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Islamdebatte In ein Wespennest

 ·  Seit sie muslimische Frauen aufgefordert hat, das Kopftuch abzulegen, sieht sich die Grünen-Politikerin Deligöz mit Morddrohungen konfrontiert. Von den muslimischen Organisationen in Deutschland fühlt sie sich allein gelassen.

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Wer am Minneapolis-Saint Paul International Flughafen mit einer Flasche Wein im Gepäck ein Taxi besteigt, sollte dem Fahrer vielleicht besser nichts davon sagen. Denn muslimische Taxifahrer weigern sich dort mitunter, Alkohol zu transportieren. Das Verhalten einiger aus Somalia stammender Fahrer hat in Minneapolis für viel Streit gesorgt. Einer der Lösungsvorschläge war, es sollten Lichtzeichen installiert werden an jenen Taxis, die bereit wären, mit Alkohol an Bord zu fahren. Dagegen sprach unter anderem die Befürchtung, demnächst könnten Lämpchen nötig werden für diejenigen Minneapolis-Muslim-Taxis, die sich noch dazu bewegen lassen, unverschleierte Frauen zu transportieren. Andere Bürger von Minneapolis verteidigen ihre Freiheit, indem sie neuerdings jedem Taxifahrer sagen, sie hätten Alkohol in der Tasche, auch wenn das häufig gar nicht zutrifft.

In Deutschland hat der jüngste Fall islamistischer Bedrohungskultur abermals dazu geführt, daß eine Bundestagsabgeordnete sich nicht mehr ohne Polizeischutz fortbewegen kann. Spätestens seit dem Mord an dem niederländischen Regisseur Theo van Gogh weiß man in Europa, solche Drohungen ernstzunehmen. Im vorletzten Jahr mußte sich die hessische CDU-Innenpolitikerin Kristina Köhler telefonische Beschimpfungen und Drohungen anhören, weil sie gewagt hatte, die antisemitische und gewaltverherrlichende islamistische Zeitung „Vakit“ im Bundestag zu attackieren. Sie möge „auf ihre Gesundheit achten“, riet man ihr nach Art der Mafia. Das Bundeskriminalamt sorgte auch damals für Leibwächter, Innenminister Schily verbot kurze Zeit später das Hetzblatt.

Kopftuch ein Symbol „der entrechteten Frau“

Nun hat die in der Türkei geborene Grünen-Abgeordnete Ekin Deligöz einen Vorschlag gemacht, den Hunderttausende muslimische Einwanderinnen längst beherzigen, andere aus jeweils ihren Gründen aber nicht. In der „Bild-Zeitung“ wurde sie zitiert mit der Aufforderung an Frauen aus der muslimischen Welt: „Kommt im Heute an und legt das Kopftuch ab.“ Das Kopftuch sei, so findet die Grünen-Abgeordnete, kein Ausdruck individueller religiöser Haltung oder gar ein modisches Kleidungsstück junger Muslima (“naiv“ nennt sie diese Annahme), sondern vielmehr Symbol „der entrechteten Frau“.

Offenbar studieren recht viele strenggläubige Muslime das Massenblatt mit den zahlreichen Bildern nackter Frauen, denn umgehend nach der „Bild“-Äußerung erreichten Frau Deligöz jede Menge Schmähungen und Drohungen mit der Post, per Internet und am Telefon. Alsbald wurde sie auch in türkischen Zeitungen beschimpft, unter anderem als „Schande für die Menschheit“ und als Nazi. Ausdrücklich wurde ihr Ayan Hirsi Ali genannt. Ein Drohbrief gegen die niederländische Politikerin stak an dem Messer, das der Mörder Theo van Gogh in den Leib gestoßen hatte.

„Du bist selber schuld, wenn du das ansprichst“

Die Beleidigungen und Mordankündigungen haben der Grünen-Politikerin unfreiwillig Recht gegeben: „Ich wußte nicht, in was für ein Nest ich hineinstoße“, sagte sie letzte Woche in Zeitungsinterviews. Im Prinzip gehe es den Radikalen darum, „Kritik an religiösen Symbolen oder Traditionen unmöglich zu machen“. Beklagenswert fand die in der Türkei geborene und seit 1979 in Deutschland lebende Politikerin die zumindest anfänglich zaghaften Reaktionen muslimischer Vereinigungen in Deutschland auf die Drohungen gegen ihre Person. „Ich hätte mir mehr Solidarität der demokratischen Muslime gewünscht“, bemerkte Frau Deligöz. „Sie sagen letztendlich, du bist selber schuld, wenn du das ansprichst, dann mußt du damit rechnen, daß so etwas kommt.“

Inzwischen haben sich mehrere muslimische Vereinigungen - darunter der Zentralrat der Muslime und der Islamrat - von den Morddrohungen und Beschimpfungen distanziert, allerdings nicht ohne zugleich die Auffassung von Frau Deligöz zu kritisieren. Die Türkische Gemeinde solidarisierte sich „voll und ganz“ mit Frau Deligöz gegen die Anfeindungen, nannte ihren Kopftuch-Vorschlag allerdings im gleichen Atemzug „unsinnig“ und „populistisch“. Beim Islamrat ist man der Meinung, ein Kopftuchverbot, beispielsweise für Lehrerinnen bei der Arbeit, sei „Diskriminierung“, es schade der Integration.

Flut von Solidaritätsbekundungen

Um solche Meinungen zu erörtern, zugleich aber um ein gemeinschaftliches Auftreten gegen Gewaltbereitschaft und Morddrohungen zu demonstrieren, haben sich Vertreter von fünf muslimischen Verbänden am Dienstag in Berlin zum Gespräch mit Abgeordneten der Grünen getroffen. Bereits am 20. Oktober hatte die Fraktionsvorsitzende Künast einen Brief an den türkischen Botschafter Mehmet Ali Irtemcelic geschrieben, in dem sie die türkische Regierung aufgefordert hatte klarzustellen, daß die „Medienhetze“ gegen Frau Deligöz „mit demokratischen und rechtsstaatlichen Grundsätzen nicht zu vereinbaren ist und nicht zu den Beitrittswünschen der Türkei paßt“. Eine Antwort darauf hat sie bislang nicht erhalten.

Nach dem kleinen Islam-Gipfel bei den Grünen, der anderthalb Stunden dauerte, wiederholten die Vertreter der Muslim-Organisationen ihre Standpunkte: Die Drohungen und Beschimpfungen fanden sie falsch, die Empfehlung, das Kopftuch abzulegen aber auch. Bewirkt hat die Grünen-Einladung eine Flut von Solidaritätsbekundungen für Frau Deligöz aus anderen Parteien, Organisationen und dem Innenministerium, die allesamt die Meinungsfreiheit verteidigten. Solche Bekundungen sind in der Berliner Republik zum alltäglichen Bedürfnis geworden - mal geht es um die türkischstämmige Rechtsanwältin Seyran Ates, mal um eine Berliner „Idomeneo“-Opernaufführung.

In einer Berliner Zeitung wird derzeit vor dem Hintergrund eines Messerüberfalls auf einen jungen Mann erörtert, wie man mit jugendlichen Pöblern und Randalierern in der S- und U-Bahn umgeht. Ob man etwa türkisch oder arabisch aussehenden Jungs bitten kann, ihre Schuhe von der Sitzbank zu nehmen, ohne ein Messer in den Bauch zu bekommen.

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