14.12.2003 · Die Amerikaner suchten ihn wie die Stecknadel im Heuhafen, aber es war der Löwe von Kurdistan, der Husseins Versteck aufspürte. Nur mit kurdischer Hilfe gelang den Amerikanern die Festnahme.
Von Rainer Hermann, IstanbulAls erste haben die Kurden im Norden des Iraks gefeiert. Schnell verbreitete sich dort die Nachricht von der Festnahme Saddam Husseins, und die Menschen begannen, ausgelassen stundenlang auf den Straßen von Suleimanije und Kirkuk zu tanzen. "Es ist wie eine Hochzeit", freute sich ein Kurde. "Sie haben Saddam, sie haben Saddam", schrieen andere. Im Satellitenfernsehen hatten sie den müden Diktator gesehen, und nun feuerten sie Freudensalven ab.
Die gab es auch in Bagdad. Doch durch die Hauptstadt ging die Nachricht nicht wie ein Lauffeuer. Der zentrale Platz, auf dem unter Jubel am 9. April die Statue Saddams geschleift worden war, blieb lange leer und still. Dann erst schlossen sich die Iraker in Autokorsos zusammen. Langsam begriffen sie, daß der Albtraum endlich vorüber ist, daß Saddams letzte Strategie nicht aufgegangen war, die Amerikaner in einem Guerrillakrieg zu zermürben und zum Rückzug zu bewegen, um wieder an die Macht zurückzukehren.
Löwe findet das Versteck
Ein weiteres Mal war es Khosret Rasul Ali. Im Nordirak nennt man ihn den "mutigen Löwen von Kurdistan". In der Hierarchie der "Patriotischen Union Kurdistans" ist er hinter Dschalal Talabani offiziell nur die Nummer zwei. Doch während Talabani als Intellektueller und Diplomat das internationale Parkett beherrscht, ist Rasul Ali der Mann der Tat. Bei dem großen und stark gebauten Mann mit der sanften Stimme sind immer die Fäden der kurdischen Peschmerga zusammengelaufen. Mehrfach war er in seinem Krieg gegen Saddam verwundet worden. Nun hat er seinen größten Triumph errungen.
Zu Beginn des Irak-Kriegs hatte er schon die Aktion gegen die Ansar al Islam, einen Ableger von Al Qaida, im irakisch-iranischen Bergland geleitet. Nun hat er mit seinem Coup, das Versteck von Saddam entdeckt zu haben, das Ende des Kriegs im Irak in greifbare Nähe gerückt. Mit seiner Leibwache, wenigen vertrauten Peschmergas und einigen amerikanischen Soldaten war Rasul Ali im Raum Takrit unterwegs gewesen. Bis die Spürnase des Löwen das Versteck des verhaßten früheren Diktators gefunden hatte.
Die Stecknadel im Heuhaufen
Auch bei der Festnahme waren wieder die Männer von Khosret Rasul Ali dabei. Immer mehr Iraker hatten zuletzt daran gezweifelt, ob die Amerikaner Saddam je fassen würden. Zu oft hatte es geheißen, man sei kurz davor, die Stecknadel im Heuhaufen zu finden. Der Ankündigung war dann stets das Eingeständnis gefolgt, daß die "Task Force 121", die mit der Suche nach Saddam beauftragt war, ihn wieder um einige Stunden verpaßt habe. Stets war es dem inneren Zirkel um Saddam gelungen, die amerikanischen Bewegungen rechtzeitig zu erkennen, und offenbar konnten die Amerikaner diesen inneren Zirkel nicht infiltrieren.
Einige haben behauptet, der entscheidende Hinweis sei von Saddams zweiter Frau, Samira Shahbandar, gekommen. Saddams erste Frau soll sich zusammen mit der gemeinsamen jüngsten Tochter im Jemen aufhalten. Seine zweite Frau Samira aber lebt mit Ali, dem jüngsten Sohn Saddams, im Libanon. Das hatte zumindest die britische Zeitung "Sunday Times" jüngst behauptet. Und sie wollte auch wissen, daß Saddam mit ihr regelmäßig korrespondiere, vielleicht sogar telefoniere. Ob sie aber wirklich über das Erdloch in Adwar zwanzig Kilometer südlich von Takrit Bescheid gewußt hat, ist eher zu bezweifeln. Jedoch hatte sich auch der Kurdenführer Talabani, der am Sonntag als erster auch die Nachricht von der Festnahme Saddams der Welt mitgeteilt hatte, mehrfach auf Samira Shahbandar berufen.
