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Irak-Wahl Die drei größten Gruppen im Irak

24.01.2005 ·  Schiiten, Sunniten und Kurden, haben die Vorgeschichte zur Wahl im Irak maßgeblich bestimmt: Unter Saddam Hussein wurden die Schiiten unterdrückt, die Sunniten bevorzugt, und die Kurden weitgehend autonom.

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Die drei größten Gruppen im Irak, Schiiten, Sunniten und Kurden, haben die Vorgeschichte zur Wahl im Irak am kommenden Sonntag maßgeblich bestimmt: die Schiiten als die größte Gruppe, die sich durch den Krieg aus der Unterdrückung durch Saddam befreien konnte; die Sunniten als die unter dem Saddam-Regime tragende Bevölkerungsgruppe; die Kurden, die sich schon in der Endphase der Diktatur unter internationalem Schutz eine Autonomie im Norden aufbauen konnten.

Schiiten

Zum ersten Mal seit Jahrzehnten können die Schiiten des Iraks ihre Stimme einer anderen Partei geben als der Baath, die unter Saddam Husseins Herrschaft die einzige Option gewesen ist. Zwar kannte auch das Baath-Regime seine „Vorzeigeschiiten“, wie den bekannten Politiker Saadun Hammadi, doch nun haben die lange unterdrückten Schiiten sogar eigene Parteien und politische Gruppierungen. Schon deshalb dürften sie die jetzigen Zustände als besser empfinden als die früheren.

Die Schiiten stellen im Irak zwischen 55 und 60 Prozent der etwa 25 Millionen umfassenden Bevölkerung, sind also die größte Konfession. Der Sturz Saddams hat sie aus einer teilweise demütigenden Umklammerung durch das Regime gelöst, das von den Sunniten beherrscht war. Diese hatten ihre religiöse Praxis, etwa die öffentlichen Trauerriten am Aschura-Tag, drastisch eingeschränkt, nicht allein wegen der prinzipiell weltlichen Ausrichtung der Baath, sondern auch, weil diese Zeremonien, zu denen auch Selbstgeißelungen gehören, den Sunniten fremd und überflüssig erscheinen.

Irak ist ihr eigentliches „heiliges Land“

Für die Schiiten war dies freilich um so schmerzlicher, als der Irak ihr eigentliches „heiliges Land“ ist, in dem ihre Konfession einst entstand. In den heiligen Schreinen der Moscheen von Nadschaf und Kerbela sowie in den Moscheen von Kadhimain in Bagdad und Samarra ruhen die wichtigsten ihrer historischen Imame. Von diesen im mittleren Irak gelegenen Städten bis in den Süden, nach Basra, erstreckt sich im wesentlichen auch das Siedlungsgebiet der Schiiten. Doch auch in der Hauptstadt Bagdad leben inzwischen, etwa am Ostufer des Tigris in dem Stadtteil "Madinat Sadr" (früher Saddam City), mindestens zwei Millionen Schiiten.

Kerbela und Nadschaf residieren hohe schiitische Schriftgelehrte, deren Entscheidungen auch im benachbarten Iran, in dem das Schiitentum Staatsreligion ist, von Relevanz sind. Vor allem Nadschaf ist ein wichtiges Zentrum schiitischer Gelehrsamkeit, viele Theologie-Studenten sitzen dort zu Füßen ihrer Lehrer und studieren die religiösen Quellen. Einflußreichster Mullah ist der greise Großajatollah Ali Sistani, dem es gelungen ist, die Streitereien unter den Schiiten um der Wahlen willen zunächst einmal beizulegen. Er trug mit dazu bei, das von dem radikalen Muqtada Sadr angeführte Dschaisch al Mahdi (“Heer des Mahdi“), das seine Hochburg in den schiitischen Armenvierteln Bagdads hat, wieder in den schiitischen „mainstream“ einzugliedern.

Kurden

Schon vor dem Sturz Saddam Husseins, ihres Peinigers, genossen die im Nordirak lebenden Kurden, etwa dreieinhalb Millionen Menschen, zu denen auch eine turkmenisch-türkische Minderheit gehört, eine recht weitgehende Autonomie. Das war dem Ergebnis des Golfkrieges von 1991 geschuldet, in dessen Folge die damaligen Alliierten Kurdistan zu einer Flugverbotszone für die Kampfflugzeuge des Bagdader Regimes erklärten. In diesem Schutz konnten die Kurden eine weitgehende Selbständigkeit erringen, die sie jetzt auf der Grundlage eines Verbleibs im irakischen Staatsverband weiter ausbauen wollen.

