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Islamrat „Die Politik behindert unsere Frauen“

01.02.2005 ·  Durch das Kopftuchverbot seien muslimischen Frauen manche Berufe verwehrt, sagt Ali Kizilkaya, Vorsitzender des Islamrats. Es ist der größte islamische Dachverband in Deutschland. Mit Kizilkaya sprachen Hans-Christian Rößler und Wolgang Günter Lerch.

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Der Islamrat ist der größte islamische Dachverband in Deutschland. Nach eigenen Angaben gehören ihm mehr als 140.000 Mitglieder an. 32 Organisationen und Gruppen haben sich ihm angeschlossen. Ratsvorsitzender ist seit zwei Jahren Ali Kizilkaya. Er wurde im türkischen Ort Kayseri geboren und lebt seit 36 Jahren in Deutschland.

Lange Zeit hatte er bei der Islamischen Gemeinschaft Milli Görüs (IGMG), der größten islamischen Organisation in Deutschland, die Mitglied des Islamrats ist, Führungspositionen inne; zuletzt war er deren Generalsekretär. Vor kurzem nahm er auch an dem Spitzengespräch mit dem Ratsvorsitzenden der Evangelischen Kirche in Deutschland, Bischof Huber, teil. Mit Kizilkaya sprachen Wolfgang Günter Lerch und Hans-Christian Rößler.

Könnte der Islamrat eines Tages der Sprecher aller Muslime in Deutschland werden?

Ich hielte es für wünschenswert, daß Muslime mit einer einzigen Stimme sprechen. Aber man darf so etwas nicht aufzwingen. Wir dürfen auch nicht den Fehler machen, nur eine Organisation zu gründen, weil man es von uns erwartet. Der Islamrat vertritt nicht alle Muslime, aber einen großen Teil der organisierten Muslime. Die Muslime müssen natürlich ihre Angelegenheiten so regeln, daß sie dann möglichst zu einer Sprache kommen, aber sie sollten es nicht müssen.


Im Islamrat ist die größte Mitgliedsorganisation Milli Görüs, deren Generalsekretär Sie zuletzt waren. Dominiert Milli Görüs den Islamrat?

Jeder Vergleich hinkt, aber ich mache immer den Vergleich mit dem DGB und der IG Metall. Die IG Metall ist nicht irgendeine Gewerkschaft im DGB, aber der DGB ist nicht die IG Metall.

Aber Milli Görüs ist eine starke Kraft?

Milli Görüs ist die größte muslimische Organisation in Deutschland. Sie hat auch mehr Ressourcen, was aber nicht heißt, daß sie die Politik allein bestimmen würde. Das würden die anderen Organisationen nicht unterstützen, und ich würde es auch nicht für richtig halten. Ich mache diese Arbeit nicht, um Interessen der Milli Görüs, sondern um die Anliegen der Muslime zu vertreten. Die Dominanz einer Organisation wäre unverantwortlich.


Der Verfassungsschutz beobachtet Milli Görüs, weil die Organisation angeblich versucht, „islamistische Positionen“ durchzusetzen. Wie kann sich der Islamrat mit einem solchen Mitglied zu Verfassung und Rechtsstaat bekennen?

Die IGMG ist kein Fall für den Verfassungsschutz, sondern für Soziologen. Wenn Sie die Entwicklungsgeschichte von Milli Görüs anschauen, ist sie vergleichbar mit der aller anderen Migrantengruppen, die in der Anfangszeit viel heimatverbundener waren als sie es heute sind. Die vermeintliche Verfassungsfeindlichkeit wurde anfänglich davon abgeleitet, daß Milli Görüs etwas gegen den türkischen Laizismus habe.

Wenn Sie die älteren Verfassungsschutzberichte lesen, hieß es da: Sie kritisieren den türkischen Laizismus, folglich müssen sie auch gegen unseren Säkularismus sein. Was die heutige Situation angeht, so bin ich nach wie vor der Meinung, daß es in der Milli Görüs eine Pluralität gibt. Der Verfassungsschutz hat nicht die Wahrheit gepachtet. Das ist eine Meinung unter vielen Meinungen.

Aber wie soll Vertrauen entstehen, solange die Verfassungsschützer Milli Görüs und die Islamische Föderation Berlin (auch ein Mitglied des Islamrats) beobachten? Sie hatten sich erst nach Medienberichten von dem Kreuzberger Imam distanziert, der den Märtyrertod von Terroristen verherrlicht und Nicht-Muslime in Deutschland als „stinkende Atheisten“ beschimpft hatte.

Ich hätte mir natürlich auch eine frühere Konsequenz gewünscht. Auch in den Kirchen gibt es Leute und Persönlichkeiten, die aus der Reihe tanzen. Manches, was auf türkisch gesagt wird, klingt anders, als wenn Sie es auf deutsch sagen. Ich kenne den Imam nicht sehr gut, aber ich bin mir fast sicher, daß er ganz wenig Kontakte zu den Deutschen hat, denn das, was er sagt, stimmt vorne und hinten nicht und ist purer Populismus.

Mißtrauen entsteht auch dadurch, daß in den meisten Moscheen nicht auf deutsch gepredigt wird. Was tut Ihr Verband, um das zu ändern?

