31.01.2008 · Dass die Hizbullah den Libanon-Krieg fast intakt überlebt hat, hinterlässt Spuren, die bis in die Psyche der Soldaten hineinreichen. Mängel müssen beseitigt werden, damit die für Israel überlebenswichtige Abschreckungswirkung seiner Armee bleibt.
Von Günther NonnenmacherDer israelische Ministerpräsident Olmert hat inzwischen das älteste politische Erfolgsgesetz auf seiner Seite: Er hat schon viele Stürme und Krisen überdauert. Dem Desaster des letzten Libanon-Feldzugs fiel Verteidigungsminister Peretz zum Opfer, auch deshalb, weil er ein ungeliebter Vorsitzender der Arbeiterpartei war.
Dazu musste Generalstabschef Halutz abdanken, nicht nur wegen militärischen Versagens, sondern auch wegen Streitereien und Kabalen im Generalstab. Diverse angebliche oder vermeintliche Finanzskandale, Mini-Revolten in der eigenen Partei und Koalitionskrisen hat Olmert vergleichsweise ungeschoren überstanden. Schließlich hat er auch den Zwischenbericht der Winograd-Kommission vor neun Monaten überlebt.
Mängel müssen beseitigt werden
Auch wenn er eine Mehrheit der israelischen Bevölkerung gegen sich hat: Der Abschlussbericht der Kommission, der im Übrigen milder ausgefallen ist als gedacht, war in Olmerts politischem Ansehen schon lange „eingepreist“ und konnte deshalb keine neue, nachhaltige Erschütterung hervorrufen. Und sein großer Partner, Verteidigungsminister Barak, der neue Vorsitzende der Arbeiterpartei, wird es sich dreimal überlegen, ob er Wahlen vom Zaun brechen will, aus denen nach derzeitigem Stand der Umfragen der Likud-Führer Netanjahu als Sieger hervorgehen würde - mit fatalen Folgen für den ohnehin notleidenden Ausgleichsprozess mit dem palästinensischen Präsidenten Abbas.
Jenseits taktischer Überlegungen der Politiker wirft der Winograd-Bericht jedoch Fragen über den Zustand der israelischen Armee auf. Das ist für Israel keine sekundäre, sondern eine existentielle Angelegenheit. Die stärkste militärische Macht im Nahen Osten hat unter ihrer seit Jahrzehnten andauernden Beschäftigung als Besatzungsarmee gelitten; ihre offensive Stoßkraft ebenso wie die strategischen und taktischen Fähigkeiten ihrer Führung.
Dazu kam das unangenehm felsige Terrain im Südlibanon, das für großräumige Operationen gepanzerter Verbände wenig geeignet ist. Dennoch: Dass eine semimilitärische Organisation wie die Hizbullah diesen Krieg fast intakt überlebt hat, hinterlässt Spuren, die bis in die Psyche der Soldaten hineinreichen. Jetzt müssen die Mängel beseitigt werden, damit die für Israel überlebenswichtige Abschreckungswirkung seiner Armee erhalten bleibt.