Das kurdische Gebiet im Nordirak, von den beiden Politikern Masud Barzani und Dschalal Talabani seit Jahrzehnten schon in konkurrierender, bisweilen auch zwieträchtiger "Eintracht" gelenkt, hat wohl bisher am meisten vom Sturz Saddam Husseins profitiert, es steht ökonomisch recht gut da. Dafür haben die kurdischen Peshmerga-Krieger, das sind "jene, die den Tod nicht fürchten", viele Jahre und Jahrzehnte auch mit der Waffe gegen die wechselnden Zentralregierungen in Bagdad gekämpft.

Nicht nur ein geteiltes, sondern ein aufgesplittertes Volk

Immer haben sich die Kurden der Ideologie des arabischen Nationalismus widersetzt und auf ihre Eigenständigkeit gedrungen. Da auch in Syrien, in der Türkei und in Iran viele Millionen Kurden leben, sind sie nicht nur ein geteiltes, sondern ein aufgesplittertes Volk, das keinen Staat bekam, als die territoriale und ethnische Konkursmasse des zugrunde gegangenen Osmanischen Reiches nach dem Ersten Weltkrieg aufgeteilt wurde und arabische Nationalstaaten und die Türkische Republik entstanden.

Gegenwärtig findet im kurdischen Teil des Iraks ein erbitterter Streit um den Besitz der Ölstadt Kirkuk statt, den sowohl die arabischen Iraker als auch die Kurden für sich entscheiden wollen. Unter Saddam Hussein wurden Kurden aus Kirkuk vertrieben und Araber aus anderen Landesteilen dort angesiedelt; das wollen die Kurden rückgängig machen, wodurch wieder Araber vertrieben werden. Die meisten Kurden sind sunnitische Muslime. Obwohl in den vergangenen Jahren auch der Fundamentalismus zugenommen hat, sind die meisten Kurden moderate Muslime geblieben, die den Islamismus ablehnen. Sprecher der Kurden haben erkennen lassen, daß ihr Landesteil aus dem Gesamtstaat Irak ausscheren würde, falls radikale Islamisten in Bagdad an die Macht gelangen und im Irak eine islamische Republik - etwa nach Teheraner Muster - errichten sollten.

Sunniten

Viele Jahre lang behaupteten die Sunniten, sie stellten die größere islamische Konfession im arabischen Irak. Das stimmte aber noch nicht einmal, wenn man die - mehrheitlich tatsächlich sunnitischen - Kurden zu den arabischen Sunniten hinzurechnete, was erstere stets ablehnten. Die Vorherrschaft der sunnitischen Araber im Irak bis zu dem amerikanisch-britischen Krieg 2003 erklärt sich aus der jüngeren und jüngsten Geschichte des Landes. Sowohl die Osmanen, die viele Jahrhunderte über das Zweistromland herrschten, als auch die seit dem Ersten Weltkrieg dort etablierte britische Kolonialmacht bevorzugten das sunnitische Establishment im Nordirak (Mossul) sowie in Bagdad als Instrument des indirekten Regierens.

Die Osmanen standen selbst für den sunnitischen Islam, dessen Vormacht sie lange gewesen waren. Die von den Engländern seit 1921 in Bagdad installierte Dynastie der Haschemiten, die bis zur Revolution 1958 unter Oberst Kassem herrschte, war ebenfalls sunnitisch geprägt. Sie kam ursprünglich aus der Landschaft Hedschas im Westen der Arabischen Halbinsel, bekam jedoch mit britischer Hilfe nicht nur den Irak, sondern zur selben Zeit auch Transjordanien (heute Jordanien) zugesprochen, wo sie noch heute herrscht.

Sunniten sehen sich als die großen Verlierer

Nach dem Sturz Saddam Husseins meldeten Sprecher der Haschemiten prompt Ansprüche im Irak an, auch bei den jetzigen Wahlen wollen Nachkommen des 1958 auf blutige Weise gestürzten Monarchen Faisal II. antreten. Die Haschemiten führen ihren Stammbaum auf den Propheten Muhammad zurück. Gleichwohl empfanden etliche der sunnitischen irakischen Stämme - und erst recht die Schiiten - die Haschemiten als fremde Herrscher, die zudem zu eng mit den Engländern zusammenarbeiteten. Die arabischen Sunniten sehen sich nach dem Sturz des irakischen Diktators, der selbst Sunnit war und aus einem sunnitischen Clan aus Takrit am Tigris kam, als die großen Verlierer.

