, ohne das Job-Center zu informieren, und beziehen weiter Arbeitslosengeld.
In einen anderen Stadtteil entwischt
Der Richter: Dreißig bis vierzig seiner Klienten hat er Leistungen gekürzt, weil sie nicht kooperierten, zu Kursen nicht oder dauernd unpünktlich erschienen, keine Bewerbungen schreiben wollten. Dreimal ist es ihm in den acht Monaten passiert, daß jemand, den er „richtig am Wickel hatte“, also regelmäßig einbestellte, und dem er Auflagen machte, ihm durch eine Ummeldung in einen anderen Stadtteil entwischte. „Dort ist dann wieder ein anderer Vermittler für ihn zuständig, und bis der merkt, daß irgend etwas nicht stimmt, vergehen Monate oder Jahre.“
Der Berater: Ein Marokkaner, der Hartz IV bezieht, holt seine Frau aus seinem Heimatland nach. Die Frau kommt in das kleine Amtszimmer und ist verzweifelt. Der Mann lebe nicht in der ehelichen Wohnung, sie bekomme von ihm kein Geld, er sei Alkoholiker und handle mit Drogen. Aakipogu-Gutermilch vermittelt ihr einen Deutschkurs und rät ihr, eine eigene „Bedarfsgemeinschaft“ zu gründen, damit sie eigenes Geld erhält.
Ein trauriges, blasses Gesicht und merkwürdige Kleidung
Der Psychologe: Ein Deutscher mit Abitur, 30 Jahre alt, aber ohne Ausbildung, kommt, um Hartz IV zu beantragen. Aakipogu-Gutermilch wundert sich über sein trauriges, blasses Gesicht und seine merkwürdige Kleidung und spricht ihn darauf an.
Es stellt sich heraus, daß der junge Mann seit zehn Jahren seine psychisch kranke Mutter versorgt. Sein größter Wunsch: nicht mehr bei ihr zu wohnen und ein eigenständiges Leben führen. Aakipogu-Gutermilch findet einen Heimplatz für die Mutter. Der junge Mann beginnt eine Therapie und ordnet sein Leben.
Ab und zu droht ein „Kunde“ ihn zu verprügeln
Manche seiner Klienten sind ihm dankbar. Sie schicken Briefe und Pralinen. Andere beschimpfen ihn. „Tatsächlich verlangen wir von den Leuten mehr als früher“, sagt er. Ab und zu droht ein „Kunde“, ihn zu verprügeln. Für solche Fälle hat Aakipogu-Gutermilch einen Alarmknopf auf dem Bildschirm seines Computers.
Damit kann er Kollegen aus den umliegenden Zimmern herbeirufen. Auch der Mitarbeiter des privaten Sicherheitsdienstes, der den Empfangsraum bewacht, kommt dann. Der Wachmann verdient sieben Euro die Stunde.