27.10.2003 · Die Fahd-Akademie in Bonn-Mehlem wurde einst als Vorzeigeprojekt des interkulturellen Dialogs ins Leben gerufen. Nun wirft man ihr vor, ein Anziehungspunkt für Sympathisanten von Al Qaida zu sein.
Von Wolfgang Günter LerchAls die nach dem saudiarabischen König Fahd Bin Abdal Aziz benannte "Fahd-Akademie" im Herbst des Jahres 1995 eröffnet wurde, war viel von Dialog die Rede. Der damalige Außenminister Kinkel, der den "kritischen Dialog" mit dem Islam führen wollte, und andere prominente Politiker und Diplomaten sprachen in der allgemein üblich gewordenen Floskelsprache von einer Gelegenheit, "Feindbilder abzubauen", gegen "Ängste vorzugehen" und überhaupt das "Gespräch zwischen den Kulturen" zu fördern. Die Akademie könne ein Vorbild werden für den "christlich-islamischen" und den "deutsch-arabischen Dialog", meinte die Bonner Oberbürgermeisterin Bärbel Dieckmann. Die Privatschule in Bonn-Mehlem, die vom saudischen Monarchen mit annähernd dreißig Millionen Mark bezahlt worden war, galt vielen als eine Art Vorzeigeprojekt, mit dessen Hilfe der auch damals schon prophezeite "Zusammenprall der Kulturen" erfolgreich bekämpft werden könne.
Es fällt auf, daß über die Tätigkeit der Akademie, an der ungefähr 500 Schüler aus vielen arabischen und muslimischen Ländern, häufig die Kinder von Diplomaten, lernen, nach ihrer feierlichen Eröffnung nicht mehr berichtet wurde. Erst in diesem Herbst kam das Institut unter Verdacht, möglicherweise verfassungsfeindlichen Zielen zu dienen. Ein Lehrer, dem die deutschen Behörden vorwarfen, er habe zum "heiligen Krieg" aufgerufen, ist inzwischen von der Akademie suspendiert worden. Aufgekommen war dies durch einen Bericht des Fernsehmagazins "Panorama". Damit scheint die Angelegenheit aber nicht erledigt zu sein. Von Schließung der Akademie ist die Rede, ein Schritt, der eine erhebliche Belastung des Verhältnisses zwischen Berlin und Riad - erst unlängst war Bundeskanzler Schröder auf seiner Nahost-Reise auch mit König Fahd zusammengetroffen - bedeuten könnte.
Gegensätze treffen aufeinander
Der Vorwurf lautet, die Akademie sei ein Anziehungspunkt für Sympathisanten von Al Qaida. Sie würden ihre Kinder wegen deren Ausrichtung bevorzugt auf diese Schule schicken. Einige Namen von Verdächtigen wurden genannt. Gibt es weitere Erkenntnisse? Nach seinem Treffen mit König Fahd in Riad neulich hatte Bundeskanzler Schröder wissen lassen, diese Unklarheiten im Umfeld der Fahd-Akademie würden "abgestellt". Nach Mitteilung der Kölner Bezirksregierung hat sich die Schule bei einem Besuch der deutschen Schulaufsicht kooperativ gezeigt, doch bleibe manches unklar. Dies kann nach Art und Ausrichtung der Schule auch gar nicht anders sein.
Die meisten Absolventen kehren wohl in ihre Heimatländer zurück, doch besitzen immerhin 195 von ihnen die deutsche Staatsangehörigkeit. Dies macht die Angelegenheit doppelt brisant. Die Lehrpläne der Fahd-Akademie folgen den in Saudi-Arabien üblichen Curricula. Diese fußen, was religiöse und gesellschaftliche Auffassungen angeht, weitgehend auf der strengen Lehre des wahhabitischen Islams, die in dem Königreich der Al Saud Staatsreligion ist. Sie hat Politik wie öffentliches Leben voll im Griff. Ein größerer Gegensatz zwischen den wahhabitischen Auffassungen des Islams, die besonders strikt sind, und denjenigen einer offenen, religiös pluralistischen, weltlichen Gesellschaft wie der deutschen läßt sich kaum vorstellen. Erst als Folge des "11. September" und seiner religiös-ideologischen Hintergründe sind diese Zusammenhänge bisweilen thematisiert worden.
Beziehung zu Al Qaida fraglich
Es ist freilich kein Problem dieser Schule oder Saudi-Arabiens allein. Bis heute leben die Muslime überall in der Welt in der Überzeugnung, ihre Religion sei die vollkommene und wahre, ihr Prophet Mohammed sei das "Siegel der Propheten". Zwar wird auch den "Buchreligionen" (hauptsächlich Judentum und Christentum) der Charakter von Vorläufer-Religionen zugestanden, doch die islamische Verkündung hat deren Irrtümer ein für allemal beseitigt und überwunden. Dies glauben nicht allein die Wahhabiten. Wahrheitsansprüche dieser Art sind den postmodernen Gesellschaften des Westens jedoch über die Maßen suspekt geworden, ebenso die Vorstellung, man müsse den eigenen Glauben auch weitertragen - durch die "dawa", den Ruf zum Islam.
Schwer einzuschätzen ist der Vorwurf des Aufrufs zum "Dschihad". Sollten besagter Lehrer und andere im Umfeld der Schule sich zu den Dschihadisten bekennen, jenen vornehmlich in Pakistan und Afghanistan aktiven Anhängern des ägyptischen Scheichs Omar Abdal Rahman, der unter Dschihad nur den bewaffneten Glaubenskrieg und sonst nichts versteht, so wäre dies tatsächlich ein schwerwiegender Vorwurf. Andere Auslegungen des Begriffes "dschihad" fordern von den Muslimen, "sich für die Religion einzusetzen". Dies kann auch friedlich sein. Die Frage ist nun, ob es tatsächlich Beziehungen zu Al Qaida gibt und wie eng sie sind.