Mehrheitlich sunnitisch geprägt sind auch jene Terroristen, die in Bagdad und im sogenannten sunnitischen Dreck, das heißt nördlich und westlich der Hauptstadt, insbesondere in Städten wie Ramadi, Baquba, Falludscha und in Bagdad selbst, durch blutige Terrorakte Unruhe stiften. Neben jenen Sunniten, die an der Neuordnung teilhaben wollen, gibt es jene, die zu einem Boykott der Wahlen aufgerufen haben. Sie fürchten eine künftige Dominanz der Schiiten, die für viele von ihnen unerträglich erscheint.

Von wirklich freien, allgemeinen und geheimen Wahlen wird am 30. Januar im Irak kaum gesprochen werden können. Es sind Wahlen unter dem labilen Ausnahmezustand, den die irakische Übergangsregierung in Bagdad Ende vergangenen Jahres verhängt hatte und der bislang nicht verhindern konnte, daß Gewalt und Unsicherheit den Alltag in fast allen Großstädten des Landes bestimmt.

Wahlkampf mit konspirativen Zügen

Der irakische Wahlkampf nahm zuletzt an vielen Orten konspirative Züge an. In Teilen der Hauptstadt Bagdad und nördlich davon erinnern nur Plakate daran, daß die ersten freien Wahlen seit Jahrzehnten bevorstehen. Die Angst herrscht selbst unter den Kandidaten der "Vereinigten Irakischen Koalition" vor; das schiitische Wahlbündnis hat eigentlich gute Aussichten, als Sieger aus den Wahlen am 30. Januar hervorzugehen. Aber auf seinen Flugblättern standen zuletzt nur die Namen von gut dreißig der mehr als zweihundert Kandidaten - "wir müssen sie am Leben halten", heißt es über die nicht genannten Bewerber.

Die sich verschlechternde Sicherheitslage ließ keine große Begeisterung für die Wahlen aufkommen. Aber nicht alle Iraker ließen sich abschrecken: Gab es im Januar vor zwei Jahren, als noch Saddam Hussein herrschte, nur die Baath-Partei, reichten im Dezember mehr als 250 Parteien, Gruppen und Wahlbündnisse ihre Unterlagen für eine Kandidatur ein. Die Unabhängige Irakische Wahlkommission sprach zuletzt von 111, die sich beteiligen. Das Feld der etwa 7000 Bewerber ist längst übersichtlicher geworden und hat sich weitgehend entlang der religiösen und ethnischen Linien gegliedert. Zwar haben die drei wichtigsten Listen auch Kandidaten aus anderen Lagern aufgestellt, aber es ist klar, wer sie dominiert. Das hat zum Teil auch mit dem Wahlsystem zu tun: Der gesamte Irak wird als ein Wahlkreis betrachtet, Landes- oder Provinzlisten gibt es bei der Parlamentswahl nicht - auch wenn gleichzeitig Regionalwahlen stattfinden. Es gilt das Verhältniswahlrecht. Das heißt, entsprechend ihren Stimmenanteilen erhalten Parteien und Listen Sitze im 275 Abgeordnete umfassenden Parlament. Garantiert ist auch, daß eine größere Zahl von Frauen ins Parlament einziehen wird: Auf den Wahllisten mußte jeder dritte Platz von einer Kandidatin besetzt werden. Die Wahlen, deren Vorbereitung eine kleinere UN-Mission technisch mit vorbereitete, können aber wohl nicht in allen 18 Provinzen ungehindert stattfinden. Ministerpräsident Allawi gestand schon Schwierigkeiten vor allem in den Provinzen Ninive, wo auch Mossul liegt, und Anbar ein. In einigen Gebieten wurde aus Sicherheitsgründen noch nicht bekanntgegeben, wo genau die Wahllokale eingerichtet werden. Insgesamt werden es wohl weniger als die ursprünglich angekündigten 5000 Lokale sein. (hcr.) Von wirklich freien, allgemeinen und geheimen Wahlen wird am 30. Januar im Irak kaum gesprochen werden können. Es sind Wahlen unter dem labilen Ausnahmezustand, den die irakische Übergangsregierung in Bagdad Ende vergangenen Jahres verhängt hatte und der bislang nicht verhindern konnte, daß Gewalt und Unsicherheit den Alltag in fast allen Großstädten des Landes bestimmt.

Quelle: wgl. / Frankfurter Allgemeine Zeitung, 24.01.2005, Nr. 19 / Seite 6
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