03.01.2009 · Von Israel zu verlangen, es solle seine Waffen niederlegen, käme der Selbstaufgabe gleich. Doch eine Bodenoffensive ist in dem dichtbesiedelten Gazastreifen derart unwägbar, dass die Gefahr eines Scheiterns wie im Libanon 2006 gegen die Hizbullah realistisch ist.
Von Richard WagnerDie israelische Außenministerin Zipi Livni hat das Vorgehen der Streitkräfte ihres Landes gegen die terroristische Hamas im Gazastreifen als Reaktion auf nicht nachlassende Raketenangriffe beschrieben und gesagt, die Schläge gegen die terroristische Infrastruktur sollten „die Realität verändern“. Diesen Wunsch haben auch 85 Prozent der Israelis, die den nervenaufreibenden Nadelstichterror satthaben, der ihnen zwar noch keinen hohen Blutzoll abverlangt hat, sie aber in Angst und Schrecken hält.
Dass sich das jetzt zugespitzt hat, weil die neuesten Raketen der Hamas mittlerweile bis zu vierzig Kilometer weit fliegen können und mit ihrer höheren Treffgenauigkeit nunmehr eine Million Israelis bedrohen, macht den Wunsch der Israelis nach einem endgültigen Ende der Bedrohung nur noch dringlicher. Nur lässt sich diese „Realität“ auch mit der militärischen Übermacht der Israelis nicht so leicht ändern, hat doch der Raketenbeschuss seit Beginn der Militäraktion vor einer Woche zugenommen. Auch eine Bodenoffensive ist in dem dichtbesiedelten Gazastreifen derart unwägbar, dass die Gefahr eines Scheiterns wie im Libanon 2006 gegen die Hizbullah realistisch ist.
Wenig Verständnis für Israel
Die terroristische Realität des Gazastreifens, wo die mörderischen Islamisten im Schutz der Zivilbevölkerung agieren und nicht davor zurückschrecken, hinter ihren eigenen Frauen und Kindern Deckung zu suchen, fügt sich dem Änderungswillen der Israelis kaum. Eine weitere Realität lässt sich von den Israelis gar nicht beeinflussen. Wohin man auch blickt, Verständnis oder gar Zuspruch für sein Vorgehen erhält der jüdische Staat wenig. Zwar hat Bundeskanzlerin Angela Merkel in ihrer Neujahrsansprache betont, dass „Ursache und Wirkung“ der Kämpfe „nicht vergessen werden“ dürften; hat Präsident George W. Bush die Raketenangriffe der Hamas als Terrorakte und eine einseitige Waffenruhe Israels als inakzeptabel bezeichnet. Und hatten die Vereinigten Staaten und Großbritannien zuvor bereits einen von arabischen Staaten vorgelegten Entwurf für eine Nahost-Resolution des UN-Sicherheitsrats abgelehnt, weil dort die Raketenangriffe der Hamas auf Israel gar nicht erwähnt wurden.
Gegen die Macht der Bilder hilft das nicht: Getötete palästinensische Zivilisten, unter ihnen Frauen und Kinder, zerstörte Häuser in Gaza auf der einen Seite und auf der anderen eine lauernde Phalanx von Panzern - wer Opfer, wer Täter ist, scheint da klar. Da hilft es wenig, auf den Unwillen der Hamas und der Mehrheit der arabischen Staaten hinzuweisen, ihren Frieden mit dem jüdischen Staat zu machen. Dann von Israel noch zu verlangen, es solle seine Waffen niederlegen, käme der Selbstaufgabe gleich.
Und dennoch: Bei aller Kampfbereitschaft und seinem Willen, die Vernichtungsphantasien seiner Nachbarn zu durchkreuzen, das Pathos der Staatsgründung scheint in Israel abgenutzt. Immer mehr Israelis sehen die Zukunft für ihren jüdischen Staat pessimistisch. Zermürbt vom Dauerstress der Bedrohung, dazu zählt auch die iranische Ambition, Atomwaffen zu bauen, können sich die Hälfte der Israelis vorstellen, das Land, in dem ihnen keine Ruhe gegönnt ist, zu verlassen.