Der Journalist Henryk M. Broder sagt, er halte den Journalisten Jakob Augstein für „extrem interessant und angenehm“. Augstein habe gute Manieren. Neulich, so Broder, habe er sogar gesehen, wie Augstein einer Frau die Tür aufgehalten habe.
Dieser laut Broder so sympathische Mann steht nun wegen ein paar Israel-kritischen „Spiegel-online“-Kolumnen auf der „Top Ten“-Liste der antisemitischen/antiisraelischen Verleumdungen 2012. Dass das so ist, liegt auch an - Broder. Das Simon Wiesenthal Center (SWC) in Los Angeles, das die Liste erstellt hat, führt ihn als einzigen Gewährsmann für die Einstufung Augsteins auf Platz neun an. Broder, früher selbst auf „Spiegel online“ vertreten, hatte Augstein zuvor nicht nur als sympathisch, sondern auch als „kleinen Streicher“ und „lupenreinen Antisemiten“ bezeichnet. Diese Vorwürfe - Broder sagt: „Ich werfe nicht vor, ich stelle fest“ - hat das SWC auf seiner Liste wiedergegeben.
Als weitere Beweise für Augsteins angebliche Gefährlichkeit wurden Sätze aus seiner Kolumne zitiert, etwa: „Das Feuer brennt in Libyen, im Sudan, im Jemen . . . Aber die Brandstifter sitzen anderswo. Die zornigen jungen Männer, die amerikanische - und neuerdings auch deutsche - Flaggen verbrennen, sind ebenso Opfer wie die Toten von Bengasi und Sanaa. Wem nützt solche Gewalt? Immer nur den Wahnsinnigen und den Skrupellosen. Und dieses Mal auch - wie nebenbei - den US-Republikanern und der israelischen Regierung.“
„Antisemitismus-Vorwurf absurd“
Augstein gesteht zu, dass man sich im einen oder anderen Fall über seine Wortwahl streiten könne. Gegen die Streichung des Begriffs „Lager“ für Gaza durch die Redigatur hätte er sich nicht gesträubt, auch wenn er die Bezeichnung für zutreffend halte. Den Antisemitismus-Vorwurf sieht er aber als so absurd an, dass er sich dagegen am liebsten gar nicht verteidigen würde. Auch die Top-Ten-Liste sei „unseriös“, ein „Propagandainstrument aus der unteren Schublade“. Die „Gleichsetzung von Israel-Kritik und Antisemitismus“, die vom SWC bestritten wird, aber in der Bezeichnung der Liste dennoch angedeutet (Anti-Semitic/Anti-Israel Slurs) ist, verstehe in Deutschland keiner, so Augstein.
Broder hält die Liste zumindest für „albern“ und „sinnlos“. Einerseits. Andererseits für „einen gelungenen PR-Gag“. Auch ist er der Ansicht, dass Augstein dort genau richtig steht, und zwar gerade deshalb, weil er kein „Klassiker des Genres“ sei wie etwa der iranische Präsident Ahmadineschad (Platz 2) oder Hitler. Vielmehr entspreche Augstein dem modernen Typus des Antisemiten, welcher der eigentlich relevante sei und von dem es auf der Liste viel zu wenige gebe. „Mich interessiert nicht der letzte Holocaust“, sagt Broder, „sondern der mögliche nächste, dem mit Texten wie denen von Augstein der Weg geebnet wird.“
Augstein gehöre sogar noch besser plaziert, „ins obere Drittel“ der Top Ten, also vor die ungarische Jobbik-Partei oder antisemitische Fußballfans, auf eine Stufe mit Günter Grass. Dass der Schriftsteller, der Israel als „Gefahr für den Weltfrieden“ bezeichnet hatte, auf der Liste gar nicht aufgeführt wird, hat Broder überrascht.
