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Israel Erinnerung an den Libanon

13.05.2004 ·  Israelisches Militär und Palästinenser liefern sich im Gaza-Streifen die blutigsten Kämpfe seit Jahren. Immer mehr Israelis vergleichen die Lage in Gaza mit der in der aufgegebenen "Sicherheitszone" im Libanon.

Von Jörg Bremer
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Für die israelische Öffentlichkeit gleicht die Lage im Gaza-Streifen der im Libanon, bevor Ministerpräsident Barak im Mai 2000 die Truppen aus der sogenannten Sicherheitszone abzog. Generalstabschef Jaalon lehnt jedoch den Vergleich ab: "Solange es im Gaza-Streifen Terror gibt und Waffen, die unsere Siedlungen in der Umgebung bedrohen, werden wir weiter kämpfen müssen." Der Vergleich sei deshalb "einfach nicht richtig".

Tatsächlich braucht man aber nur die Ortsnamen zu vertauschen und Metulla oder Kirjat Schemona an der Nordgrenze Israels einzusetzen, und der Vergleich stimmt wieder. Metulla liegt in Reichweite der Katjuscha-Raketen der Hizbullah - so wie die Kassem-Raketen der Hamas Sderot erreichen. Aber im Norden Israels ist es relativ ruhig.

Historischer Fehler

So wie Israel keine territorialen Ansprüche im Libanon geltend machte, so zählt auch die Mehrheit der Israelis den Gaza-Streifen nicht zu ihrer Heimat. Aber anders als im Libanon schickte die israelische Regierung seit der Eroberung des Gaza-Streifens 1967 immer mehr Siedler in die Region südlich von Gaza-Stadt. Fast alle militärischen Operationen der vergangenen Jahre, die Sperrungen und Zerstörungen, dienten dazu, die Siedler vor Angriffen palästinensischer Terroristen zu schützen und Anschläge zu vergelten. Seitdem aber der israelische Ministerpräsident Scharon den Abzug will und sein Verteidigungsminister Mofaz die Siedlungen dort als "historischen Fehler" brandmarkte, bietet sich der Vergleich wieder an. Israels führende Minister sehen den Gaza-Streifen nicht als Heimat.

Doch es gibt noch mehr Anhaltspunkte für eine Parallele. Wie die Hizbullah im Süden des Libanon einen "Staat im Staate" unterhält, so ist es mittlerweile den Islamisten der Hamas und des Islamischen Dschihad im Gaza-Streifen gelungen, sich als selbständige Macht neben der Autonomieverwaltung zu etablieren. Dafür trägt Israel Mitverantwortung, denn zunächst zerstörte die Armee die Polizeistrukturen der Autonomiebehörde, bevor sie damit begann, gegen die Hamas vorzugehen. Israel schwächte dabei die säkulare Fatah-Organisation und stärkte in allen Phasen des Kriegs die kompromißlosen Islamisten, die - anders als die Autonomiebehörde - nie einen Mittelweg zwischen Dialog und Krieg gehen wollten.

Taktische Parallelen

Vor kurzem tötete die israelische Armee innerhalb von drei Wochen den Hamas-Gründer Scheich Jassin und seinen Stellvertreter und späteren Nachfolger Rantisi. Doch die folgende Führungskrise der Hamas könnte bald überwunden werden - besonders, wenn sich die Hamas ein Beispiel am Dschihad nimmt. Seit der Tötung ihres Führers Schikaki 1995 führt die Gruppe Ramadan Abdullah Schalach von Beirut aus. Er halte täglich Kontakt, heißt es. Die letzten beiden Anschläge auf gepanzerte Militärfahrzeuge sowie der Tod von elf Soldaten binnen 36 Stunden werden Dschihad-Chef Schalach angelastet. Seine Truppe ist kleiner als die Kassem-Brigaden der Hamas, aber sie scheint gut geführt zu sein.

Zudem gibt es Parallelen in der Taktik des sunnitischen Dschihad in Gaza und seiner schiitischen "Mutter-Organisation", der Hizbullah im Libanon. Das gilt nicht nur für die Art der Anschläge. Schon die Hizbullah verstand es, mit Anschlägen auf die Soldaten im Feindesland für Schlagzeilen in Israel zu sorgen und die Öffentlichkeit von der Sinnlosigkeit eines Verbleibs in der "Sicherheitszone" zu überzeugen.

Macht der Abschreckung

Die Kampagne zur Abkoppelung 1997 begannen die "vier Mütter", die ihre Söhne "nutzlos geopfert" sahen. Auch jetzt fürchtet die Armee eine ähnliche Aktion. Sie könnte am kommenden Samstag beginnen, wenn israelische Friedensgruppen, aber auch Vertreter der Scharon-Regierung in Tel Aviv für den Abzug aus dem Gaza-Streifen demonstrieren wollen und damit gegen die Siedler und den Likud, der Scharons Abzugsplan in einem Referendum zurückwies.

Nur zwei Anschläge in Gaza und eine neue Strategie führen in Israel zu einem Stimmungswandel. Die bisher selbstverständlich erscheinende Handlungsfreiheit der israelischen Armee scheint erschüttert zu sein. Die Truppenführung befürchtet nun an der Heimatfront Demonstrationen, und sie will gleichwohl im Gaza-Streifen solange weiter operieren, bis sie "ihre Macht der Abschreckung wiederhergestellt" sieht.

Selbst die konservative Zeitung "Maariv" aber hält es mit den Demonstranten: "Wir verließen den Libanon, nachdem wir dort jahrelang gefährlich, ununterbrochen und völlig überflüssig gewesen waren, in einem Land, das wir nicht wollten und das uns nicht wollte. Als wir weg waren, atmete ein ganzes Volk auf. Nun scheint dasselbe Volk, das entweder nichts gelernt oder alles vergessen hat, wieder in einem Land zu versinken, das uns nicht gehört."

Quelle: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 14.05.2004, Nr. 112 / Seite 5
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Jahrgang 1952, politischer Korrespondent für Italien und den Vatikan mit Sitz in Rom.

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