27.07.2003 · Saddam Hussein ist am Sonntag offenbar nur knapp den amerikanischen Truppen entkommen. Sie stürmten Häuser in Bagdad und Tikrit. Unterdessen ist weiter unklar, was mit den Leichen der Saddam-Söhne Udai und Kusai geschehen soll.
Die amerikanischen Truppen in Irak waren Saddam Hussein am Sonntag offenbar dicht auf den Fersen. Sie stürmten ein Haus in einer besseren Wohngegend von Bagdad. Anwohner berichteten von Gerüchten, daß sich dort der gestürzte Präsident Saddam Hussein oder Mitglieder seiner Familie aufgehalten hätten. Der amerikanische Generalstabschef Richard Myers sagte, es gebe eine Flut neuer Informationen, und er sei sich sicher, daß Saddam gefunden werde.
Vor dem Morgengrauen hatten Soldaten nach einem Hinweis von Anwohnern bereits drei Anwesen in Tikrit gestürmt, wie ein Militärsprecher erklärte. „Wir haben ihn um 24 Stunden verpaßt“, sagte Oberstleutnant Steve Russell. Nach der Verhaftung einer Gruppe von Männern, unter denen fünf bis zehn Leibwächter von Saddam Hussein vermutet wurden, hätten die amerikanischen Truppen zunächst in Erfahrung gebracht, daß der neue Sicherheitsberater Saddam Husseins sich in einem der Häuser aufhalte, sagte Russell. Möglicherweise sei jedoch Saddam Hussein selbst dort gewesen. Generalstabschef Myers sagte nach einem Besuch in Tikrit, Saddam Hussein sei mit dem Retten seiner eigenen Haut so beschäftigt, daß er die Angriffe auf die Besatzungstruppen unmöglich koordinieren könne.
„Wir ziehen die Schlinge immer enger zu“, hatte General Ray Odierno, der Kommandeur der in Tikrit stationierten 4. Infanteriedivision, zuvor erklärt. Saddams Söhne waren im Haus eines Cousins im nordirakischen Mossul getötet wurden. Nachbarn vermuten, der Gastgeber, ein Geschäftsmann, habe den Vereinigten Staaten den Tip gegeben, um die Belohnung zu erhalten. Die Zahlung der insgesamt 30 Millionen Dollar an denjenigen, der die Vereinigten Staaten mit den entscheidenden Hinweisen zur Ergreifung von Saddams Söhnen versorgt hatte, könnte für andere Informanten eine Ermutigung sein.
Beerdigung vermutlich an geheimem Ort
Unterdessen ist weiter unklar, was mit den Leichen der Saddam-Söhne geschehen soll. Ein Stammesführer des Bu-Nasir-Clans, dem die Familie des gestürzten Machthabers Saddam Hussein angehört, hatte erklärt, er habe die Amerikaner gebeten, ihm die Leichen von Udai und Kusai zu übergeben. Er wolle sie beerdigen. „Ich habe nichts mit Politik zu tun, sondern tue nur das, was die Stammesregeln und der Islam vorschreiben„, sagte Scheich Mahmud Nada dem Fernsehsender El Dschasira. Die Amerikaner hätten seine Anfrage zunächst abgelehnt. Die amerikanische Verwaltung in Bagdad erklärte, sie berate noch mit dem neuen irakischen Regierungsrat und verschiedenen Geistlichen darüber, was mit den Leichen geschehen solle. Auch ein Verwandter von Udai und Kusai in London habe wegen der Leichen angefragt.
Die Leichen der Brüder lagen auch am Sonntag noch auf dem amerikanischen Stützpunkt auf dem Flughafen in Bagdad. Nach islamischem Brauch hätten die Söhne Saddam Husseins am Tag ihres Todes beerdigt werden müssen. „Wenn niemand die Leichen haben will, müssen andere Maßnahmen ergriffen werden“, sagte Samir Schakir Mahmud vom irakischen Verwaltungsrat. Es gilt als wahrscheinlich, daß die Besatzer einen geheimen Ort für die Beerdigung auswählen, damit ihr Grab nicht zur Pilgerstätte wird.
Wieder amerikanische Soldaten im Irak getötet
Die Angriffe auf amerikanische Soldaten im Irak gingen am Wochenende unvermindert weiter. Binnen 24 Stunden kamen fünf Soldaten bei verschiedenen Angriffen meist um Bagdad herum ums Leben. Darunter sind auch drei Soldaten, die vor einem Kinder-Krankenhaus in Bakuba nördlich von Bagdad ihren Dienst versahen. Seit dem von den Vereinigten Staaten erklärten Ende der Hauptkampfhandlungen am 1. Mai sind damit nunmehr 49 amerikanische Soldaten getötet worden, allein zehn starben seit dem Tod der Söhne Saddams am Dienstag. Amerikanische Regierungsvertreter machen Saddam-Anhänger für die Angriffe verantwortlich, was viele Iraker aber bezweifeln.
Amerikanische Soldaten wegen Mißhandlung von Gefangenen angeklagt
Zudem kommt es wohl auch zu Übergriffen von amerikanischen Soldaten auf Iraker. So wurden vier Soldaten wegen der Mißhandlung von Gefangenen verklagt. Und in Kerbala, einer den Schiiten heiligen Stadt, in der es bisher immer ruhig gewesen war, wurde am Sonntag ein Zivilist beerdigt, der nach Angaben von Einheimischen von Soldaten am Vortag erschossen worden war. Eine aufgebrachte Menschenmenge sei von den Soldaten mit Schüssen in die Luft vertrieben worden, berichtete ein Reuters-Kameramann.
Amnesty International hat zudem die Methoden des amerikanischen Militärs bei Hausdurchsuchungen ebenso wie die Behandlung der Gefangenen angeprangert. Seit dem Einmarsch der von den Vereinigten Staaten geführten Truppen im Irak am 20. März sind vermutlich 6000 bis 7800 irakische Zivilisten ums Leben gekommen.