„Streitbare Texte“
Auch beim „Spiegel“ waren sie überrascht bis entsetzt, freilich aus anderen Gründen. Sichtlich bemüht, kein Öl ins Feuer zu gießen, sagte der für „Spiegel online“ verantwortliche Mathias Müller von Blumencron am Freitag: „Das Simon Wiesenthal Center ist eine hochangesehene Organisation im Kampf gegen den Antisemitismus. Umso mehr verwundert uns, dass unser Kolumnist Jakob Augstein auf einer Liste der führenden Antisemiten auftaucht.“ Augstein schreibe „streitbare Texte“, von denen sich einige auch kritisch mit der israelischen Politik beschäftigt hätten. „Ihn deshalb in eine Reihe mit führenden Juden-Hassern einzuordnen ist absurd.“
Rabbi Abraham Cooper vom SWC sieht das ganz anders. Augstein habe „die rote Linie“ überschritten, die durch die „drei Ds“ markiert werde: Doppelmoral, Dämonisierung, Delegitimierung. Dass am SWC in Sachen Augstein nicht genügend recherchiert worden sei, wie Salomon Korn, der Vizepräsident des Zentralrats der Juden in Deutschland, sagte, weist Rabbi Cooper von sich. Auch Broder kann mit dem Vorwurf, er selbst tauge nicht als Quelle für die Einstufung Augsteins, nichts anfangen: „Es reicht schon, dass Goebbels promoviert hat.“
Augstein sagt, er sei von seinem Erscheinen auf der Liste sehr überrascht gewesen - obwohl er Kummer gewohnt sei, „wenn Broder im Spiel ist“. Wie Broder über ihn, so sagt auch Augstein nette Sachen über Broder. Entzückend sei dieser, lustig, reizend. „Das Problem ist nur: Er spinnt. Und in diesem Fall hat das Spinnen einen Grad erreicht, wo der Spaß aufhört.“
Spaßt Broder? Diejenigen, die ihn kennen, sagen: Er sei zwar ein großer Zyniker, der genau wisse, was medial von ihm verlangt werde. Mit dem Kampf gegen den Antisemitismus sei es ihm aber durchaus ernst. Broder selbst gibt zu, er habe eine „anti-antisemitische Obsession, so, wie Rosa von Praunheim eine anti-antihomosexuelle hat und Augstein eine antisemitische“.
Das hänge mit der jeweiligen Biographie zusammen. Kritik an Israel sei nicht per se antisemitisch. „Aber wenn jemand nur Israel-Kritik betreibt und sich einen Dreck darum schert, was in Syrien passiert, dann habe ich das Recht, seine Motive in Frage zu stellen.“ Augstein habe bestimmte Ressentiments, die er auslebe. „Ich finde das vollkommen legitim, das mache ich auch“, sagt Broder. Er gibt auch zu, weder sachlich noch objektiv zu sein. Im Unterschied zu ihm gehe es Augstein aber „um eine Selbstabsolution, wie man sie von katholischen Mönchen und Reformpädagogen kennt, die sich an Kindern vergangen haben“.
Augstein bleibt trotz solcher Beleidigungen gelassen: „Ich mache das, was man als kritischer Journalist machen darf und muss: harte Kritik an der israelischen Sicherheits- und Siedlungspolitik üben.“ Die Antisemitismus-Vorwürfe seitens Broders und des SWC führten dazu, dass viele sagen: „Wenn das Antisemitismus ist, bin ich auch Antisemit.“ Der Vorwurf werde damit beliebig.
Befördert also die Kritik am Antisemitismus den Antisemitismus? Broder sagt: „Der vernünftigste Umgang mit Antisemiten wäre, nicht einmal zu reagieren.“ Er meint es ironisch. Adorno hatte einst - unironisch - ähnlich argumentiert. Mit seiner Meinung über Augstein steht Broder allerdings ziemlich alleine da. Auch das überrasche ihn nicht, sagt er. Wenn es ernst werde, vor allem, wenn Anwürfe aus Amerika kämen, rücke die deutsche Volksgemeinschaft nach wie vor eng zusammen. Die Anschuldigung gegen Augstein bleibt dennoch im Raum. Broder findet das nicht so schlimm. Welcher Deutsche sei denn je durch Antisemitismus-Vorwürfe erledigt worden? Nur Möllemann, sagt Broder. Der habe das aber selbst besorgt.