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Islam : „Hier gibt es keine Tabus“

  • Aktualisiert am

Muhammad Kalisch Bild: Peter Grewer

Traditionalisten sagen, er sei viel zu liberal: Muhammad Kalisch, Muslim und Professor für Religion des Islam in Münster, spricht über Theologie, den Koran und islamischen Schulunterricht.

          Muhammad Kalisch wurde im Juli 2004 auf den Lehrstuhl für Religion des Islam an der Westfälischen Wilhelms-Universität Münster berufen. Der Volljurist und habilitierte Islamwissenschaftler soll dort vom Sommersemester dieses Jahres an erstmals in Deutschland Lehrer für bekenntnisorientierten Islamunterricht an staatlichen Schulen ausbilden. Mit Kalisch, der 1966 in Hamburg geboren wurde und mit fünfzehn Jahren zum Islam konvertierte, sprach Susanne Kusicke.

          Wie weit sind die Vorbereitungen für den neuen Studiengang gediehen, und wie wird er gestaltet?

          Es wird ein Erweiterungsstudiengang für Lehramtsstudenten mit zwei Fächern sein, die zusätzlich zu Islam-Lehrern ausgebildet werden. Der Studiengang soll auf 30 Teilnehmer begrenzt werden. Bis jetzt läuft zeitlich alles so, wie wir es geplant haben. Die Studien- und Prüfungsordnung wird in den nächsten Tagen, spätestens Wochen druckreif sein und vom Ministerium genehmigt werden. Der Beirat hat den Plänen im wesentlichen zugestimt, und ich gehe davon aus, daß jetzt nichts mehr dazwischenkommt.

          Interessenten dafür gibt es schon?

          Die gibt es. Das wissen wir, weil die Sache vor etwa einem Dreivierteljahr publik gemacht worden ist, und es meldeten sich sehr viele Leute, die sich dafür interessieren.

          Welche Studieninhalte sind geplant, und was müssen die Studierenden mitbringen?

          Der Studiengang ist auf sechs Semester angelegt und relativ vollgepackt. Wir erwarten, daß die arabische Sprache in einem Mindestmaß erlernt wird. Dann werden wir islamisches Recht, Rechtsmethodik, Theologie, Philosophie, Mystik erarbeiten. Die einzelnen Rechtsgebiete und die Methodik in ihrer historischen Entwicklung und in aktuellen Debatten werden eine große Rolle spielen. Dasselbe gilt für den gesamten Bereich der Theologie, Philosophie, Mystik. Beim Recht geht es insbesondere darum, eine grundgesetzkonforme Auslegung zu bieten. Hinzu kommen allgemeine universitäre Fragen, wissenschaftliches Arbeiten, speziell islamwissenschaftliches Arbeiten, historischer Überblick. Im fortgeschrittenen Studium werden wir Religionspädagogen hinzunehmen, die die Unterrichtsdidaktik vermitteln. Wir hoffen, daß der Studiengang auf längere Sicht zu einem zweiten Hauptfach weiterentwickelt werden kann.

          Was für eine Funktion hat der Beirat?

          Wir wollten von Anfang an klarstellen, daß hier nicht über die Köpfe der Muslime hinweg entschieden wird. Beteiligt sind der Zentralrat, der Islamrat, der Verband der Islamischen Kulturzentren, die Ditib als Vertreter der türkischen Religionsbehörde und das islamische Zentrum Hamburg. Diese Zusammenarbeit hat sich als ausgesprochen fruchtbar erwiesen, es gab viele konstruktive Vorschläge. Die Hauptfunktion des Beirats ist eine beratende und, später, die Anwendung in der Praxis. Wir erwarten, daß die im Beirat vertretenen Organisationen später die Lehrinhalte an den Schulen mitbestimmen werden. Das heißt für mich, daß ich an der Universität die entsprechenden Hintergründe unterrichten werde.

          Würden dann - anerkannte - Religionsgemeinschaften Absolventen des Studiengangs an Schulen vermitteln, in denen sie Religionsunterricht anbieten?

          Das würde so funktionieren. Eingestellt würden die Lehrer vom Land. Aber innerhalb der Grenzen des Grundgesetzes haben die Religionsgemeinschaften ein erhebliches Wort mitzureden. Das bedeutet vor allem, daß es bekenntnisorientierter Unterricht sein wird. Wir haben beispielsweise in Nordrhein-Westfalen einen Modellversuch für islamkundlichen Unterricht. Dabei wird über den Islam aus einer neutralen dritten Perspektive berichtet. Diese Lehrpläne werden in Soest erstellt, und es sind sehr engagierte Leute, die das machen. Religionsunterricht bedeutet dagegen, daß sich der Lehrer zu der Religion, die er unterrichtet, bekennt und diese als richtig darstellt.

          Nach welchen Ansätzen lehren Sie?

          Es wird nicht so sein, daß eine bestimmte theologische Schule den Studiengang prägt. Die Richtung, der ich selbst angehöre, wird als eine unter vielen vorkommen. Ich bin zaiditischer Schiit, das ist eine Strömung der Schia, eine Mindermeinung, die sehr rationalistisch geprägt ist, wobei ich auch Ansätze vertrete, die einer Weiterentwicklung der traditionellen mutazilitischen Theologie (der Theologie des frühislamischen Rationalismus, Anm. der Red.) durch indopakistanische Gelehrte wie Sayyid Ahmad Khan oder Muhammad Iqbal entstammen.

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