Die Festnahme türkischer Soldaten durch die amerikanische Armee in Nordirak hat diplomatische Verstimmungen zwischen Ankara und Washington ausgelöst. Der türkische Ministerpräsident Recep Taiyyp Erdogan bezeichnete das Vorgehen der amerikanischen Soldaten am Samstag als „abstoßend“ und berief in der Nacht zum Sonntag eine Krisensitzung ein.
Der türkische Außenminister Abdullah Gül sagte nach einem Telefonat mit seinem amerikanischen Kollegen Colin Powell, die Soldaten seien in die irakische Hauptstadt Bagdad gebracht worden, wie die Nachrichtenagentur Anadolu berichtete. Am Sonntagnachmittag sollte Erdogan mit dem amerikanischen Vizepräsident Dick Cheney über die Angelegenheit sprechen.
Unklarheit über Freilassungen
Laut Anadolu rief Powell Gül an, um ihn über den Vorgang zu informieren und ihm gegenüber die große Bedeutung der türkisch-amerikanischen Beziehungen zu betonen. Keiner der Soldaten sei freigelassen worden, sagte Gül anschließend. Zuvor hatte Erdogan gesagt, ein Teil der Soldaten sei wieder frei. Laut Anadolu wurden insgesamt 24 Festgenommene in die irakische Hauptstadt gebracht. Unter ihnen seien zwölf türkische Soldaten sowie kurdische und turkmenische Kämpfer. Aber nur die Türken würden noch festgehalten.
Wie die türkische Zeitung „Hürriyet“ am Samstag berichtete, wurden die Soldaten am Freitag in der Kurdenhochburg Suleimanijah unter dem Verdacht festgenommen, einen Anschlag auf den kurdischen Gouverneur von Kirkuk geplant zu haben. Etwa hundert amerikanische Soldaten hätten ein Büro der türkischen Spezialeinheiten gestürmt, die Telefonverbindungen gekappt und die Soldaten sowie sechs Angestellte in die nordirakische Stadt Kirkuk gebracht. Zur Begründung hätten die amerikanischen Soldaten gesagt, daß „gewisse Türken sich anschickten, einen Anschlag auf den Gouverneur von Kirkuk zu verüben“.
„Unglaubwürdiger Vorwurf“
Gül nannte diesen Vorwurf „unglaubwürdig“ und bezeichnete ihn als „Dummheit“. Dem Minister zufolge begab sich eine ranghohe türkische Delegation nach Suleimanijah, um die Angelegenheit zu prüfen. Gül wird nach Medienberichten in zwei Wochen in Washington erwartet, um über die Entsendung von 1.500 türkischen Soldaten nach Irak zu sprechen. Die amerikanische Regierung hatte eine entsprechende Anfrage an den Nato-Partner Türkei gerichtet.
Der Agentur Anadolu zufolge berief Erdogan in der Nacht zum Sonntag eine Krisensitzung in Ankara ein, an der unter anderem der im Außenministerium für Irak zuständige Staatssekretär Ugur Ziyal teilnahm. Nach der Sitzung kündigte Regierungssprecher Cemil Cicek für Sonntag ein Telefongespräch zwischen Erdogan und Cheney an. Der Ministerpräsident werde gegen 16 Uhr MESZ ein Telefonat mit dem amerikanischen Vizepräsidenten führen, um über die festgenommenen Offiziere und Unteroffiziere zu sprechen. „Wir hoffen, daß sich solche inakzeptablen Vorfälle nicht wiederholen werden“, sagte Cicek.
Angespannte Beziehungen
Die türkisch-amerikanischen Beziehungen sind seit mehreren Monaten angespannt. Ankara hatte Washington verweigert, das türkische Territorium für einen Angriff auf das Nachbarland Irak zu nutzen. Außerdem bestehen Differenzen über den Umgang mit den Kurden in Nordirak. Die Türkei fürchtet, eine Stärkung der kurdischen Verantwortung in Nordirak könnte zu Unabhängigkeitsbestrebungen der Minderheit im eigenen Land führen.
Die Türkei hat einige tausend Soldaten im Nord-Irak stationiert, um kurdische Rebellen aus dem Südosten der Türkei zu bekämpfen, die das Gebiet als Rückzugsraum nutzen. Die von den USA unterstützen Kurden beherrschen den Nord-Irak seit dem Irak-Krieg 1991 und fordern einen Abzug der türkischen Truppen.