09.12.2009 · Ist die iranische Gesellschaft, die modernste im Nahen und Mittleren Osten, bereit für eine säkulare und demokratische politische Ordnung? Oder verkennt der westliche Blick, dass die meisten Iraner in Wirklichkeit rückständig, religiös und konservativ sind?
Von Christiane HoffmannSie lassen sich nicht zum Schweigen bringen. Tausende Iraner riefen am Montag auf den Straßen wieder ihr „Tod dem Diktator!“ - trotz aller Drohungen, Einschüchterungsversuche und massiver Repressionen. Millionen waren es im Sommer gewesen, die gegen Fälschungen bei der Präsidentenwahl demonstrierten, ihrer Frustration nach vier Jahren Ahmadineschad Ausdruck verliehen, den Wandel einforderten, für den sie gestimmt hatten.
„Wir sind viele!“ war die überraschte Erkenntnis. Aber wie viele sind es in dieser grünen Bewegung, die innerhalb weniger Wochen entstand? Ist die iranische Gesellschaft, die modernste im Nahen und Mittleren Osten, wirklich bereit für eine säkulare und demokratische politische Ordnung? Oder verkennt der westliche Blick, fixiert auf eine dünne städtische Oberschicht, dass die meisten Iraner, vor allem die ländliche Bevölkerung, in Wirklichkeit rückständig, religiös und konservativ sind?
Eine politische Generation
Alle samtenen Revolutionen von Leipzig bis Tiflis sind in den Städten gemacht worden. In Iran leben mehr als zwei Drittel der Bevölkerung in Städten, ihr Anteil ist damit etwas höher als in Japan, ein Drittel höher als in Ägypten und dreimal so hoch wie in Afghanistan. Allein der Großraum Teheran - eine der sieben Millionenstädte des Landes - zählt mehr als zwölf Millionen Einwohner. Auf der Straße demonstriert vor allem die urbane Jugend, jene stärkste Bevölkerungsgruppe des Landes, die sich der Fruchtbarkeitspropaganda nach der islamischen Revolution 1979 und der Bevölkerungsexplosion in den achtziger Jahren verdankt.
Es sind die heute 20 bis 35 Jahre alten Männer und Frauen, aufgewachsen in der nachrevolutionären Atmosphäre und der Zeit des Krieges gegen den Irak. Sie sind eine durchaus politische Generation, die noch die Strahlkraft der revolutionären Mythen kennt, bevor sie zur entleerten Propaganda wurden. Ihre revolutionäre Erziehung richten sie jetzt gegen das islamische System. Mit Bedacht vergleicht die Opposition die Volksmilizen der Basidschi, die heute gegen die Demonstranten vorgehen, mit der Knüppelpolizei des Schahs.
Zugleich kämpft das System gegen die Saat des eigenen Fortschrittsanspruchs, der sich im Ausbau des Bildungssystems niederschlug. Viele der jungen Leute sind gebildet, über Internet und Satellitenfernsehen mit der Welt verbunden. Sie sind verwirrt durch die Widersprüche zwischen der offiziellen Moral und der fortschreitenden Modernisierung der Gesellschaft, zynisch geworden durch die allgegenwärtigen Lügen. Sie sind frustriert - nicht von ungefähr haben Metaphern der Explosion in Teheran Konjunktur. Je jünger die Demonstranten, desto frustrierter, desto stärker eine depressive Leere, hinter der Aggression lauert. Viele wissen nur, was sie nicht wollen.
Während frühere Regierungen versuchten, die Bevölkerungsteile - urban oder ländlich, säkular oder konservativ-religiös - zu integrieren, ist Ahmadineschad auf Konfrontation gegangen. In den vergangenen vier Jahren hat sich die Klerusherrschaft zu einem vulgär-islamischen Militärregime gewandelt, das rücksichtslos auf die eigene Klientel setzt: In erster Linie sind das die Revolutionsgarden, die dank der Scheinprivatisierungen auch über ein gewaltiges Wirtschaftsimperium gebieten, und die ländlichen Unterschichten. Der religiöse Führer Ajatollah Chamenei hat die Gesellschaft ganz offiziell zum Schlachtfeld erklärt, auf dem der angebliche „weiche Krieg“ des Westens abgewehrt wird. Zunächst mit Verhaftungen und Schauprozessen, aber auch mit weiter verschärfter Pressezensur, einer neuen Internetaufsicht, Propagandaeinheiten der Basidschi an den Schulen und einer Säuberung der Professorenschaft an den Universitäten.
„Das Ölgeld auf die Tische der Leute“
Auch innerhalb des Machtapparats ist seit dem Sommer die Konsenskultur aufgekündigt, in der die unterschiedlichen Strömungen ihr „Leben und leben lassen“ praktizieren konnten. Reformpolitiker landeten in großer Zahl im Gefängnis, und der einst fast allmächtige Rafsandschani, verdienter Revolutionär der ersten Stunde, droht den Machtkampf gegen Ahmadineschad zu verlieren, der ihn in seinem populistischen Antikorruptionsfuror zur Zielscheibe gemacht hat. Seit Monaten hat Rafsandschani nicht mehr das Freitagsgebet gehalten, einer seiner Söhne hat sich bereits ins Ausland abgesetzt.
Derweil ist der Präsident dabei, sein bisheriges Motto „Das Ölgeld auf die Tische der Leute“ abzuwandeln. Er plant eine Umverteilung zugunsten der eigenen politischen Klientel: auf die Tische meiner Leute. Die Subventionen von Benzin und Lebensmitteln, die bisher allen Konsumenten zugutekommen, sollen durch direkte Subventionen Bedürftiger ersetzt werden. Nichts spricht dafür, dass die Finanzverwaltung in der Lage sein könnte, eine transparente Verteilung zu bewerkstelligen. Wo die 300 Milliarden Dollar Öleinnahmen der vergangenen Jahre geblieben sind, fragt das Parlament noch vergebens.
Oppositionsführer Mussawi setzt dem „Wir werden euch vernichten“ der Regierung ein „Niemand wird verlieren“ entgegen. Aber die Forderungen der Demonstranten werden radikaler. Am Montag brannten Porträts von Chamenei und sogar von Revolutionsführer Chomeini.
Christiane Hoffmann Jahrgang 1967, politische Korrespondentin der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung in Berlin.
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