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Irak-Krieg 23. Tag: Irakische Streitkräfte in Mossul kapitulieren

11.04.2003 ·  Kampflos übergab der Kommandeur des 5. Korps des irakischen Heeres in der drittgrößten Stadt des Landes eine schriftliche Kapitulationserklärung an kurdische Peschmerga-Kämpfer und Einheiten amerikanischer Spezialtruppen.

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11. April. Mit dem Fall der Stadt Mossul im Norden des Iraks hat der Zusammenbruch des Regimes unter dem Diktator Saddam Hussein am Freitag seine Fortsetzung gefunden. Das gesamte 5. Korps des irakischen Heeres ergab sich am Morgen den anrückenden kurdischen Peschmerga-Kämpfern sowie Einheiten amerikanischer Spezialtruppen. Aus der drittgrößten Stadt des Landes wurde berichtet, der Kommandeur der irakischen Streitkräfte habe eine schriftliche Kapitulationserklärung übergeben. Beim Einrücken der kurdischen und amerikanischen Einheiten am frühen Morgen kam es zu keinen Kämpfen.

Wie zuvor in Bagdad, Kirkuk, Basra und anderen Städten des Landes wurden Statuen des Diktators Saddam Hussein umgestürzt und Symbole der Herrschaft von dessen Baath-Partei zerstört. Es kam zu Plünderungen. Die Filiale der irakischen Zentralbank wurde gestürmt, die Kassenräume geplündert. Über die Lautsprecher der Minarette wurden die Einwohner aufgefordert, ihre Stadt nicht zu zerstören. Das Regierungsgebäude im Zentrum der Stadt war verlassen.

Kurdische Kämpfer kündigten ihren Abzug aus Kirkuk an

Amerikanische Soldaten begannen mit der Sicherung des größten Ölfeldes im Norden des Iraks bei Kirkuk. Mit der Sicherung des Ölfeldes Kirkuk, aus dem vor dem Krieg rund 40 Prozent der irakischen Öleinnahmen erzielt wurden, haben die alliierten Truppen die Kontrolle über alle Ölvorkommen des Landes übernommen, nachdem unmittelbar nach Kriegsbeginn die Ölfelder im Südirak gesichert worden waren. Reporter aus Kirkuk berichten, es brenne offenbar nur eine der mehr als 400 Ölquellen in der Region. Kurdische Kämpfer kündigten ihren baldigen Abzug aus Kirkuk an. Auch im Norden des Landes sollen alliierte Truppen die Kontrolle übernehmen und möglichst rasch das Machtvakuum füllen.

Tausende irakische Soldaten, meist Angehörige der schiitischen Bevölkerungsmehrheit, machten sich von Mossul aus zu Fuß auf den Weg in ihre Heimatstädte und -dörfer im Süden des Landes. Beim alliierten Hauptquartier in Doha in Qatar war man sich bis Freitag nachmittag noch nicht darüber im klaren, ob man die Soldaten als Kriegsgefangene in Obhut nehmen oder auf freiem Fuß belassen werde. Der Sprecher der amerikanischen Streitkräfte Frank Thorp sagte, die Soldaten in Mossul hätten die "sehr kluge Entscheidung getroffen, für die Zukunft Iraks zu leben anstatt für dieses irakische Regime zu sterben".

Aufenthaltsort Husseins weiterhin unbekannt

Nach dem Fall Mossuls halten Einheiten, die dem gestürzten Diktator gegenüber loyal sind, mit dessen Geburtsstadt Takrit nur noch ein nennenswertes Siedlungszentrum und zusammenhängendes Gebiet unter ihrer Kontrolle. Im ganzen Land gebe es aber weiter Widerstandsnester, die es auszuschalten gelte, hieß es beim amerikanischen Zentralkommando in Qatar. Die Zufahrtsstraßen von Süden und von Norden nach Takrit werden von Einheiten der alliierten Truppen sowie von kurdischen Kämpfern kontrolliert.

Die amerikanischen und kurdischen Truppen stehen im Norden etwa 100 Kilometer vor Takrit, auch von Süden steht dem Vormarsch amerikanischer Truppen nach Takrit nichts im Weg.

Es gibt Vermutungen, wonach sich Mitglieder der irakischen Führung um Saddam Hussein vor dem Fall Bagdads in die Heimatstadt des gestürzten Diktators geflüchtet haben. Über das Schicksal und den möglichen Aufenthaltsort von Saddam Hussein, von dessen Söhnen und weiteren Mitgliedern des engsten Führungszirkels ist weiterhin nichts bekannt. Alliierte Kampfflugzeuge bombardieren seit Tagen Stellungen der Republikanischen Garde in und um Takrit. Der Kommandeur der alliierten Truppen im Irak, amerikanische Heeresgeneral Tommy Franks, sagte in Qatar, Saddam Hussein sei entweder tot oder auf der Flucht. Dies gelte auch für den Rest der irakischen Führung. Der Halbbruder Saddam Husseins, Barsan Ibrahim al Takriti, war Ziel eines Luftangriffs alliierter Kampfflugzeuge.

Chaotische Zustände

Nach Angaben des Zentralkommandos in Qatar wurden in der Nacht zum Freitag sechs satellitengesteuerte Bomben auf ein Gebäude des irakischen Geheimdienstes bei Ramadi, etwa 90 Kilometer westlich von Bagdad, abgefeuert. Al Takriti soll sich nach Geheimdiensterkenntnissen dort aufgehalten haben. In der Hauptstadt Bagdad herrschten am Freitag den dritten Tag in Folge chaotische Zustände. Journalisten berichteten aus der Stadt von fortgesetzten Plünderungen und von Feuergefechten zwischen Inhabern von Geschäften, die ihr Hab und Gut zu verteidigen suchten, und bewaffneten Plündererbanden. Im Stadtteil Mansur stürmten bewaffnete Männer ein Kinderkrankenhaus und nahmen Einrichtungsgegenstände mit. Im Pentagon heißt es, für die amerikanischen Streitkräfte sei die Ausschaltung letzter Widerstandsnester in der Hauptstadt und anderswo oberste Priorität, nicht die Bekämpfung von Plünderern.

In Bagdad erschossen amerikanische Soldaten einen Mann, der auch nach vier Warnschüssen nicht Halt gemacht hatte. Bei einem ähnlichen Zwischenfalls wurden in Nadschaf im Mittelirak zwei Mädchen getötet, weil der Fahrer des Wagens trotz Warnschüssen seine Fahrt in Richtung des Kontrollpunktes fortgesetzt hatte. Bei einem Selbstmordanschlag waren in der Nacht zum Freitag in Bagdad vier amerikanische Soldaten schwer verletzt worden.

Der stellvertretende amerikanische Verteidigungsminister Paul Wolfowitz stellte im Senat die Pläne des Pentagon für eine Nachkriegsordnung im vor. Danach soll es bis zur Wahl einer neuen demokratischen Regierung eine amerikanische und später eine gemeinsame amerikanisch-irakische Übergangsverwaltung geben. Die UN könnten dabei unterstützend tätig sein - etwa bei der Verteilung von Hilfsgüter -, aber keine maßgebliche Verantwortung übernehmen, sagte Wolfowitz.

Quelle: rüb / Frankfurter Allgemeine Zeitung, 12.04.2003, Nr. 87 / Seite 1
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