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Iran und Afghanistan : Wer ist Freund, wer Feind?

Der iranische Präsident Ahmadineschad und der afghanische Präsident Karzai Bild: dpa

Vor laufenden Kameras wurde viel gelächelt beim Besuch des iranischen Staatspräsidenten im Nachbarland Afghanistan. Ahmadineschad bezeichnete Afghanistan als „besten Freund“ Irans. Hinter verschlossenen Türen dürften jedoch deutliche Worte gefallen sein.

          Freundschaft und Feindschaft liegen manchmal so nah beieinander wie das offiziell Gesagte und die sogenannte „hidden agenda“. Gleich zweimal in den vergangenen drei Tagen hatte der afghanische Präsident Hamid Karzai Gelegenheit, Ambivalenzen, Widersprüche und Falschheiten aus der Nähe zu studieren. Am Wochenende beschwor der pakistanische Präsident Pervez Musharraf bei der „Friedens-Jirga“ in Kabul den gemeinsamen Kampf gegen den Terror, am Dienstag stellte sich nun der iranische Präsident Mahmud Ahmadineschad ostentativ an die Seite Afghanistans.

          Jochen Buchsteiner

          Politischer Korrespondent in London.

          „Mit all unserer Macht“ unterstütze Teheran die afghanische Regierung, sagte Ahmadineschad in Kabul. „Der beste Freund Irans“, sagte er weiter, „ist ein Land, das mächtig, entwickelt und sicher ist.“ Dass er darunter nicht unbedingt dasselbe versteht wie Karzai, hatte er nur wenige Tage vor seiner Reise deutlich gemacht, als er in Teheran mit den Worten zitiert wurde, man müsse die Zusammenarbeit schon deswegen ausbauen, um eine „weitere Dominanz der Vereinigten Staaten“ in der Region zu verhindern.

          Mit amerikanischer Hilfe die Taliban gestürzt

          Ähnlich wie Pakistan im Osten hat auch Iran im Westen in vielfältiger Weise in die afghanische Geschichte eingegriffen. Und sowohl Islamabad als auch Teheran wechselten ihre Strategien und Partner am Hindukusch wiederholt. Während Pakistan den Taliban auf ihrem Weg zur Macht unter die Arme griff, um ihnen dann nach dem 11. September 2001 offiziell die Unterstützung zu entziehen, verhält es sich nach Meinung mancher Beobachter im Falle Irans genau umgekehrt.

          Im von Schiiten beherrschten Iran wurde die Machtergreifung der radikalen Sunniten als Bedrohung wahrgenommen. Nachdem Taliban-Kämpfer in Mazar-i-Sharif neun iranische Diplomaten und einen Journalisten ermordet hatten, standen die Zeichen beinahe auf Krieg. Aktiv unterstützte Teheran in den späten neunziger Jahren die afghanische „Nordallianz“, die schließlich mit amerikanischer Hilfe die Taliban stürzte. Nachdem sich das Verhältnis zu den Vereinigten Staaten vor allem wegen des Atomprogramms weiter verschlechterte, begann Teheran nach Meinung von in Kabul stationierten Diplomaten die Taliban mit anderen Augen zu sehen - getreu der Devise, dass der Feind des Feindes ein Freund ist.

          Gezielte Destabilisierung Afghanistans

          Die Vereinigten Staaten und Großbritannien machten in der jüngeren Vergangenheit Anzeichen dafür aus, dass die iranische Führung unter Ahmadineschad eine gezielte Destabilisierung Afghanistans betreibe. Angeblich wurden kistenweise Waffen iranischer Herkunft, unter ihnen auch Mörser und Bombensätze, gefunden, die für die Taliban bestimmt gewesen sein sollen. „Absolut sicher“ sei man, dass iranische Waffen ins Land kommen, sagte ein amerikanischer Regierungssprecher im Juni und ließ nur rhetorisch offen, ob die Regierung Ahmadineschad dahintersteckt. Teheran wies den Vorwurf als Propaganda zurück, und auch in Kabul wurden Zweifel an dem Fund geäußert.

          Äußerungen iranischer Sicherheitsstrategen lassen jedoch darauf schließen, dass der Verdacht nicht abwegig ist. „Es ist besser für Iran, wenn Amerika in Afghanistan mit den Taliban beschäftigt ist“, sagte unlängst Abulfazl Amooei vom Magazin „Hamshari“, das den Falken in Teheran nahesteht. Die iranische Regierung dürfe durchaus zugeben, „dass sie nicht zufrieden ist, wenn die Taliban völlig aus Afghanistan verschwunden wären“, sagte er weiter und begründete dies mit den Worten: „Sobald die Vereinigten Staaten kein Problem mehr mit Afghanistan haben, könnten sie sich dem nächsten Gebiet im Nahen Osten zuwenden.“ Der Status quo in Afghanistan sei insofern „der beste für unsere Außenpolitik“.

          Abschiebung afghanischer Flüchtlinge

          Als Beitrag zur Destabilisierung legen Iran-Kritiker auch den Umgang Teherans mit den afghanischen Flüchtlingen aus. An die zwei Millionen Afghanen haben sich in den vergangenen Jahrzehnten in das westliche Nachbarland abgesetzt. Seit einiger Zeit schieben die iranischen Behörden die Flüchtlinge in großen Mengen zurück; die Rede ist von mehr als 100.000. Die meist armen Rückkehrer erschweren die Erholung des ohnehin darniederliegenden Landes.

          Der in Amerika forschende Regionalfachmann Amin Tarzi nannte in der libanesischen Zeitung „Daily Star“ gleich drei Vorteile, die sich durch eine solche Flüchtlingspolitik für die Regierung in Teheran eröffneten. Zum einen werde Kabul bedeutet, dass Iran auf legale Weise den Druck auf Afghanistan nach Belieben erhöhen und senken könne. Zum anderen eigne sich die Flüchtlingsmisere, um der Welt die vermeintliche Erfolglosigkeit der westlichen Afghanistan-Mission vor Augen zu führen. Und schließlich könne Iran mit den Flüchtlingen auch noch Spione ins Nachbarland schmuggeln.

          Lobten Drogenbekämpfung und Antiterrorkampf

          Unruhe haben auch Berichte über eine Verletzung des afghanischen Luftraums hervorgerufen. Die Regierung in Kabul warf Teheran vor, mehrfach mit Flugzeugen, aber auch mit bewaffneten Sicherheitskräften die Grenze überschritten zu haben. Ein früherer afghanischer Gouverneur beschuldigte Teheran überdies, ein Ausbildungslager für Gegner von Präsident Karzai zu unterhalten.

          All dies dürfte allenfalls hinter verschlossenen Türen zur Sprache gekommen sein. Vor der Presse rühmten die beiden Präsidenten am Dienstag lieber die gemeinsamen Abkommen, unter anderen über die Drogenbekämpfung und den Antiterrorkampf. „Der Kampf gegen den Terrorismus“, verkündete Ahmadineschad, „erfordert einen gemeinsamen Willen und einen ernsthaften Schritt.“ Dass selbst dieses Bekenntnis einen doppelten Boden hat, ergibt sich aus seiner Erläuterung: „Das Aufzwingen von ungerechten Systemen durch gewisse Mächte ist auch eine Art von Terrorismus.“

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