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Jan Philipp Sternberg: Auswanderungsland Bundesrepublik Übersehene Auswanderer

Während die Einwanderung sich gesetzlich regeln und kontrollieren lässt, kann eine Steuerung des Auswanderungsgeschehens nur indirekt, durch soziales und kommunikatives Handeln erfolgen.

© dpa Vergrößern Die Schweizer Fahne weht auf der Mittleren Brücke in Basel (Archivfoto vom 25.03.2008.)

Dass Deutschland ein Einwanderungsland ist, bestreiten heute auch diejenigen nicht mehr, die sich mit der Realität und Zukunftsvorstellung einer multikulturellen Gesellschaft grundsätzlich schwertun. Die Migrationsdebatte hat sich spätestens seit den achtziger Jahren ganz auf das Thema Einwanderung kapriziert. Darüber ist in den Hintergrund geraten, dass die Bundesrepublik auch ein Auswanderungsland geblieben ist. Von 1949 bis 1961 - also vor der gezielten Anwerbung von Gastarbeitern im Zuge des sich verstärkenden Arbeitskräftemangels - haben fast 800 000 Bundesbürger das Land verlassen: „Die jährlichen Abwanderungszahlen waren mit die höchsten im 20. Jahrhundert, erreicht und übertroffen nur von der Abwanderung im Krisenjahr 1923 und von dem seit der Jahrtausendwende stark angestiegenen Fortzug. Seit 2004 halten sich die Zahlen auf einem konstant hohen Niveau oberhalb von 140 000 pro Jahr.“ Gleichzeitig kam die Zuwanderung fast zum Erliegen.

Die neuerliche Zunahme der Auswanderungszahlen im vergangenen Jahrzehnt bewegte sich zwar weiterhin im Windschatten der von den Problemen der Zuwanderung dominierten medialen Aufmerksamkeit, blieb aber vom Publikum nicht gänzlich unbeachtet. Dafür sorgte zum einen die Berichterstattung der meinungsbildenden Qualitätspresse, die das Ansteigen der Auswanderung als Beweis für die schwindende Zukunftsfähigkeit der Bundesrepublik betrachten wollte, wie sie sich im verschlechternden Wirtschaftsklima angeblich niederschlug. Deutschland galt ja bis vor wenigen Jahren noch als der „kranke Mann Europas“. Zum anderen zog die Entwicklung auch das Interesse der Boulevardmedien, vor allem des Fernsehens auf sich, die in zahlreichen, in der Regel mehrteiligen Doku-Soaps das Schicksal der ausgewanderten Personen und Familien nachverfolgten.

Jan Philipp Sternbergs geschichtswissenschaftliche Untersuchung strebt keine umfassende Darstellung der Auswanderungsbewegungen im Nachkriegsdeutschland an. Ziel ist es vielmehr, „die Wahrnehmung der migratorischen Realität in der Nachkriegszeit in den Mittelpunkt zu rücken, nach Denkmustern im politischen wie medialen Umgang mit Auswanderung zu suchen und nach dem Einfluss dieser Denkmuster auf die Vorstellungen der Bundesrepublik in diesem Politikfeld zu fragen.“ Der Forschungsansatz reflektiert den grundlegenden Unterschied, der in einem freiheitlichen Staat zwischen Einwanderung und Auswanderung politisch besteht. Während die Einwanderung sich nach Maßgabe des eigenen nationalen Interesses gesetzlich regeln und kontrollieren lässt, kann eine Steuerung des Auswanderungsgeschehens nur indirekt, durch soziales und kommunikatives Handeln erfolgen. Eine Schlüsselrolle in diesem Prozess spielen die Medien, die den Auswanderungsdiskurs durch ihre Berichterstattung prägen und die Intentionen der offiziellen Politik dabei entweder befördern oder konterkarieren.

In der unmittelbaren Nachkriegszeit hielten sich die auswanderungsfreundlichen und -kritischen Stimmen die Waage. Die Ersteren wiesen auf die von den Vertriebenen verursachte „Übervölkerung“ Westdeutschlands hin, die es durch Abwanderungen ins Ausland abzumildern gelte. Die Letzteren bezeichneten es als moralische Verpflichtung der Deutschen, im Lande zu bleiben und sich der Verantwortung für den Wiederaufbau zu stellen. Im Zuge des wirtschaftlichen Aufschwungs veränderte sich der Tenor. Jetzt traten Warnungen vor einer Abwerbung von Fachkräften in den Vordergrund, welche die Konkurrenzfähigkeit der deutschen Unternehmen bedrohen könne. Davon ausgenommen waren allerdings die Frauen, deren temporäre Arbeitsmigration aufgrund ihres zahlenmäßigen Überschusses in der Bevölkerung bewusst forciert wurde. In den siebziger und achtziger Jahren nahm die Berichterstattung über das Auswanderungsthema wieder zu, was sich allerdings noch nicht in tatsächlich steigenden Auswandererzahlen widerspiegelte. Als von 2000 an ein solcher Anstieg zu verzeichnen war, blieb das Medienecho geteilt. Einerseits wurde die Abwanderung wieder mit Sorge betrachtet, weil sie die krisenhaften Entwicklungen in der Wirtschaft, auf dem Arbeitsmarkt und in der Sozialpolitik, von denen sie getrieben sei, noch weiter verstärke. Andererseits galt sie in Zeiten der beschleunigten Globalisierung und des europäischen Binnenmarktes als Zeichen einer zunehmenden Normalität, die sich zugleich in einer veränderten Begrifflichkeit - von der Migration zur Mobilität - ausdrückte.

Dass die hohen Auswandererzahlen zumindest von Seiten der Regierenden im letzten Jahrzehnt nur ungern thematisiert wurden, hängt in erster Linie mit der nach wie vor restriktiven Zuwanderungspolitik zusammen. Wer sich selbst nicht beeilt, durch entsprechend offene und flexible Regelungen möglichst viele gute Köpfe ins Land zu holen, der hat auch kein Interesse daran, die Abwanderung eben solcher Köpfe ins Ausland laut zu beklagen. Die gründlich recherchierte, sorgfältig argumentierende und gut lesbare Studie zeigt eindrücklich, dass Einwanderung und Auswanderung Seiten derselben Medaille sind. „Auswanderungspolitik unter dem Primat der Furcht führt in einer demokratisch verfassten Gesellschaft ohne Ausreiserestriktionen höchstens zur Wirkungslosigkeit dieser Politik, Zuwanderungspolitik unter dem Primat der Furcht hingegen kann die Konkurrenzfähigkeit eines Landes gefährden.“

Jan Philipp Sternberg: Auswanderungsland Bundesrepublik. Denkmuster und Debatten in Politik und Medien 1945-2010. Verlag Ferdinand Schöningh, Paderborn 2012. 253 S., 34,90 €.

Quelle: F.A.Z.

 
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Veröffentlicht: 10.02.2013, 16:10 Uhr

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