14.09.2004 · Sollten die Vereinigten Staaten die Militäroffensive gegen die nordirakische Stadt Tal Afar fortsetzen, will die Türkei ihre Zusammenarbeit im Irak beenden. Unterdessen kamen bei Anschlägen im Irak 59 Menschen ums Leben, im ganzen Land fiel der Strom aus.
Die Türkei hat den Vereinigten Staaten bei einer Fortsetzung der Militäroffensive gegen die nordirakische Stadt Tal Afar mit dem Ende der Zusammenarbeit im Irak gedroht.
Der türkische Außenminister Abdullah Gül sagte nach amerikanischen Medienberichten am Montag, in diesem Fall werde die Kooperation mit den Vereinigten Staaten vollständig beendet werden. Gül nannte die amerikanischen Angriffe, bei denen auch Opfer unter der Zivilbevölkerung zu beklagen gewesen seien, einen Fehler. Bereits am vergangenen Freitag hatte das türkische Außenministerium die Amerikaner zu einem Stopp der Offensive gedrängt, berichtete der britische Sender BBC. In dem Gebiet leben zahlreiche türkischstämmige Menschen.
Schutzhafen für Terroristen, die aus Syrien kommen?
Die Türkei leistet für die amerikanischen Truppen im Irak logistische Hilfe. Außerdem führen über die Türkei wichtige Nachschubwege in das Nachbarland. Die türkische Luftwaffenbasis Incirlik wird von den amerikanischen Streitkräften für den Truppenaustausch genutzt.
Die Vereinigten Staaten und ihre irakischen Verbündeten haben in der vergangenen Woche eine groß angelegte Militäroperation gegen Tal Afar begonnen. Die Stadt gilt als Schutzhafen für Terroristen, die aus Syrien in den Irak einsickern.
59 Tote bei Anschlägen auf irakische Sicherheitskräfte
Aufständische haben am Dienstag im Irak abermals die einheimischen Sicherheitskräfte ins Visier genommen. Mindestens 47 Menschen wurden bei der Explosion einer Autobombe nahe einer Polizeiwache in Bagdad getötet, 114 Menschen wurden nach Angaben des Gesundheitsministeriums verletzt. In Bakuba verloren mindestens zwölf Menschen ihr Leben bei einem Anschlag auf ein Polizeifahrzeug. Ein Anschlag auf eine Kreuzung von Ölpipelines im Nordirak löste unterdessen eine Kettenreaktion im Elektrizitätsnetz aus. Im gesamten Land fiel der Strom aus.
Allein bei der Explosion einer Autobombe in Bagdad auf der zentralen Haifa-Straße wurden am Dienstag vormittag 47 Menschen getötet und über hundert verletzt. Das teilte ein Sprecher des Gesundheitsministeriums mit. Der Sprengsatz explodierte unweit der Polizeiwache, die jüngst Schauplatz heftiger Gefechte zwischen amerikanischen Truppen und Aufständischen war. Augenzeugen berichteten, Dutzende Menschen hätten zum Zeitpunkt des Anschlags vor dem Gebäude Schlange gestanden, das auch als Rekrutierungsbüro dient. Polizisten sind im Irak immer wieder Ziel von Anschlägen, weil sie von den Aufständischen als Handlanger der Amerikaner betrachtet werden.
In Bakuba eröffneten Unbekannte das Feuer auf den Kleinbus, in dem Polizisten zu ihrer Wache zurückkehrten. Elf Polizisten und ihr Fahrer wurden getötet, wie ein Mitarbeiter des Krankenhauses von Bakuba sagte. Zwei weitere Polizisten seien verletzt worden.
Anschläge auf Pipelines
In Nordirak verübten unterdessen Unbekannte in der Nacht zum Dienstag Anschläge auf zwei Pipelines, die Erdöl von den Ölfeldern bei Kirkuk in den türkischen Mittelmeerhafen Ceyhan pumpen. Dies bestätigte ein Vertreter der Nordöl-Gesellschaft in Kirkuk. Der Abtransport des Erdöls von den Kirkuker Ölfeldern in die Türkei kam damit zum Erliegen. Augenzeugen berichteten von gewaltigen Flammen. Wegen der enormen Rauchentwicklung mußte die Überlandstraße von Kirkuk nach Bedschi gesperrt werden.
Türkischer Lastwagenfahrer von Islamisten ermordet
Unterdessen wurde bekannt, daß ein im Irak verschleppter türkischer Lastwagenfahrer von seinen Entführern ermordet worden sein soll. Ein entsprechendes Video sei auf einer islamistischen Internetseite veröffentlicht worden, berichteten türkische Medien am Montag. Die Aufnahmen trügen als Datum den 17. August. Drei Tage zuvor sei der Fahrer entführt worden.
Zahlreiche Tote in Falludscha
Bei Luftangriffen auf mutmaßliche Anhänger des Top-Terroristen Abu Mussab al Zarkawi hat die amerikanischen Armee am Montag im westirakischen Falludscha mindestens 16 Menschen getötet. Weitere 23 Menschen wurden nach Angaben von Krankenhausärzten verletzt. Das amerikanische Militär erklärte in Bagdad, der „Präzisionsschlag“ der Luftwaffe habe einem Treffen von Terroristen der Gruppe um den Jordanier al Zarkawi gegolten. Der Schlag sei „wirksam und genau“ gewesen und habe „das Leben unschuldiger Zivilisten verschont“. Dieser Darstellung widersprachen Augenzeugen in der Stadt. Neue Kämpfe wurden am Montag auch aus der Nachbarstadt Ramadi gemeldet.
Der irakische Ministerpräsident Ijad Allawi schloß trotz der Gewalt im Irak eine Verschiebung der für Januar geplanten Wahlen aus. Es könne zwar sein, daß die Wahlen in einigen umkämpften Städten zunächst nicht stattfinden könnten, sagte er der britischen Zeitung „The Times“. Das bedeute aber nicht, daß deshalb die gesamte Wahl verschoben werde. In einzelnen umkämpften Städten könne die Wahl möglicherweise später nachgeholt werden.
Italien fordert Freilassung
Der italienische Außenminister Franco Frattini forderte am Montag in Kuwait die sofortige Freilassung der beiden im Irak entführten Italienerinnen. Die beiden Frauen seien im Irak gewesen, um Gutes zu tun und der Bevölkerung zu helfen, erklärte der Politiker. Unterdessen wächst die Sorge um die beiden Mitarbeiterinnen einer Hilfsorganisation, die am vergangenen Dienstag in Bagdad entführt worden waren. Auf einer Islamisten-Seite im Internet war am Sonntag eine Erklärung aufgetaucht, in der die angeblichen Entführer mit der Ermordung der Frauen innerhalb von 24 Stunden drohten, sollte die italienische Regierung ihre rund 3000 Soldaten nicht aus dem Irak abziehen. Unterzeichnet war die Botschaft mit „Organisation des Islamischen Dschihad im Irak“.