11.01.2007 · Eine der „bedeutendsten Herausforderungen“ nennt das Pentagon die Reform der Polizei im Irak. Die Beamten sollen dem Einfluss von Milizen entzogen werden. Doch noch sind einige so eingeschüchtert, dass sie sich kaum trauen, ihre Arbeit zu tun.
Von Hans-Christian RößlerKeine zwei Kilometer entfernt liegt die Haifa-Straße von der zur Festung ausgebauten „Grünen Zone“. In der sunnitischen Hochburg entlang der Straße lieferten sich bis kurz vor der Rede Bushs etwa tausend irakische und amerikanische Soldaten verlustreiche Gefechte mit militanten Sunniten.
Die Offensive im Herzen Bagdads gab einen kleinen Vorgeschmack auf das, was in Bagdad bald häufiger geschehen wird, wenn die amerikanisch-irakische Großoffensive beginnt. Zugleich zeigten die bewaffneten Auseinandersetzungen, wie sehr die irakischen Sicherheitskräfte immer noch überfordert sind, auch nur einen Straßenzug in Sichtweite des Regierungsviertels zu sichern, um den schon zahlreiche Male gekämpft wurde.
Frage der Loyalität
Gemessen an der Truppenstärke steht es nicht schlecht um sie. 323.000 Mann umfassen die irakischen Sicherheitskräfte mittlerweile wieder, nachdem ihre Vorläufer nach dem Ende des Saddam-Hussein-Regimes vor knapp vier Jahren aufgelöst worden waren. Aber die Zahlen sagen wenig darüber aus, wozu Armee und Polizei wirklich in der Lage sind. 188.300 Polizeikräfte zählte das Brookings-Institut im vergangenen November und 134.700 Soldaten.
Als „deutlich übertrieben“ bezeichnet der angesehene amerikanische Militärfachmann Anthony Cordesman vom „Center for Strategic and International Studies“ in Washington die Einschätzung der irakischen Armee durch das Pentagon. Zwar sei im jüngsten Bericht Ende 2006 schon eine Annäherung an die ernüchternde Realität zu beobachten. Aber besonders mit Blick auf die Polizei gehe daraus hervor, dass Washington schlicht nicht wisse, wie viel Mann tatsächlich zur Verfügung stehen und wozu sie fähig sind.
Eng damit verbunden ist die Frage, wem die Loyalität der irakischen Sicherheitskräfte im Ernstfall gehört - besonders, wenn sie jetzt vor allem die schiitische Mahdi-Miliz ins Visier nehmen sollen. Als eine der „bedeutendsten Herausforderungen“ nennt selbst das Pentagon die Reform der Polizei, die dem irakischen Innenministerium untersteht. Dabei gehe es darum, die Beamten dem Einfluss von Milizen zu entziehen. Immer wieder töteten in der Vergangenheit schiitische Todesschwadrone Sunniten.
„Wächter der Region“
Aus dem im Vergleich zu Bagdad ruhigeren Basra berichten britische Soldaten, dass sie der irakischen Polizei, die sie zum Teil selbst mit ausgebildet haben, nur wenig trauen. Es habe schon Fälle gegeben, in denen die irakischen Beamten britische Patrouillen auskundschafteten, die dann von Aufständische angegriffen wurden. Mehr als 95 Prozent der Beamten sei gut trainiert, aber ineffektiv, weil die restlichen fünf Prozent so eingeschüchtert seien, dass sie sich nicht trauten, ihre Arbeit zu tun, sagen westliche Ausbilder.
Vertrauen in die neuen Sicherheitskräfte wächst auch in der Bevölkerung nur langsam. Die ethnische und religiöse Zusammensetzung des Landes spiegeln Polizei und Armee noch nicht wider. Nicht einmal ein Zehntel der Soldaten und Polizisten sind Sunniten. Im Norden stehen die kurdischen Peschmerga kurz davor, die Verantwortung für die Sicherheit der Provinzen Dohuk, Suleimanije und Arbil zu übernehmen.
Für sie sieht die irakische Verfassung den Status von „Wächtern der Region“ vor, über letzte Einzelheiten wird noch verhandelt. Bisher kontrollieren die Iraker eigenständig nur zwei der insgesamt achtzehn Provinzen. Im September übernahmen sie im schiitischen Süden die Provinz Diqar, zuvor im Juli die Provinz Muthanna. Für Februar 2007 ist vorgesehen, die Provinzen Nadschaf, Wasit und Maysan den Irakern zu unterstellen.
Die meisten Aufständischen sind Einheimische
Zwischen 20.000 und 30.000 Menschen haben sich nach Schätzungen von Ende 2006 den Aufständischen im Irak angeschlossen. Die meisten von ihnen sind wohl Einheimische. Nur 800 bis 2000 Ausländer werden in ihren Reihen vermutet. Längst sind es nicht mehr ausländische Dschihadisten und frühere Angehörige des Baath-Regimes, die für den Großteil der Gewalt verantwortlich gemacht werden, sondern militante Schiiten.
Deshalb soll sich die angekündigte amerikanisch-irakische Offensive vor allem gegen die sogenannte Mahdi-Armee des radikalen Schiitenpredigers Muqtada Sadr richten. Sadr, dessen Bewegung auch der Regierung angehört, tut sich aber offenbar schwer, seine Miliz unter Kontrolle zu halten. Sie gilt als nicht sonderlich diszipliniert und verfügt wohl nur in Ansätzen über hierarchische Strukturen.
Seitdem sich die Mahdi-Miliz im Sommer 2004 heftige Kämpfe mit den Amerikanern in Nadschaf geliefert hatte, soll sie nach Berichten aus Bagdad sogar noch stärker geworden sein. Mit Waffen wird aber auch der Machtkampf unter den Schiiten, vor allem mit der Badr-Miliz des Führers der Partei Sciri, Hakim, ausgetragen.
Noch vor wenigen Monaten hielten die amerikanische und die irakische Regierung die sunnitische Terrororganisation „Al Qaida im Irak“ für den gefährlichsten Feind. Hatten sich im Jahr 2003 zunächst ehemalige Mitglieder der Baath-Partei der „Armee Muhammads“ angeschlossen und vor allem militärische Ziele angriffen, traten seit 2004 die islamistischen Selbstmord- und Entführungskommandos um den Jordanier Zarqawi in den Vordergrund. In den vergangenen Monaten sollen unter den rund 20 sunnitischen Organisationen aber wieder jene die Oberhand gewonnen haben, die ihre politischen Ziele auf den Irak begrenzen und einen Bürgerkrieg mit den Schiiten ablehnen.
Hans-Christian Rößler Jahrgang 1967, politischer Korrespondent für Israel und die Palästinensergebiete mit Sitz in Jerusalem.
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