Home
http://www.faz.net/-gpf-75jaq
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, BERTHOLD KOHLER, GÜNTHER NONNENMACHER, HOLGER STELTZNER

Jakob Augstein ein Antisemit? Kein Spaß mehr

Henryk M. Broder bleibt bei seinen Antisemitismus-Vorwürfen gegen Jakob Augstein. Der sagt, Broder spinne - nur habe sein Spinnen einen Grad erreicht, wo der Spaß aufhört.

© Dpa Picture-alliance Vergrößern Henryk M. Broder und Jakob Augstein bei einer Veranstaltung in Berlin im März 2011

Der Journalist Henryk M. Broder sagt, er halte den Journalisten Jakob Augstein für „extrem interessant und angenehm“. Augstein habe gute Manieren. Neulich, so Broder, habe er sogar gesehen, wie Augstein einer Frau die Tür aufgehalten habe.

Timo Frasch Folgen:    

Dieser laut Broder so sympathische Mann steht nun wegen ein paar Israel-kritischen „Spiegel-online“-Kolumnen auf der „Top Ten“-Liste der antisemitischen/antiisraelischen Verleumdungen 2012. Dass das so ist, liegt auch an - Broder. Das Simon Wiesenthal Center (SWC) in Los Angeles, das die Liste erstellt hat, führt ihn als einzigen Gewährsmann für die Einstufung Augsteins auf Platz neun an. Broder, früher selbst auf „Spiegel online“ vertreten, hatte Augstein zuvor nicht nur als sympathisch, sondern auch als „kleinen Streicher“ und „lupenreinen Antisemiten“ bezeichnet. Diese Vorwürfe - Broder sagt: „Ich werfe nicht vor, ich stelle fest“ - hat das SWC auf seiner Liste wiedergegeben.

Als weitere Beweise für Augsteins angebliche Gefährlichkeit wurden Sätze aus seiner Kolumne zitiert, etwa: „Das Feuer brennt in Libyen, im Sudan, im Jemen . . . Aber die Brandstifter sitzen anderswo. Die zornigen jungen Männer, die amerikanische - und neuerdings auch deutsche - Flaggen verbrennen, sind ebenso Opfer wie die Toten von Bengasi und Sanaa. Wem nützt solche Gewalt? Immer nur den Wahnsinnigen und den Skrupellosen. Und dieses Mal auch - wie nebenbei - den US-Republikanern und der israelischen Regierung.“

„Antisemitismus-Vorwurf absurd“

Augstein gesteht zu, dass man sich im einen oder anderen Fall über seine Wortwahl streiten könne. Gegen die Streichung des Begriffs „Lager“ für Gaza durch die Redigatur hätte er sich nicht gesträubt, auch wenn er die Bezeichnung für zutreffend halte. Den Antisemitismus-Vorwurf sieht er aber als so absurd an, dass er sich dagegen am liebsten gar nicht verteidigen würde. Auch die Top-Ten-Liste sei „unseriös“, ein „Propagandainstrument aus der unteren Schublade“. Die „Gleichsetzung von Israel-Kritik und Antisemitismus“, die vom SWC bestritten wird, aber in der Bezeichnung der Liste dennoch angedeutet (Anti-Semitic/Anti-Israel Slurs) ist, verstehe in Deutschland keiner, so Augstein.

Broder hält die Liste zumindest für „albern“ und „sinnlos“. Einerseits. Andererseits für „einen gelungenen PR-Gag“. Auch ist er der Ansicht, dass Augstein dort genau richtig steht, und zwar gerade deshalb, weil er kein „Klassiker des Genres“ sei wie etwa der iranische Präsident Ahmadineschad (Platz 2) oder Hitler. Vielmehr entspreche Augstein dem modernen Typus des Antisemiten, welcher der eigentlich relevante sei und von dem es auf der Liste viel zu wenige gebe. „Mich interessiert nicht der letzte Holocaust“, sagt Broder, „sondern der mögliche nächste, dem mit Texten wie denen von Augstein der Weg geebnet wird.“

Augstein gehöre sogar noch besser plaziert, „ins obere Drittel“ der Top Ten, also vor die ungarische Jobbik-Partei oder antisemitische Fußballfans, auf eine Stufe mit Günter Grass. Dass der Schriftsteller, der Israel als „Gefahr für den Weltfrieden“ bezeichnet hatte, auf der Liste gar nicht aufgeführt wird, hat Broder überrascht.

1 | 2 Nächste Seite   |  Artikel auf einer Seite
 
 ()
   Permalink
 
 
 

Hier können Sie die Rechte an diesem Artikel erwerben

Weitere Empfehlungen
Rat der Religionen Jüdisch-muslimischer Konflikt teilweise beigelegt

Im Sommer verließ die Jüdische Gemeinde Frankfurt den Rat der Religionen, weil sich Mitglieder antisemitisch geäußert hätten. Nun scheinen Teile des Konflikts entschärft. Trotzdem habe der Rat noch Hausaufgaben. Mehr Von Stefan Toepfer, Frankfurt

12.12.2014, 06:09 Uhr | Rhein-Main
Restaurant spezialisiert sich auf Spinnen-Tacos

Menschen, die sich vor Spinnentieren fürchten, sind in diesem kleinen Restaurant in Mexiko Stadt schlecht aufgehoben. Denn das La Cocinita de San Juan hat sich darauf spezialisiert, Tacos mit Spinnentieren anzubieten. Und zwar mit richtig wilden Exemplaren, wie Besitzer Pedro Felipe Hernandez betont. Mehr

15.09.2014, 11:02 Uhr | Gesellschaft
Verschwörungsjournalismus Ist halt so, ist die Wahrheit!

In Deutschland formiert sich eine Gruppe von Menschen, die überall Lügen sehen. Sie hassen den Westen, misstrauen der Presse, und den Politikern sowieso. Und sie lieben Putin. Wer sind sie? Mehr Von Anna Prizkau

09.12.2014, 11:35 Uhr | Feuilleton
Chaotische Aufräumarbeiten in der Ostukraine

Die Kritik an den Zuständen an der Absturzstelle lässt nicht nach. Der australische Regierungschef Abbott sagte, die Vorgehensweise der Separatisten ähnele eher einem "Ausmisten im Garten", als einer forensischen Ermittlung. Mehr

21.07.2014, 10:57 Uhr | Politik
Machtkampf beim Spiegel Die Nachricht ist das Nachrichtenmagazin

Beim Spiegel ist was los: Der Chefredakteur und der Geschäftsführer sind bald weg. Doch es geht nicht bloß um die beiden. Wenn sich die Mannschaft nicht zusammenreißt, droht dem Magazin die Existenzkrise. Mehr Von Michael Hanfeld

06.12.2014, 13:08 Uhr | Feuilleton
   Permalink
 Permalink

Veröffentlicht: 05.01.2013, 19:21 Uhr

Kampf für den Westen

Von Berthold Kohler

Berlin betritt mit dem Beschluss, militärische Ausbilder in den Nordirak zu schicken, unsicheres Terrain. Doch man muss den Kurden im Kampf gegen den „Islamischen Staat“ helfen, so gut es nur geht. Mehr 7 7