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Irak-Krieg 16. Tag: Die Alliierten wollen Saddams Hauptstadt isolieren

04.04.2003 ·  Truppen der 3. Infanteriedivision haben den nach Saddam Hussein benannten Flughafen der irakischen Hauptstadt eingenommen. Unterdessen droht der irakische Informationsminister al Sahhaf mit "unkonventionellen Handlungen".

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4. April. Truppen der 3. Infanteriedivision des amerikanischen Heeres haben am Freitag den wie alle wesentlichen öffentlichen Einrichtungen des Landes nach Saddam Hussein benannten Flughafen der irakischen Hauptstadt eingenommen und in "Internationalen Flughafen Bagdad" umbenannt.

Unterdessen teilte der irakische Informationsminister nach Angaben der Nachrichtenagentur Reuters mit, der Irak könne nunmehr "unkonventionelle Handlungen" ergreifen. Nach Angaben des alliierten Hauptquartiers in Doha in Qatar soll der Flughafen noch an diesem Samstag von Flugzeugen der westlichen Kriegskoalition genutzt werden - zunächst von Hubschraubern der 101. Luftlandedivision des amerikanischen Heeres.

„Tor zur Zukunft des Iraks“

Der amerikanische Brigadegeneral Vincent Brooks sagte beim Sitz des amerikanischen Zentralkommandos in Qatar: "Der Flughafen hat jetzt einen neuen Namen, und er wird ein Tor zur Zukunft des Iraks sein." Der Einnahme des Flughafens, der etwa 20 Kilometer westlich vom Bagdader Stadtzentrum entfernt liegt, waren nach Berichten von Nachrichtenagenturen und internationalen Fernsehsendern heftige Kämpfe vorausgegangen. Ein mit den amerikanischen Truppen reisender Berichterstatter des amerikanischen Nachrichtenkanals CNN berichtete von mehreren zerstörten irakischen Panzern des sowjetischen Typs T-72 sowie zahlreichen nach amerikanischem Beschuß ausgebrannten Panzerfahrzeugen. Bei den Kämpfen wurden nach Schätzungen amerikanischer Militärs etwa 400 irakische Soldaten getötet.

Von Verlusten bei den Gefechten wurde auf amerikanischer Seite vorerst nichts berichtet. Der Berichterstatter von CNN, der mit der "Speerspitze" der 3. Division reist, sprach von "kamikazeähnlichen Angriffen" der irakischen Streitkräfte, die in dem ungleichen Kampf mit den weit überlegenen amerikanischen "Abrams"-Panzern und "Bradley"-Panzerfahrzeugen keine Chance gehabt hätten. Bei den Panzergefechten setzten die amerikanischen Truppen nach den Angaben von Rodgers auch panzerbrechende Munition mit abgereichertem Uran ein. Die Bodentruppen wurden bei ihrem Vormarsch massiv aus der Luft unterstützt.

Tunnelsystem unter dem Flughafen gefunden

So griffen Jagdbomber Hangare, Treibstoffdepots und Stellungen der Republikanischen Garde auf dem Flughafengelände an. Nach Angaben der Dependance des für die Region zuständigen Zentralkommandos der amerikanischen Streitkräfte in Doha wurde unter dem Flughafen ein ausgedehntes Tunnelsystem entdeckt, das gegenwärtig untersucht werde. Im Südosten der Hauptstadt rückten unterdessen im Tal des Tigris Einheiten der amerikanischen Marineinfanterie bis in Außenbezirke Bagdads vor. Der Süden der Hauptstadt war in der Nacht zum Freitag wieder von Detonationen erschüttert worden, Gebäude standen in Flammen. Bei Kämpfen nahe der Stadt Al Kut wurden zwei amerikanische Marineinfanteristen getötet. Ein weiterer Soldat wurde versehentlich von den eigenen Truppen erschossen.

Nach Berichten von Journalisten stießen die vorrückenden amerikanischen Truppen nördlich von Al Kut kaum mehr auf nennenswerten Widerstand. Nach Angaben des amerikanischen Militärs ergaben sich auf der Straße von Al Kut nach Bagdad 2500 Soldaten der Republikanischen Garde den anrückenden Truppen. Obwohl amerikanische Einheiten jetzt die Zugänge zur Hauptadt von Westen, Süden und Südosten kontrollieren, wird in Washington nicht mit einem Sturmangriffe auf Bagdad gerechnet. Der Vorsitzende der Vereinigten Stabschefs, Luftwaffengeneral Richard Myers, warnte in Washington vor Euphorie und sagte, weitere schwere Kämpfe stünden noch bevor. Bagdad solle möglicherweise zunächst nur isoliert und nicht in einem verlustreichen und für die Zivilbevölkerung verheerenden Kampf eingenommen werden.

