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Islam Der neue Ost-West-Konflikt

12.09.2002 ·  Das Verhältnis zwischen dem Orient und dem Westen hat sich verschlechtert. Das zeigt eine Konferenz in Mainz.

Von Holger Christmann
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Nach dem 11. September 2001 war in Europa wie in Amerika das Interesse an der islamischen Welt groß. Ein Jahr danach sind sich die beiden Kulturen so fremd wie eh und je. Das zeigt sich beim Ersten Weltkongress für Nahoststudien in Mainz. Amerika wirft muslimischen Ländern vor, dass sie den Terrorismus fördern. Und der bevorstehende Krieg gegen den Irak weckt im Nahen Osten neue Ressentiments - zwar nicht gegen den Westen pauschal, aber gegen Amerika.

„Warum gelten ausgerechnet wir als 'bad boy in the neighbourhood'“? Die Frage des Politikwissenschaftlers Kamel S. Abu Jaber vom Jordanischen Institut für Nahost-Studien in Amman brachte das Problem auf den Punkt, das viele im Nahen Osten mit der westlichen Wahrnehmung ihrer Region haben. Jaber verwies auf die 180 Millionen Muslime in Indonesien und die etlichen Millionen in Nigeria; einem Land, wo - anders als in Ägypten, Syrien, Jordanien oder dem Libanon - das Scharia-Gesetz gilt. Gegenüber diesen Ländern hege Amerika kein Misstrauen. Der Nahe Osten hingegen stehe unter Generalverdacht. Jaber beklagte das umso mehr, als doch die meisten Araber Amerika heimlich mögen würden. „In Amerika leben zu können, das ist für viele ein Traum.“ Jaber und viele andere auf dem Kongress artikulierten merkwürdig unmittelbar die Kränkung ihrer Region. Man fühlt sich ungerecht behandelt, wie ein Sohn, der denkt, dass sein Bruder von den Eltern bevorzugt behandelt wird. Der Bruder ist in diesem Fall Israel.

Uncle Sam gilt als einäugig

Dass die Nahostpolitik Amerikas einseitig ist, stand für die muslimischen Teilnehmer des Kongresses unisono fest. Gar nicht gut kam im Nahen Osten der Satz des amerikanischen Präsidenten George W. Bush an, dass Ariel Scharon ein „Mann des Friedens“ ist. Man hat Scharon aus dem Libanonkrieg anders in Erinnerung. Allerdings hätte es hier auch gemäßigter Stimmen bedurft, die darauf hingewiesen hätten, dass dieser Satz ein Wahlkampf-Slogan war. Misstrauisch stimmte die Beteiligten auch, dass die arabische Welt bis heute keine Antwort auf den Abdullah-Plan bekommen hat. Der Friedensplan des saudischen Kronprinzen, dem die Arabische Liga zugestimmt hat, sieht die Normalisierung der Beziehungen zu Israel vor, sobald das Palästinenser-Problem gelöst ist. „Wir haben alles angeboten, was wir können. Was sollen wir noch tun?“, fragte der jordanische Spin-Doctor Jaber.

Relativ selten war Selbstkritik aus den Reihen der Nahostforscher zu hören. Man konzentrierte sich auf Kritik an Amerika. Und selbstkritische Töne wurden so präsentiert, dass am Ende wiederum Amerika an allem schuld ist. Eine Universitätsprofessorin aus Saudi-Arabien etwa meinte, nachdem aus Amerika Kritik am saudischen Regierungssystem laut geworden sei, habe das saudische Regime die Ziele der Demokratie-Bewegung „entführt“. Den eigentlichen Kämpfern für Demokratie werde damit das Wasser abgegraben. Gleichzeitig habe Amerika die saudische Regierung in die Zwickmühle gebracht: Wenn sie jetzt Reformen beginne, dann gelte sie im Land als Amerika-hörig. Bedauerlich war nicht nur an dieser Stelle, dass kein Vertreter der amerikanischen Regierung zugegen war. Generell hätte es eines Widerparts bedurft, der manche einfachen Schuldzuweisungen in ein anderes Licht gerückt und die bequeme Einträchtigkeit produktiv aufgemischt hätte.

Gunter Mulack vom Auswärtigen Amt präsentierte die deutsche Haltung zum Nahostkonflikt. Mulack, vormals Botschafter in Damaskus, leitet den neu gegründeten Arbeitsstab für den Dialog mit dem Islam. Er betonte, dass Deutschland die Konfliktparteien berate, nicht bevormunde: Ziel sei die wirtschaftliche Entwicklung, die Verbreitung der Demokratie und die Wahrung der Menschenrechte. Die Entscheidung, was zu tun ist, könne man den Staaten nicht abnehmen. Mit dieser Position hat sich Deutschland im Nahen Osten viele Sympathien erworben.

Gegen Begriffsmissbrauch: Edward Said

Das zeigte auch ein Vortrag des Literaturwissenschaftlers Edward Said. Er erinnerte daran, dass der Dirigent und Pianist Daniel Barenboim sein Konzert in Ramallah diese Woche nur geben konnte, weil er in einem deutschen Botschaftsfahrzeug dorthin befördert wurde. Said wurde in Mainz mit dem Preis des Kongresses ausgezeichnet. Der Intellektuelle palästinensischer Abstammung, der aber immer in Amerika lebte, bekam den Preis für sein Lebenswerk. Said hat vor 25 Jahren die Nahost-Forschung revolutioniert, indem er die arabische Welt zu einem selbstbewussten und eigenständigen Blick auf ihre Geschichte anhielt. Bis dahin war das Fach von europäischen und amerikanischen Wissenschaftlern beherrscht, die der gesamten Disziplin ihren eurozentrischen Blick aufprägten. Von diesem Thema handelt Saids nach wie vor wichtigstes Buch „Orientalismus“.

Heute möchte der vielfach Preisgekrönte Begriffe wie diesen am liebsten gar nicht mehr verwenden. Westen, Osten, Islam, aber auch Amerika, das seien große Worthülsen, die von Machthabern ideologisch missbraucht würden. Er möchte sich stattdessen auf die Literatur zurückbesinnen. Sie sei besser geeignet, den Menschen zu erforschen. In den großen Werken der islamischen und der westlichen Literatur gebe es keinen „Konflikt der Kulturen“, sondern das Bemühen, den Menschen ideologisch unverfälscht so zu sehen, wie er ist. Das waren für das Publikum starke Worte - denn dass sie ihr Gegenüber „unverfälscht“ sehen, kann man auch von den jeweiligen Experten diesseits wie jenseits des Atlantiks, diesseits wie jenseits des Mittelmeers im Augenblick nicht behaupten.

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