26.01.2004 · Viele Amerikaner würden den Bauernhof El Daur, auf dem Saddam Hussein Mitte Dezember gefangen wurde, am liebsten zerstören. Andere fordern, der Ort müsse als Mahnmal erhalten bleiben.
Zur schwierigen Vergangenheitsbewältigung im Irak gehört auch dieses Kapitel: Niemand weiß derzeit, was mit dem engen Erdloch geschehen soll, das am 13. Dezember 2003 ins Scheinwerferlicht der Weltöffentlichkeit geriet, als amerikanische Soldaten dort Saddam Hussein entdeckten und festnahmen. Schon jetzt ist das Versteck auf dem Bauernhof in El Daur, rund 180 Kilometer nördlich von Bagdad, Magnet für amerikanische Soldaten, die vor ihrer Abberufung noch einmal für ein Foto vor der Stätte des amerikanischen Triumphs posieren. Bevor dort aber am Ende Postkarten, T-Shirts und Souvenirs verkauft werden, will die amerikanische Armee dem Ganzen Einhalt gebieten und den Ort dem Erboden gleichmachen. Das aber löst bei den meisten Irakern Unmut aus.
„Es ist nicht an uns zu entscheiden, was mit dem Ort der Gefangennahme geschehen soll“, sagt die Offizierin Josslyn Aberle von der 4. Infanteriedivision. „Aber wir würden gern die Empfehlung aussprechen, diesen Ort abzureißen.“ Das Erdloch habe das Potenzial, zu einer Touristenattraktion zu werden. Dies sei aber angesichts der andauernden amerikanischen Militäreinsätze in der Region viel zu gefährlich. El Daur liegt im sunnitischen Dreieck, jenem Schwerpunkt des gewaltsamen Widerstandes gegen die Besatzungstruppen, wo fast täglich Soldaten und Zivilisten bei Anschlägen getötet werden.
Ein „Ort der Schande“
Für viele Bewohner El Daurs machte die Festnahme des einstigen Herrschers von Bagdad unmittelbar vor ihrer Haustür ihr Dorf zu einem „Ort der Schande“, der den Verrat am irakischen Volk symbolisiere; dennoch wollen nur wenige, daß das Erdloch verschwindet. „Warum wollen sie denn diesen Ort zerstören? Haben sie Angst, daß Saddam Hussein zurückkommt und sich dort noch einmal versteckt?“ fragt der pensionierte Lehrer Abdul Dschaber Omar el Duri. Der junge Saddam Hussein war 1959 schon einmal auf dem Bauernhof in El Daur untergetaucht, nachdem ein Mordanschlag auf den damaligen irakischen Staatschef Abdul Karim Kassim fehlgeschlagen war. „Ob sie nun das Loch beseitigen oder nicht - dieser Ort sollte erhalten bleiben, um zu bezeugen, was dort geschehen ist“, sagt Duri.
Seit dem 13. Dezember ist das kümmerliche Versteck, in das sich der frühere Diktator mit ein paar Habseligkeiten und einem Geldkoffer geflüchtet hatte, abgeriegelt und streng bewacht. Nur einige amerikanische Armeeangehörige, prominente Vertreter der Besatzungsmächte und Journalisten konnten den Ort bisher besichtigen.
Der wachhabende Leutnant der irakischen Zivilverteidigung, Saddam Ragher, hat keine Zweifel, daß sich Besucherstörme einstellen, sollte der Platz freigegeben werden. „Jeder will doch den Ort sehen, wo der Mann, der einst Irak beherrschte und in den schönsten Palästen lebte, geendet ist“, sagt er. Aber auch Ragher will die Stätte nicht zerstört sehen. „Dieser Ort, wie das ganze Land, gehört nicht mehr Saddam Hussein. Er gehört dem irakischen Volk und sollte erhalten werden, um uns als Zeuge daran zu erinnern, was geschehen ist.“