14.04.2003 · Mit der etwa 180 Kilometer nördlich von Bagdad gelegenen Stadt Takrit ist am Montag auch das letzte größere Siedlungsgebiet im Irak von den alliierten Truppen eingenommen worden.
14. April. Mit der etwa 180 Kilometer nördlich von Bagdad gelegenen Stadt Takrit ist am Montag auch das letzte größere Siedlungsgebiet im Irak von den alliierten Truppen eingenommen worden. Die Geburtsstadt des gestürzten Diktators Saddam Hussein, in der etwa 100 000 Menschen leben, konnte von einem aus etwa 3000 amerikanischen Marineinfanteristen mit 250 Panzern und Panzerfahrzeugen bestehenden Verband eingenommen werden.
Journalisten des britischen Senders BBC und des amerikanischen Nachrichtenkanals CNN berichteten, es habe nur einzelne Scharmützel gegeben. Die amerikanischen Soldaten hätten unmittelbar nach ihrem Einmarsch damit begonnen, Häuser nach Heckenschützen zu durchsuchen und die Stadt am Oberlauf des Tigris zu sichern. Auch beim alliierten Hauptquartier in Doha in Qatar sagte der Sprecher des für die Region zuständigen amerikanischen Zentralkommandos, Brigadegeneral Vincent Brooks, man sei auf weniger Widerstand gestoßen als erwartet.
Einwohner der Stadt sagten Reportern des arabischsprachigen Nachrichtensenders Al Dschazira, die in Takrit stationierten Einheiten der Republikanischen Garde hätten die Stadt schon fünf Tage vor dem Einmarsch der Amerikaner verlassen. Wohin die Kämpfer und die in Takrit vermuteten Angehörigen des gestürzten Regimes verschwunden sind, konnte oder wollte niemand sagen. Ein Journalist der BBC berichtete, in Takrit hätten nur noch irreguläre irakische Einheiten und arabische Freiwillige (Mudschahedin) aus dem Ausland Widerstand geleistet. Mitarbeiter von CNN hatten schon am Sonntag berichtet, daß Stellungen und Kasernen der regulären irakischen Streitkräfte in und um Takrit durch die wochenlangen Bombenangriffen alliierter Flugzeug zerstört worden seien. Beim Zentralkommando rechnet man nach dem Fall Takrits damit, daß es im Irak nun "keine ernsthaften Widerstandsnester mehr" gebe. Feuerüberfälle von Heckenschützen sowie Selbstmordattentate könnten aber noch Wochen oder Monate fortdauern.
Flucht nach Syrien?
Das Schicksal Saddam Husseins, seiner beiden Söhne und weiterer Mitglieder des ehemaligen Führungszirkels war am Montag weiter unklar. Die amerikanischen Streitkräfte verfügen nach eigenen Angaben über die DNS des gestürzten Diktators und könnten dessen sterbliche Überreste, sollten sie etwa unter den Trümmern eines von amerikanischen Bomben getroffenen Hauses in Bagdad gefunden werden, zweifelsfrei identifizieren. In Washington glaubt man, daß sich zahlreiche Mitglieder des gestürzten Regimes in das Nachbarland Syrien abgesetzt haben. Präsident George W. Bush hatte am Sonntag Damaskus eindringlich aufgefordert, Mitgliedern des entmachteten Regimes keine Zuflucht zu gewähren. Der syrische Außenminister Faruq al Schara wies die Behauptung Washingtons zurück, Damaskus habe führenden Irakern Unterschlupf gewährt.
Die iranische Regierung versicherte, Teheran werde Mitgliedern des entmachteten irakischen Regimes keinen Schutz gewähren, sondern sie wegen der während des Krieges zwischen 1980 bis 1988 begangenen Kriegsverbrechen vor Gericht stellen, sagte ein Sprecher des Teheraner Außenministeriums dem iranischen Nachrichtensender Chabar.
Liste der 55 Meistgesuchten
Unterdessen beruhigte sich die Lage in Bagdad und anderen Städten am Montag weiter. In Basra am Schatt al Arab, der zweitgrößten Stadt des Landes, gingen britische Soldaten am Montag erstmals zusammen mit irakischen Polizisten Streife, um die öffentliche Ordnung wiederherzustellen. Auch in Kirkuk im kurdisch geprägten Nordirak, gab es gemeinsame Patrouillen von amerikanischen Soldaten und örtlichen Polizisten. Im Laufe des Tages sollten amerikanische Marineinfanteristen in Bagdad gemeinsam mit irakischen Polizisten durch die Straßen der Hauptstadt patrouillieren, um Plünderern Einhalt zu gebieten. Der Straßenverkehr nahm deutlich zu, auch Busse verkehrten wieder. Die Islamische Bücherei ging in der Nacht zum Montag jedoch in Flammen auf. Auch in der Nähe des Hotels Palestine lieferten sich amerikanische Soldaten in der Nacht zum Montag ein Gefecht mit Heckenschützen. Verletzt wurde bei dem Feuergefecht niemand, mindestens ein Mann wurde festgenommen. Am Morgen demonstrierten einige Dutzend Iraker vor dem Hotel gegen die amerikanischen Truppen.
Nach Informationen des Nachrichtensenders Al Arabija aus dem Emirat Abu Dhabi soll sich der irakische Atomexperte Dschafer el Dschafer den amerikanischen Truppen gestellt haben. Am Samstag hatte sich der frühere Präsidentenberater und Waffenexperte Amir el Saadi als erster der 55 von den alliierten Truppen gesuchten Mitglieder des ehemaligen Regimes gestellt. Nach eigenen Angaben halten die amerikanischen Truppen weitere Personen fest, die über mögliche Waffenprogramme sowie über den Aufenthaltsort von Regimeangehörigen befragt würden, hieß es in Washington. Nach amerikanischen Angaben wurde der frühere irakische Innenminister und Halbbruder Saddam Husseins, Watban Ibrahim Hasan al Tikriti, schon vor Tagen nahe der Grenze zu Syrien gefaßt. Auch er steht auf der Liste der 55 meistgesuchten Mitglieder des früheren Führungszirkels und kann nach Hoffnungen der alliierten Truppen Auskunft über den Verbleib Saddam Husseins und seiner Familie geben.