09.09.2007 · Die irakische Armee war einmal gefürchtet. Heute ist sie in marodem Zustand und nicht in der Lage für Sicherheit zu sorgen. Wie es scheint, wird das auch noch eine Weile so bleiben.
Von Hans-Christian RößlerEs ist noch nicht lange her, da war die irakische Armee in der Region und darüber hinaus gefürchtet. Acht Jahre führte sie Krieg gegen Iran, zweimal boten die Amerikaner Zehntausende Soldaten und modernste Kriegstechnik auf, um die zuletzt knapp 400.000 Mann unter Saddam Hussein in die Knie zu zwingen.
Von diesem Gegner ist nichts geblieben: Im Mai 2003 schickte der amerikanische Zivilverwalter Bremer die irakischen Soldaten nach Hause. Seitdem müht sich die Kriegskoalition, neue Sicherheitskräfte aufzustellen. Bisher gleichen diese jedoch eher einem schwachen Patienten, dem ausländische Ärzte besorgt den Puls fühlen - auch aus eigenem Interesse: Erst wenn die Iraker selbst in der Lage sind, für Ordnung und Sicherheit zu sorgen, kann der amerikanische Truppenabzug wirklich beginnen.
„In drei bis fünf Jahren“
Noch vor weniger als einem Jahr waren amerikanische Militärs und irakische Politiker zuversichtlich, dass die Iraker schon 2008 allein die Kontrolle übernehmen könnten. Kenneth Pollack vom Forschungsinstitut Brookings Institution konnte bei einem Irak-Besuch Ende Juli zwar einen „langsamen, aber greifbaren Fortschritt“ besonders in der Armee beobachten. Allerdings werde es „noch Jahre brauchen, bis die Armee eigenständig auf dem gegenwärtigen Niveau operieren kann“. Sein Fazit lautete: Stellten die Amerikaner ihre massive Unterstützung sofort ein, würden sich die jüngsten Fortschritte in nichts auflösen.
Der Militärfachmann Anthony Cordesman, der mit Pollack im Irak war, ist ebenfalls der Ansicht, dass Washington den neuen Sicherheitskräften noch längere Zeit zur Seite stehen müsse. Er hält einen Zeitraum von „drei bis fünf Jahren“ für realistisch, bis diese selbst Verantwortung in größerem Umfang übernehmen könnten.
Funktionsunfähig und korrupt
Viele Milliarden Dollar hat die Kriegskoalition schon in die neuen Sicherheitskräfte investiert, aber ein Hauptproblem hat sie nicht in den Griff bekommen: Wem würden Soldaten und Polizisten im Ernstfall gehorchen - ihren Vorgesetzten oder den Führern ihrer Religions- oder Bevölkerungsgruppen? In der Armee haben amerikanische Ausbilder zuletzt den Eindruck gewonnen, dass solche äußeren Einflüsse abnähmen und die militärische Befehlskette immer besser funktioniere. In der Polizei sieht es jedoch anders aus. „Die Polizei ist eine Katastrophe“, schreibt Pollack.
Das gelte vor allem für die nationale Polizei, die dem Innenministerium untersteht. Eine vom Kongress eingesetzte Kommission unter Leitung des früheren Nato-Oberbefehlshabers James Jones empfahl sogar, die nationale Polizei aufzulösen und neu aufzubauen. Das Innenministerium, dem diese Truppe untersteht, sei funktionsunfähig und korrupt. In der Führung des Ministeriums dominieren Mitglieder der Badr-Miliz des „Obersten Islamrats im Irak“ (SIIC), während viele einfache Polizisten der Mahdi-Miliz des radikalen Schiitenpredigers Sadr angehören.
Argwöhnisch beobachtete Zusammenarbeit
Aber auch um die Loyalität der lokalen Polizei scheint es vielerorts schlecht bestellt zu sein. Im Südirak zitierte die britische Presse vor kurzem einen irakischen Polizeioffizier, der schätzte, dass die Führungsebene zu 60 Prozent und die einfachen Polizisten zu fast 100 Prozent aus Milizangehörigen bestünden. In Basra kommt neben Mahdi-Miliz und Badr-Brigaden noch die Fadhila-Partei hinzu. Nach Einschätzung der „International Crisis Group“ haben diese schon seit längerem die Kontrolle über die zweitgrößte Stadt des Iraks samt Sicherheitskräften übernommen. Statt zum Teil einer Lösung zu werden, sei die von Briten ausgebildete Polizei eines der größten Probleme geworden, sagen selbst britische Militärs.
In der sunnitischen Unruheprovinz Anbar haben dagegen die Amerikaner vor kurzem damit begonnen, mit lokalen Milizen und Stämmen zusammenzuarbeiten. Die Gewalt nahm daraufhin deutlich ab. Von einem „sunnitischen Erwachen“ ist daher die Rede, weil die wichtigsten Stämme, von denen früher viele Al Qaida unterstützten, nun die ausländischen Terroristen an der Seite der Amerikaner erfolgreich bekämpften; den regulären irakischen Streitkräften war das nicht gelungen. Schlossen sich 2006 in Anbar nur tausend Iraker den Sicherheitskräften an, waren es 2007 bisher 12.000. Schiiten beobachten die sunnitisch-amerikanische Zusammenarbeit jedoch argwöhnisch. „Die Amerikaner vertrauen Terroristen, die sie und unschuldige Zivilisten zuvor getötet haben“, kritisieren Parlamentarier. Auch manche amerikanische Militärs sind skeptisch, wie verlässlich ihre Verbündeten wirklich sind. Letztlich seien diese nur sich selbst gegenüber loyal.
Hans-Christian Rößler Jahrgang 1967, politischer Korrespondent für Israel und die Palästinensergebiete mit Sitz in Jerusalem.
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