Trittbrettfahrer von Saddams Guerrilla
Die Amerikaner hatten in den vergangenen Monaten alles mögliche versucht, um den Kreis um Saddam enger zu ziehen. Von der Belohnung von 25 Millionen Dollar versprachen sie sich Hinweise aus der Bevölkerung. Daneben haben sie die Spur der Tonbänder verfolgt, die Saddam den arabischen Nachrichtensendern Al Arabiyya und Al Dschazira zugespielt hatte. Besonders nach dem Tonband, das am 17. September ausgestrahlt wurde, haben die Koalitionstruppen ein Netz aufgebaut, das ihnen erlaubte, von den Redakteuren der Sender aus über die Überbringer der Bänder zu Erkenntnissen über die zurückgelegten Wege zu gelangen. Als das Überwachungsnetz aufgebaut war, verstummte aber die Stimme Saddams zwei Monate lang. Vielleicht hatte das letzte Tonband, das Al Arabiyya am 16. November ausstrahlte, aber dann doch Rückschlüsse über den Aufenthaltsort Saddams zugelassen.
Im November eskalierte aber der Guerrillakrieg. Viele haben als Trittbrettfahrer von Saddams Guerrilla profitiert: irakische Nationalisten und Unabhängigkeitskämpfer, Bin Ladins Al Qaida und die sich auf ihn berufenden islamistischen Extremisten. Erst vor wenigen Tagen hatte die Nachrichtenagentur AFP unter Berufung auf Untergrundkreise der Baath-Partei berichtet, Saddam habe während des Fastenmonats Ramadan an einem Mahl zum Fastenbrechen in Ramadi teilgenommen. Ein Saddam nahestehender Stammesführer, der die Agentur den Namen "Abu Muhammad" gegeben hat, soll gesagt haben, Saddam sei wohlauf und würde persönlich den Guerrillakrieg gegen die Koalitionstruppen leiten.
Vom Loch aus den Widerstand organisiert
Vermutlich hatte der gestürzte Diktator in seinem Untergrund aber nicht einmal telefoniert, sondern nur persönlich Befehle erteilt und Botschaften per Tonband verschickt. Immer wieder hieß es, sein langjähriger Stellvertreter Izzat Ibrahim al Duri koordiniere die Angriffe. Erst vor einer knappen Woche hatte es geheißen, amerikanische Soldaten hätten al Duri gefaßt. Das war eine Falschmeldung. Gesucht haben sie aber ganz in der Nähe des Erdlochs, in dem ihnen nun Saddam in die Hände gefallen ist.
Früher hatte der ehemalige Präsident in Luxus geschwelgt. Kann er von dem Loch bei Takrit aus den Widerstand organisiert haben? Oder haben das andere getan und war es nur noch sein Name, der Angst und Schrecken verbreitete? Zumindest hatte eine Website, die dem israelischen Geheimdienst Mossad nahesteht, ein "Präsidialdekret" veröffentlicht, das Saddam selbst unterzeichnet haben soll. Es hatte den Irak in sechs Distrikte aufgeteilt, an die Spitze jedes Distrikts stellte das Dekret eine bekannte Person aus dem inneren Zirkel um Saddam. Saddam soll sich an die Spitze des "Interimkommandos der bewaffneten Handlungen gegen die Vereinigten Staaten und die zionistischen Kräfte" gestellt haben.
Antiamerikanische Stimmung bleibt
Die Mitglieder der Baath-Partei hatten demnach die Aufgabe, der irakischen Bevölkerung dieses Dekret bekanntzumachen. Jedem der sechs Distrikte soll ein Attentatstrupp von Saddam-Loyalisten zugeordnet worden sein, die ausgebildet sind, um Anschläge gegen die Koalitionstruppen und gegen die Iraker zu verüben, die mit den Amerikanern kooperieren. Die sechs Kommandanten tragen Namen wie Ibrahim Abd al Sattar und Zuhair Rahamimim. Die meisten von ihnen stammen aus Takrit. Dort wähnte sich Saddam sicher, im Schutz seiner Familie und seines Stamms. Er wollte nicht den Fehler wiederholen, den seine Söhne Udai und Qusai begangen hatten, die sich in Mossul versteckt gehalten hatten und dort am 22. Juli von Amerikanern erschossen wurden.
Saddam ist nun nicht mehr im Untergrund, sondern in Haft. Noch weiß aber niemand, ob es diese "sechs Kommandanten Saddams" wirklich gibt. Ob nun sie, nachdem Saddam nicht mehr an ihrer Spitze steht, die Guerrilla weiter antreiben werden, ist deshalb unklar. Die antiamerikanische Stimmung aber bleibt - trotz des Jubels am Sonntag.
Rainer Hermann Jahrgang 1956, Korrespondent für Wirtschaft und Politik in der arabischen Welt mit Sitz in Abu Dhabi.
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