31.10.2003 · Amerikanische Geheimdienstkreise vermuten den gestürzten Präsidenten Saddam Hussein hinter den Anschlägen im Irak. Wegen der anhaltenden Gewalt gerät Präsident Bush zunehmend unter innenpolitischen Druck.
Der gestürzte irakische Machthaber Saddam Hussein könnte nach Meinung hochrangiger amerikanischer Regierungsmitarbeiter eine direkte und bedeutende Rolle bei der Planung und Koordinierung von Anschlägen gegen die amerikanischen Streitkräfte im Irak spielen. Es gebe Geheimdienstberichte, daß Saddam Hussein „den Widerstand irgendwie anstachelt oder fördert“, zitierte die „New York Times“ am Freitag aus Regierungskreisen.
In den vergangenen zwei Monaten habe es zunehmend Hinweise darauf gegeben, daß Saddam bemüht gewesen sei, verschiedene Gruppen seiner an den Anschlägen beteiligten Anhänger zusammenzubringen, hieß es weiter. Der frühere Machthaber habe sich mit solchen Gruppen möglicherweise in fahrenden Autos getroffen, um von den amerikanischen Truppen nicht entdeckt zu werden.
Hussein koordiniere die Angriffe wahrscheinlich von einem Ort in der Nähe seiner Heimatstadt Takrit im Norden des Iraks aus. Es werde vermutet, daß sich Saddam mit seinem Vertrauten, dem früheren Vizepräsident General Isset Ibrahim el Duri, getroffen habe. Die amerikanische Regierung hält el Duri für einen der Hauptdrahtzieher der Anschläge im Irak.
Takrit abgeriegelt
Amerikanische Truppen riegelten am Freitag das Geburtsdorf von Saddam, Udscha nahe Takrit, ab. Sie errichteten Kontrollposten, an denen sich alle erwachsenen Einwohner beim Verlassen und Betreten des Ortes ausweisen müssen. Kommandeur Steve Russell erklärte, es gebe Hinweise, die Anschläge auf amerikanische Soldaten mit dem Ort in Verbindung brächten.
Die neuen Einschätzungen aus Washington weichen von bisherigen offiziellen Erklärungen ab, Saddam Hussein habe seit seinem Sturz an Bedeutung verloren. Vor wenigen Tagen hatten Sicherheitsexperten noch erklärt, die jüngsten Anschläge im Irak trügen nicht die Handschrift von Anhängern Saddams und ließen sich eher ausländischen Extremisten zuordnen. Die amerikanische Armee hatte zudem mehrfach erklärt, die Schlinge um Saddam ziehe sich immer enger, er sei ständig auf der Flucht und daher kaum noch in der Lage, Einfluß auf die Ereignisse nehmen.
Kritik an Geheimdiensten
Wegen der täglichen Angriffe und Anschläge gerät die Regierung Bush innenpolitisch inzwischen unter erheblichem Druck. Seit dem Ende der Hauptkampfhandlungen im Mai wurden mehr amerikanische Soldaten durch feindliche Angriffe getötet als während der Offensive.
Auch die amerikanischen Geheimdienste stehen wegen ihrer Informationen über angebliche Massenvernichtungswaffen im Irak in der Kritik. Bis Freitag mußten das Präsidialamt sowie das Verteidigungs- und das Außenministerium im Senat Dokumente für eine Untersuchung des Geheimdienstausschusses vorlegen, der der Frage nachgeht, auf Grund welcher Informationen die Entscheidung zum Krieg getroffen wurden. Kritiker werfen der Regierung vor, sie habe die Bedrohung durch den Irak übertrieben, da in dem Golfstaat bislang keine Massenvernichtungswaffen gefunden wurden.
Kämpfe und Anschläge
Bei schweren Auseinandersetzungen zwischen der irakischen Bevölkerung und amerikanischen Soldaten sind am Freitag im Bagdader Vorort Abu Ghraib zwei Iraker getötet und 17 verletzt worden. Nach Militärangaben wurden auch zwei amerikanische Soldaten verletzt.
Eine starke Explosion erschütterte am Freitagmittag die Stadt Falludscha. Über dem Bürgermeisteramt stieg schwarzer Rauch auf. Im Verlauf des lautstarken Protests erschossen Polizisten einen Bewohner, wie ein Beamter der Zivilverteidigung sagte. Danach drangen aufgebrachte Einwohner in das zum Teil abgebrannte Bürgermeisteramt ein und plünderten die Büroräume.
Bei einem Sprengstoffanschlag westlich von Bagdad wurde am Freitag ein amerikanischer Soldat getötet. Wie ein Sprecher der Streitkräfte mitteilte, wurden vier weitere bei dem Angriff in Chaldija 80 Kilometer westlich der irakischen Hauptstadt verletzt.