Meiner Ansicht nach sollten die Predigten auf deutsch gehalten werden, wo es geboten ist. Das heißt, wenn die Mehrheit der Gemeinde es besser in Deutsch versteht, dann sollte nach Möglichkeit auf deutsch gepredigt werden. Aber die Voraussetzungen sind dafür nicht gegeben: Wir haben weder Imame, die deutsch predigen können, noch haben wir Gemeinden, in denen man ausschließlich deutsch predigen kann. Ich bin für eine deutsche Predigt, wo es geboten ist, wo es nötig ist, damit die dritte und vierte Generation die Predigt versteht - nicht um die Arbeit des Verfassungsschutzes zu erleichtern, damit er sich Kosten spart. Deutsch ist die gemeinsame Sprache der Muslime in Deutschland.

Was tut der Islamrat konkret, damit mehr Deutsch verwendet wird?

Unsere Möglichkeiten sind sowohl personell als auch finanziell eingeschränkt, aber wir werben in den Gemeinden dafür, daß die Imame Deutschkurse besuchen. Das ist keine befriedigende Lösung. Daß man die Sprache beherrscht, heißt nicht, daß man die Gesellschaft versteht. Ich empfehle allen Mitgliedsorganisationen, daß sie alle Möglichkeiten ausschöpfen, damit Imame die deutsche Sprache erlernen, nicht nur damit sie auf deutsch predigen, sondern auch, damit sie nicht bei jedem Tag der offenen Tür auf einen Übersetzer angewiesen sind, der möglicherweise nicht einmal den religiösen Wortschatz hat und so wieder zu Mißverständnissen führt.

Sind für Sie Männer und Frauen wirklich gleichberechtigt?

Man muß von der Praxis ausgehen. Der Alltag läuft mehr oder weniger reibungslos und erfüllt die Erfordernisse des Grundgesetzes. Denn grade in dieser Gesellschaft eröffnet sich ja auch eine Chance für muslimische Frauen, sich zu emanzipieren, indem sie im Berufsleben selbständig werden. Finanzielle Selbständigkeit bringt auch in der Familie einen anderen Status. Gerade dem wird aber durch die Gesellschaft, teilweise durch die Politik ein Riegel vorgeschoben, etwa durch das Kopftuchverbot nur für Muslime, durch das einige Berufsfelder für muslimische Frauen verschlossen werden. Sie werden dann durch den Gesetzgeber oder die Gesellschaft an den Herd geschickt - nicht durch die muslimischen Männer.

Aber man muß doch nicht unbedingt gleich zurück an den Herd.

Nein, man muß es nicht. Ich wollte nur zuspitzen.

Sollen Mädchen wie Jungen an Sportunterricht und Ausflügen teilnehmen? Gilt das auch für Sexualkundestunden? Wie verhalten Sie sich als Vater?


Ich bin Vater von vier Kindern, zwei Mädchen und zwei Jungen. Erstens ist mir meine Religion wichtig, als religiöser Mensch. Zweitens ist mir das Zusammenleben auch wichtig, und drittens ist es natürlich auch wichtig, daß meine Kinder so weit wie möglich in die Gesellschaft, auch in die Klassengemeinschaft integriert sind. Auf der anderen Seite müssen wir uns auch als Gesellschaft fragen, wie halten wir es mit unseren Errungenschaften, auf die wir stolz sind, wie zum Beispiel mit der Religionsfreiheit. Darf ich denn mit der Religionsfreiheit beliebig umgehen und sagen, du mußt gegebenenfalls gegen dein Gewissen handeln?

Die islamischen Männer tragen heute vom Anzug mit Krawatte bis zum T-Shirt mit Bermuda-Short alles. Warum beharrt der Islam nicht da auf der Beibehaltung traditioneller Kleidersitten?

Eine Kleidervorschrift für Männer, die Niederschlag im Koran finden würde, kenne ich nicht. Es gibt aber eine Tradition, die mehr oder weniger freiwillig ist . . .

. . . zum Beispiel, das Haupt zu bedecken . . .


. . . bei den Frauen ist es ein Vers aus dem Koran, und das hat nichts mit Tradition zu tun, sondern es hat damit zu tun, daß es eine Gottgefälligkeit ist. Wenn eine Frau Kopftuch trägt, tut sie das um die Gunst Allahs, nicht um die Gunst der Männer. Bei den Männern sind die Auflagen in der Regel nicht so streng. Und mit Badehose sollte nach der Tradition auch ein Mann nicht rumlaufen. Tut er es, dann verstößt er in der Tat gegen die Regeln. Genauso laufen ja nicht alle Frauen mit Kopftuch herum.

Sollte es Minderheitenrechte für Muslime, sollte es muslimische Feiertage geben?

Also ich würde die Muslime jetzt nicht unter die Rubrik Minderheiten fassen wollen. Sie sind zwar eine Minderheit, aber sie sind genauso ein Teil der Gesellschaft. Sie sind immer mehr deutsche Staatsbürger islamischen Glaubens, insofern sind sie Bürger wie jeder andere. Da wir in einem religionsneutralen Staat leben, finde ich, daß man keine Minderheitenrechte braucht. Man sollte vielleicht der Integration und der Anerkennung der Muslime wegen Wege finden, die Muslimen auch die Möglichkeit eröffnen, die Feiertage als Feiertage begehen zu können. Es müssen vielleicht keine arbeitsfreien Tage sein.

Quelle: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 25.01.2005, Nr. 20 / Seite 6
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