24.02.2006 · Alles lief so, als wären die Attentäter, die den Anschlag auf die Goldene Moschee verübten, einer Anleitung des Terroristen Zarqawi gefolgt. Niemand hat sich bisher zur Tat bekannt, doch die Spannungen zwischen den irakischen Schiiten, Sunniten und Amerika sind gewachsen.
Von Rainer Hermann, IstanbulDas Drehbuch hatte der Terrorist Zarqawi geschrieben. Doch noch immer hat sich des Anschlags auf die Moschee von Samarra niemand bezichtigt - auch der „Rat der Mudschahedin“, ein Dachverband extremistischer Sunniten unter Einschluß von Al Qaida, nicht: Die „Apostatenregierung“ des schiitischen Ministerpräsidenten Dschaafari habe den Anschlag selbst angeordnet, um danach gegen die Sunniten vorzugehen, verkündete das Sprachrohr von Zarqawi im Internet.
Dennoch läuft alles so ab, wie es Zarqawi einst in seiner Anleitung für einen Bürgerkrieg geschrieben hatte. Seit dem Sommer 2003 hatten die Terroristen um Zarqawi versucht, die Schiiten mit Attentaten auf deren Geistliche und deren Heiligtümer zu Racheakten gegen die Sunniten zu provozieren, um eine Spirale der Gewalt in Gang zu setzen. Die Ermordung von Großajatollah Muhammad Baqir al Hakim im August 2003 reichte als Funke nicht, auch nicht die Anschläge während des Aschurafests mit mehr 200 Toten im März 2004. Entgegen der ausdrücklichen Mahnung von Bin Ladins Stellvertreter Zawahiri, nicht gegen Muslime - und auch nicht gegen schiitische Muslime - vorzugehen, führte Zarqawi seinen Dschihad auch gegen die Schiiten weiter.
Bislang hielten sich die Schiiten zurück. Diesmal aber lassen sie ihrer Wut freien Lauf. Dabei sind noch viele Fragen offen. Für Zarqawi spricht der Ablauf des Anschlags und daß unter den zehn in Samarra Verhafteten nichtirakische Araber sind. Untypisch für Zarqawi ist, daß die Detonation nicht darauf abzielte, möglichst viele Menschen zu töten. Denn die Angreifer, die in Polizeiuniformen gekleidet waren, kamen eine Viertelstunde nach dem Ende des Morgengebets. Die Moschee war fast leer. Zudem töteten sie die Wachen der Moschee nicht, sondern fesselten sie nur.
Todesschwadronen
Die Bomben in Samarra explodierten zu einer Zeit, als die Spannungen zwischen der schiitischen Führung des Iraks und den amerikanischen Besatzern zunahmen. Berichte über Folterungen von überwiegend arabisch-sunnitischen Oppositionellen, von denen einige auch getötet wurden, im irakischen Innenministerium hatten dazu beigetragen. Ein großer Teil des Sicherheitsapparats des Innenministeriums wird von Angehörigen der Badr-Miliz kontrolliert. Das ist die Miliz der größten schiitischen Partei, des „Obersten Rats für die Islamische Revolution im Irak“ (Sciri) unter der Führung von Abdalaziz al Hakim.
Die Sunniten sprechen sogar von schiitischen Todesschwadronen. Zudem irritierte die Schiiten, daß der amerikanische Botschafter in Bagdad, Zalmay Khalilzad, sich beharrlich darum bemüht, den arabischen Sunniten einen Platz in der neuen Regierung zu verschaffen, die dem letzten Kabinett nicht angehörten. Khalilzad will auch verhindern, daß Politiker mit engen Beziehungen zu Milizen führende Positionen in den Ministerien übernehmen, die für die Sicherheit relevant sind. Die Ministerien für Inneres und Verteidigung sollten ebenso wie die Führung des Geheimdiensts und das Amt des Nationalen Sicherheitsberaters Politiker übernehmen, die breite Akzeptanz finden und nicht konfessionell gebunden sind, forderte Khalilzad.
