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Jean Ziegler: Wir lassen sie verhungern. Ein ätzend scharfer Freund-Feind-Mechanismus

Der Schweizer Jean Ziegler kämpft seit Jahren gegen Hunger und Unterernährung in der Welt. Mit seinen Rundum-Attacken will der 78 Jahr alte Soziologe mobilisieren, macht sich dabei aber auch viele Gegner.

© Fricke, Helmut Vergrößern Dürre in Ostafrika

Hunger und Unterernährung sind eine Geißel der Menschheit. Es gibt viele Verursacher des Hungers. Mangelhafte Ernten infolge von Dürrekatastrophen, Überschwemmungen, Pflanzenkrankheiten und Ungeziefer gehören dazu. Manche dieser Naturkatastrophen gehen auf menschliches Verhalten zurück. Solches Verhalten aus Unwissenheit oder, schlimmer noch, als bewusste Politik zur Durchsetzung von Herrschaftsansprüchen, Ideologien oder wirtschaftlicher Interessen verletzt nicht nur das Recht jedes Menschen auf ausreichende Nahrung, sondern verdunkelt alle hoffnungsfrohen Vorstellungen über angeborene Menschenfreundlichkeit als Gattungsmerkmal. Dennoch ist es wichtig, gegen den Hunger in der Welt anzugehen. Alle, die sich dieser Aufgabe widmen, verdienen Respekt und Unterstützung.

Der Soziologe Jean Ziegler, Jahrgang 1934, ist ein etwas pittoresker Veteran des politischen Kampfes gegen den Hunger. Lange Zeit ein aufmüpfiger sozialistischer Abgeordneter im eidgenössischen Parlament, hatte er von 2000 bis 2008 den Posten des Sonderberichterstatters der Vereinten Nationen für das Recht auf Nahrung inne. Er hat zahlreiche Bücher veröffentlicht und sich damit auch viele Feinde gemacht. Das ist Schlüsselwort für Zieglers Schaffen: Feinde. Er ist ein Schriftsteller, der mit Wut und Wonne polarisiert. Sein Weltbild beruht auf einem ätzend scharfen Freund-Feind-Mechanismus. Die Guten, das ist das einfache Volk, die Campesinos und Landpächter, die Besitzlosen - schon allein deswegen, weil sie besitzlos sind. Die Bösen sind die Reichen, die Großgrundbesitzer, die Manager der transnationalen Konzerne, die von ihnen bestochenen Politiker und heute vor allem die Spekulanten. Diese Zweiteilung der Menschheit in viele machtlose Gute und wenige mächtige Böse setzt bei Ziegler eine enorme, aber eindimensionale Empörungsdynamik frei.

Die komplexen Sachverhalte der Welternährungsdefizite werden nicht analysiert. Stattdessen klagt Ziegler an. Er will entlarven, nicht argumentieren. Wer den Feind kennt, darf ihn mit allen Mitteln angreifen. Das sind im Falle Zieglers verbale Mittel. Raubgesindel, Kreuzritter des Neoliberalismus, Raubritter, Geier, Kraken und Tigerhaie, so wird der Feind charakterisiert. Alle entweder skrupellos oder zynisch, Kriminelle halt. Manchmal gerät seine Sprache dabei in die Gefilde unfreiwilliger Komik. So wenn er Pascal Lamy, den Generalsekretär der Welthandelsorganisation, als „Savonarola des Freihandels“ bezeichnet. Oder die Welthandelsorganisation, den Internationale Währungsfonds „und, in geringerem Maße, die Weltbank“ als die drei apokalyptischen Reiter des Hungers identifiziert. Da werden die Weltbank-Mitarbeiter aber erleichtert sein, dass sie nur in geringerem Maße apokalyptische Reiter sind.

Es mag ja sein, dass solch schriller Attacken-Enthusiasmus sein Publikum findet. Aber letztlich verschwendet Ziegler seine Intelligenz. Seine Erkenntnisse in die Vielgestaltigkeit des Hunger-Phänomens auf der Welt gehen unter in einem Wust von zuweilen nicht ganz uneitel erzählten Anekdoten, oberflächlichen Ausflügen in die „Theorie“ (etwa zu Malthus) oder Geschichte (Stalin kommt nur am Rande, Mao gar nicht vor) und verknappten Augenzeugen-Reportagen von seinen Reisen in die Hungergebiete. Zustimmung wird er nur bei denen einheimsen können, die ohnehin überzeugte und militante Kapitalismusgegner sind und voller Missverstand auf revolutionäre Bewegungen in den Entwicklungsländern hoffen samt einem Übersprung-Effekt auf die Industrieländer. Der Kampf gegen den Hunger verdient unsere Unterstützung. Aber wer uns mit fragwürdigen Übertreibungen und Rundum-Attacken mobilisieren will, schadet nur seinen eigenen Zielen.

Jean Ziegler: Wir lassen sie verhungern. Die Massenvernichtung in der Dritten Welt. C. Bertelsmann Verlag, München 2012. 320 S., 19,99 €.

Quelle: F.A.Z.

 
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Veröffentlicht: 28.11.2012, 11:50 Uhr

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Von Friederike Haupt

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