Ohne Strom- und Wasserversorgung

Offenbar beabsichtigt man in Washington, rasch eine Übergangsverwaltung einzusetzen und den irakischen Diktator Saddam Hussein damit für abgesetzt zu erklären. Nach Myers' Einschätzung kontrollieren die Truppen der Alliierten bislang 45 Prozent des irakischen Territoriums. Der Luftraum über dem Irak sei faktisch unter vollständiger Kontrolle der alliierten Luftwaffe. Die mehr als fünf Millionen Einwohner Bagdads waren am Freitag wie schon in der Nacht zuvor ohne Strom- und Wasserversorgung. Beim Zentralkommando hieß es, amerikanische Flugzeuge hätten keine Einrichtungen der Stromversorgung angegriffen. Journalisten aus Bagdad berichteten, die Elektrizitätsversorgung sei Stadtteil umd Stadtteil offenbar abgeschaltet worden.

Eine weitere von Informationsminister Muhammad Sajid al Sahaf im Fernsehen verlesene Botschaft, die angeblich von Saddam Hussein stammen soll und in welcher er die Bevölkerung abermals zum Kampf gegen die Angreifer aufrief, konnten die meisten Bewohner Bagdads nur in batteriebetrieben Radios verfolgen. In der Botschaft zeigte sich Saddam Hussein trotz der kritischen militärischen Lage siegesgewiß. Die irakischen Streitkräfte würden den Amerikanern vor den Toren Bagdads eine Niederlage bereiten, lies der irakische Diktator verbreiten.

"Wenn die Hauptstadt standhaft bleibt“

"Wenn die Hauptstadt standhaft bleibt, werden die Aggressoren geschlagen", hieß es in der Erklärung. Nach Einschätzung von Journalisten aus Bagdad war nach den auch in die Hauptstadt durchgedrungenen Berichten vom Fall des Flughafens eine deutliche Veränderung der Stimmung festzustellen. Offenbar schenkten immer weniger Menschen den siegesgewissen Aufrufen der Regierung Glauben. Bei einem Selbstmordanschlag - dem zweiten dieser Art - auf einen amerikanischen Kontrollposten wurden am Donnerstag abend nahe des Haditha-Staudammes nordwestlich von Bagdad drei Soldaten getötet.

Nach Darstellung des Zentralkommandos hielt ein Wagen unweit des Postens an, worauf eine schwangere Frau schreiend ausgestiegen sei. Nachdem sich die drei Soldaten der Frau genähert hatten, detonierte in dem Wagen eine Bombe, die auch den Fahrer und die Frau getötet hätten. Am vergangenen Samstag waren beim Selbstmordanschlag eines irakischen Soldaten in Zivil in der Nähe der mittelirakischen Stadt Nadschaf vier amerikanische Soldaten getötet worden. Auch in diesem Fall hatte der Fahrer um Hilfe gerufen und dann eine Bombe gezündet.

Im Norden wehrten kurdische Kämpfer irakischen Angriff ab

In einem Industriebetrieb in der Stadt südlich von Bagdad entdeckten amerikanische Truppen nach Angaben des Zentralkommandos tausende Kisten mit einem unbekannten weißen Pulver und Dokumente über die Herstellung chemischer Waffen. Auch das Mittel Atropin, das als Gegenmittel zu Nervengas eingesetzt wird, sei in großen Menschen sichergestellt worden. Die Funde in dem Betrieb, der von den UN-Waffeninspekteuren bis zu deren Abzug Mitte März mindestens neun Mal besucht worden war, verstärke den Verdacht, das irakische Regime habe den Einsatz von chemischen Waffen geplant, sagte ein Armeesprecher in Qatar.

Im Nordirak wehrten kurdische Kämpfern mit Unterstützung amerikanischer Kampfflugzeuge einen irakischen Angriff auf eine Brücke an der Zufahrtsstraße nach Mossul ab. Das berichteten Journalisten, die die Kämpfe im kurdisch beherrschten Nordirak verfolgten. Nach Angaben der amerikanischen Streitkräfte wurden bei den Gefechten etwa 50 Iraker getötet. Die Kurden hatten die Brücke mit amerikanischere Unterstützung am späten Dienstagabend erobert.

Nach dem Krieg spielen „die Vereinten Nationen eine sichere Rolle"

Nach dem Vorbild Afghanistans wollen die USA nach dem Ende des Irak-Krieges auch einen Runden Tisch zur Einsetzung einer neuen Regierung in Bagdad einrichten. Eine solche Konferenz sei "eine sehr gute Idee", sagte Außenminister Powell in einem am Freitag veröffentlichten Interview mit der polnischen Tageszeitung "Rzeczpospolita". Exil-Iraker und Oppositionelle müßten in eine neue Regierung eingebunden werden, die "die ganze Nation" repräsentieren solle.

Die USA würden versuchen, "so schnell wie möglich die Verantwortung an die zivilen Ministerien zu übergeben, die mit unserer Hilfe reformiert werden", fügte Powell hinzu. Bei der Nachkriegsverwaltung in Irak würden die Vereinten Nationen "sicher eine Rolle zu spielen haben", sagte Powell der Pariser Tageszeitung "Figaro".

Quelle: rüb. / Frankfurter Allgemeine Zeitung, 05.04.2003, Nr. 81 / Seite 1
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