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Holocaust-Überlebender Bacon : Sonst hätte Hitler gewonnen

Die Bilder des jüdischen Künstlers und Holocaust-Überlebenden Yehuda Bacon wurden als Beweismaterial im Eichmann-Prozess in Jerusalem und im Frankfurter Auschwitz-Prozess zugelassen. Bild: Courtesy of the Yad Vashem Art Museum, Jerusalem

Der Maler Jehuda Bacon kam als Junge nach Auschwitz. Er gehörte zu einem Hilfstrupp von Lagerinsassen, den „Birkenau Boys“. Seine Bilder halfen ihm, mit dem Unbegreiflichen zu leben.

          Jehuda Bacon ist ein freundlicher Mann. Der israelische Maler lächelt auch dann noch, wenn er erzählt, wie er in Auschwitz lebend aus der Gaskammer zurückkehrte. Sein Deutsch klingt sanft und melodisch, ein wenig wie aus einer vergangenen Zeit mit Worten wie Nachtmahl und Obhut. Jehuda Bacon kam 1929 in Mährisch-Ostrau zur Welt. Er überlebte als Einziger seiner jüdischen Familie – erst Theresienstadt, dann Auschwitz, Mauthausen und zwei Todesmärsche.

          Hans-Christian Rößler

          Politischer Korrespondent für die Iberische Halbinsel und den Maghreb mit Sitz in Madrid.

          „Bei meiner Befreiung war ich fünfzehn Jahre alt, aber hatte die Erfahrungen eines Achtzigjährigen“, sagt er heute. Dreizehn Monate verbrachte er als Junge in Auschwitz, das russische Soldaten an diesem Dienstag vor 70 Jahren befreiten. Im Lager hatten die Häftlinge schon den Geschützdonner der nahenden Front gehört. Doch wenige Tage bevor die Befreier kamen, trieb die SS ihn und Tausende andere Häftlinge durch die eisige Winterkälte in Richtung Österreich ins KZ Mauthausen.

          In eine leere Gaskammer zum Aufwärmen

          Jehuda Bacon hat nichts vergessen. Er prägte sich alles genau ein. Und oft war seine Neugier größer als die Angst. „Ich wollte wissen, wie alles funktioniert“, erinnert er sich und meint damit den Tag, als er in Auschwitz-Birkenau eine Gaskammer betrat. Er gehörte einem Trupp Jungen an, die die SS leben ließ, weil die Pferde im Krieg knapp wurden. Sie gingen als „Birkenau Boys“ in die Geschichte ein. Anstelle der Tiere mussten die Kinder schwere Wagen durchs Lager ziehen.

          „Malen war meine Rettung“: Jehuda Bacon im Sommer 2014 am Holocaust-Mahnmal in Berlin. Bilderstrecke
          „Malen war meine Rettung“: Jehuda Bacon im Sommer 2014 am Holocaust-Mahnmal in Berlin. :

          Ende 1944 durften er und seine Freunde an einem bitterkalten Wintertag in eine leere Gaskammer – „zum Aufwärmen“, wie man ihnen sagte. Die anderen fürchteten sich und wollten nicht mitkommen. Jehuda Bacon stieg sofort die Treppen hinunter und sah, was sich in sein Gedächtnis einbrannte: die Duschköpfe, die nur Einbuchtungen und keine richtigen Löcher hatten, die Ventilatoren, die Abflüsse im Boden.

          Er brachte die Männer des Sonderkommandos dazu, ihm alles zu zeigen und zu erklären. „Damit ich berichten kann, wenn ich hier herauskomme“, sagte er den jüdischen Häftlingen, die in den Gaskammern und Krematorien arbeiten mussten, bevor auch sie getötet wurden. Erst wollten die Männer nicht reden, doch dann erzählten sie ihm, wie sie die verängstigten Menschen beruhigten, die sich vor den Gaskammern entkleideten: Sie sollten sich beeilen, damit die heiße Suppe nicht kalt werde, die nach dem Duschbad auf sie warte. Wenig später beförderten sie in Aufzügen die Leichen nach oben ins Krematorium. Auch dort war Jehuda Bacon und sah die Kisten mit Goldzähnen und die Berge aus Haaren neben den Öfen.

          Wichtige Beweismittel im Eichmann-Prozess

          Alles hat sich eingeprägt. „Ich dachte, ich muss einfach nur erzählen, was ich als jüdisches Kind in den Lagern erlebt habe. Dann werden die Menschen besser. Das war eine naive Vorstellung“, sagt der 85 Jahre alte Mann. Aber er wirkt nicht bitter. Nachdem er Anfang Mai 1945 in Österreich befreit worden war, wollte ihm kaum jemand zuhören, weder in Prag noch in Palästina, wohin er 1946 auswanderte. „Malen war meine Rettung“, sagt Bacon, der später als Professor an der Bezalel-Kunsthochschule in Jerusalem lehrte und dessen Bilder heute in Museen in Israel, Deutschland, England und Amerika hängen.

          Polen : Auschwitz kämpft gegen seinen Ruf

          Seinen ersten Zeichenunterricht erhielt er noch im Lager in Theresienstadt. In Auschwitz malte er weiter, obwohl das dort lebensgefährlich war: Die SS wollte um jeden Preis verhindern, dass Hinweise auf das Morden nach außen gelangten. Jehuda Bacon zeichnete trotzdem. Er porträtierte seine Freunde, fertigte Szenen aus dem Lageralltag.

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