31.01.2005 · Den autoritären Regimen schmeckt es gar nicht: Ihre Bürger sehen, daß Wahlen sogar unter dem Druck von amerikanischer Besatzung und Terror demokratischer ablaufen als in vielen friedlichen Ländern des Nahen Ostens.
Würde ein arabischer Herrscher ehrlich auf die Frage: „Was wünschen Sie sich für den Irak?“ antworten, so würde seine Antwort wohl lauten: „Ein undemokratisches System, das gerade stabil genug ist, um ein Auseinanderbrechen des Landes zu verhindern“.
Das zumindest glauben viele Iraker und auch europäische Diplomaten in der Region. Sehr verhalten fiel zunächst die offizielle arabische Reaktion auf die Wahlen im arabischen Bruderland aus. Denn den Regierungen der Region schmeckt gar nicht, wenn ihre Bürger an den Fernsehschirmen sehen, daß Wahlen sogar unter amerikanischer Besatzung und dem Druck islamistischer Mörderbanden demokratischer ablaufen als in vielen friedlichen arabischen Ländern.
Spärliche und verhaltene Reaktionen
Das Kabinett von Bahrain, das die irakischen Wahlen wegen der schiitischen Bevölkerungsmehrheit im eigenen Land besonders intensiv beobachtete, äußerte lediglich die Hoffnung, daß nun der Aufbau eines neuen demokratischen System folge. Wenig Begeisterung sprach auch aus dem Kommentar des ägyptischen Präsidenten Husni Mubarak. Er gratulierte Iraks Übergangsministerpräsidenten Ijad Allawi telefonisch dazu, daß die Wahlen überhaupt stattgefunden haben. Angesichts des Wahlboykotts vieler Sunniten erklärte Mubarak, er hoffe, daß die Einheit des Landes gewahrt bleibe. Andere arabische Staatschefs äußerten sich erst einmal überhaupt nicht.
„Natürlich können die arabischen Herrscher nicht glücklich sein“, sagt der ägyptische Politikwissenschaftler Mustafa al-Labbad. Allein die Tatsache, daß im Herzen der arabischen Welt Vertreter der Mehrheit durch Wahlen an die Macht gelangen könnten, sei für sie bedrohlich. „Die Herrscher haben das Gefühl, daß sie in Gefahr geraten könnten, ihre Macht zu verlieren.“
Lob und Kritik von Zeitungskommentatoren
Positiv überrascht zeigten sich dagegen einige arabische Zeitungskommentatoren. Sie lobten den Mut der Wähler, die trotz der Terrorgefahr ihre Stimme abgaben. Gleichzeitig warnten sie jedoch vor einer Ausgrenzung der Sunniten, die die Wahlen zum Großteil boykottierten.
Wirklich negativ waren nur die Kommentare derjenigen, die von Anfang an gegen die Abhaltung der Wahlen waren. Sie betonten die Gewalt, den sunnitischen Boykott und die Tatsache, daß viele der Kandidaten den meisten Irakern unbekannt waren. Ihr Hauptargument lautete jedoch: Eine Wahl, die der in der arabischen Welt so unbeliebte amerikanische Präsident gutheißt, kann eigentlich nur Schlechtes bringen. So schrieb der Chefredakteur der in London erscheinenden Zeitung „Al-Quds Al-Arabi“, Abdel Bari Atwan: „Es kann ja wohl kein Zufall sein, daß Präsident George Bush der erste Staatschef war, der lobende Worte für die irakischen Wahlen fand.“