Die Schiiten interpretieren die Initiative Khalilzads als einen Versuch, ihren Zugriff auf die neue Regierung zu schwächen. Die islamistischen Schiiten um Hakim und den designierten Ministerpräsidenten Dschaafari von der Daawa-Partei sind bisher aber weder bereit, den säkularen Schiiten Allawi als Partner in der Regierung zu akzeptieren noch gemäßigte arabische Sunniten. Sie wollen ihre Macht konsolidieren und nur mit den Kurden zusammenarbeiten. Aber selbst Forderungen der Kurden, Kirkuk in die föderale Region Irakisch-Kurdistan zu integrieren, stehen die Schiiten ablehnend gegenüber.
„Grünes Licht“ für den Angriff
Dschaafari belehrte Khalilzad, die Iraker kennten ihre Interessen, und Hakim unterstellte dem amerikanischen Botschafter, er selbst habe den Terrorgruppen „grünes Licht“ für den Angriff in Samarra gegeben. Mit seiner Politik trage Khalilzad daher einen Teil der Verantwortung für den Anschlag auf die Moschee von Samarra, wetterte Hakim.
Dieser Anschlag verbessert nun aber Hakims Position. Denn die irakischen Sicherheitskräfte und auch die amerikanische Armee waren weder in der Lage, die Moschee von Samarra zu schützen, noch die anschließende Welle der Gewalt zu verhindern. Das ist Wasser auf die Mühlen Hakims, des starken Mannes von Sciri. Er fordert jetzt, daß die Schiiten die Kontrolle über die sicherheitsrelevanten Ministerien haben sollten und daß weiter Einheiten wie die Badr-Miliz eingesetzt werden müßten.
Der Anschlag von Samarra und der folgende Ausbruch der Gewalt haben das Mißtrauen zwischen allen Gruppen so groß werden lassen wie noch nie. Von Khalilzads Versuchen, die Sunniten in eine Regierung einzubinden, ist nichts übriggeblieben. Man spreche nicht mit Mördern, sagte Mahmud Maschhadani, Sprecher der größten sunnitischen Partei, der „Irakischen Eintrachtsfront“. Er und Abdasslam al Kubaisi, Sprecher der einflußreichen „Vereinigung der islamischen Rechtsgelehrten“, werfen der amtierenden, von Schiiten dominierten Regierung vor, die Übergriffe auf die Sunniten angezettelt zu haben. Kubaisi gibt die Zahl der sunnitischen Moscheen, die seit Mittwoch angegriffen worden sind, mit 168 an.
Spaltung des Iraks
Nur der radikale Schiitenprediger Moqtada Sadr streckt unerwartet den Sunniten eine Hand entgegen. Sadr habe sich in Damaskus mit irakischen Sunniten getroffen, sagte sein Sprecher dem Sender Al Arabija. Zudem habe Sadr Syrien aufgefordert, im Irak zwischen Sunniten und Schiiten zu vermitteln. Beunruhigt sei Sadr über den wachsenden Einfluß „nichtarabischer Schiiten“, womit er Iran meinte.
Um eine Spaltung des Iraks entlang konfessioneller Linien zu verhindern, suche Sadr den Dialog mit den Sunniten, sagte sein Sprecher. Im Sender Al Dschazira rief Sadr die Sunniten zudem auf, sich von den „Takfiris“ zu distanzieren, den Sunniten also, die - wie Zarqawi - die Schiiten als Ungläubige betrachten.
Unklar bleibt unterdessen die Rolle Irans. Am liebsten sähe Teheran in Bagdad eine von seinen schiitischen Verbündeten geführte Satellitenregierung. Genau das wollte Khalilzad mit seinen Initiativen aber verhindern. Mit der Entwicklung seit Mittwoch festigt sich nun wieder die schiitische Vorherrschaft über den Irak. Teheran hält damit weiterhin einen wichtigen Hebel in der internationalen Auseinandersetzung über sein Atomprogramm in der Hand.
Rainer Hermann Jahrgang 1956, Korrespondent für Wirtschaft und Politik in der arabischen Welt mit Sitz in Abu Dhabi.
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