14.12.2003 · Die Mission „Rote Morgendämmerung“ war ein voller Erfolg - Ex-Diktator Saddam Hussein ist gefaßt. Vorallem in Amerika gibt diese Nachricht Anlaß zur Freude und weckt neue Hoffnungen.
Von Matthias RübDas Leichenzählen im Irak ist auch nach der Festnahme Saddam Husseins noch nicht zu Ende. Und damit sind nicht nur die Leichen der amerikanischen Soldaten oder der Iraker gemeint, die mit der Besatzungsmacht zusammenarbeiten. Es geht vor allem um die Toten während der Diktatur Saddam Husseins seit dessen endgültiger Machtübernahme 1979.
Eine Befragung des Meinungsforschungsinstituts Gallup unter der Bevölkerung in allen Stadtteilen Bagdads im Sommer kam zu dem Ergebnis, daß in der Hauptstadt in 6,6 Prozent aller Haushalte ein Familienmitglied hingerichtet wurde. Hochgerechnet auf die Einwohnerzahl Bagdads, ergibt das nach Gallup-Erhebungen allein in Bagdad etwa 61.000 Exekutionen - knapp ein Prozent der geschätzten gegenwärtigen Einwohnerzahl. Damit dürfte Bagdad sogar leicht unter dem Landesdurchschnitt liegen. Denn zumal im schiitisch geprägten Süden und im kurdischen Norden des Landes wurden noch mehr Menschen umgebracht.
Grausige Schätzungen
Internationale Menschenrechtsorganisationen schätzen die Zahl der Toten auf 300.000; aus dem Irak selbst gibt es Schätzungen, wonach bis zu einer halben Million Menschen verschwanden und exekutiert wurden. Dazu kommen die Opfer des von Saddam Hussein begonnenen Kriegs gegen Iran von 1980 bis 1988 - geschätzte 200.000 Tote auf irakischer und bis zu einer Million Gefallener auf iranischer Seite - sowie beim Überfall auf Kuweit und bei der Vertreibung der irakischen Streitkräfte durch die amerikanisch geführte Militärkoalition 1990/1991 mit bis zu 250.000 Toten.
In Amerika spielen diese Zahlen eine viel größere Rolle in der öffentlichen Debatte über den Krieg im Irak als etwa in Deutschland oder in anderen europäischen Staaten, wo nach wie vor die Frage der angeblichen irakischen Massenvernichtungswaffen im Vordergrund steht. Ein angenommener Anteil von Verschwundenen und Ermordeten von ein bis zwei Prozent an der Gesamtbevölkerung würde - auf die heutige Bundesrepublik umgerechnet - 800.000 bis 1,6 Millionen Tote bedeuten. Über die Entdeckung der vielen Massengräber im Irak - nach Schätzungen soll es im ganzen Land 260 Massengräber geben - wurde in den amerikanischen Medien ausführlich berichtet.
Zeichen der Verlegenheit
Zwar spielt auch in Washington die Frage der irakischen Massenvernichtungswaffen weiterhin eine Rolle. Doch die Regierung scheint mit ihrer Darstellung, wonach es für den Einmarsch im Irak von Beginn an drei wesentliche Gründe gab, immer stärker durchzudringen: Neben den vermuteten Massenvernichtungswaffen waren es die angenommene Verbindung Saddam Husseins zum internationalen Terrorismus sowie schließlich die Menschenrechtsverletzungen und die Genozid-Politik gegenüber der eigenen Bevölkerung. Seit Sommer ist eine deutliche Akzentverschiebung zur Frage der Menschenrechte zu erkennen.
Dieser neue Schwerpunkt in der Argumentation wird von der Opposition und in regierungskritischen Medien als Zeichen der Verlegenheit dargestellt. Nach jüngsten Umfragen verschiedener Meinungsforschungsinstitute nimmt die Zustimmung der Bevölkerung zur Irak-Politik der Regierung und des Präsidenten jedoch nach einer "Talsohle" im Oktober und November wieder zu. Dazu hat der Flug von George W. Bush zum Thanksgiving-Fest am 27. November wesentlich beigetragen - und die Festnahme Saddam Husseins wird Bushs Popularität einen weiteren Schub geben.
Wenigen Tagen der Freude
Nach Ansicht von Fachleuten werden nach der spektakulären Festnahme Saddam Husseins die kommenden Tagen und Wochen von entscheidender Bedeutung für die Entwicklung im Irak sein. Kenneth Pollack von der unabhängigen Forschungseinrichtung "Brookings Institution" sagte am Sonntag, nun komme es darauf an, ob der Aufstand gegen die amerikanisch geführten Besatzungstruppen abebbe oder im Gegenteil zunehme. Pollack äußerte auch die Ansicht, Saddam Hussein sei nicht in der Lage gewesen, von seinen offenbar wechselnden Verstecken in der Gegend um seine Heimatstadt Takrit den Aufstand zu lenken. Nach wie vor müsse man davon ausgehen, daß Saddam Husseins früherer Stellvertreter im Revolutionären Kommandorat, Izzat Ibrahim al Duri, der operative Leiter des vor allem auf das "sunnitische Dreieck" westlich und nördlich von Bagdad konzentrierten Aufstands sei.
Die irakische Bevölkerung werde nach wenigen Tagen der Freude und der Überraschung über die Festnahme Saddam Husseins rasch wieder nach den Gründen für die weiterhin unzureichende Sicherheitslage, für die Benzinknappheit fragen und sich bald mehr für den Fortgang des Wiederaufbaus und für Arbeitsplätze interessieren als für den zu erwartenden Prozeß gegen den früheren Diktator, sagte Pollack. Kurzfristig sei aber nicht mit einem Ende der Attentate zu rechnen, weil die Terroristen vermutlich in weitgehend autonomen Kleingruppen operierten.
Friedlichen Schneelandschaft
In Washington waren Fachleute und Kommentatoren am Sonntag übereinstimmend der Ansicht, daß Saddam Hussein vorerst nicht von den amerikanischen Streitkräften an die irakischen Behörden übergeben und von diesen vor das zu errichtende Kriegsverbrechertribunal gestellt werden dürfte. Vielmehr würden amerikanische Streitkräfte und die zivile Übergangsverwaltung durch die Befragung Saddam Husseins, der sich in ersten Verhören "kooperativ und gesprächig" verhalten haben soll, Erkenntnisse über das vermutete irakische Massenvernichtungswaffenprogramm sowie über mutmaßliche Verbindungen des früheren Regimes zu Terrorgruppen wie dem Netzwerk Al Qaida zu gewinnen.
Hinzu kommen Bedenken internationaler Menschenrechtsorganisationen, die auch von Regierungsangehörigen geteilt werden sollen, wonach die irakische Gesellschaft und ihre Institutionen noch kaum in der Lage seien, ein einigermaßen ordentliches Tribunalverfahren zu gewährleisten. Richard Dycker, für Internationales Recht zuständiger Direktor der Menschenrechtsorganisation Human Rights Watch, ist besorgt darüber, die Verfahren vor dem Tribunal könnten "zu politischen Schauprozessen verkommen". Wie Dycker fordert auch Paul van Zyl vom New Yorker "International Center for Transitional Justice" eine "robuste internationale Beteiligung" an den zu erwartenden Kriegsverbrecherprozessen im Irak. Argumente für ein UN-Tribunal wie jene für das ehemalige Jugoslawien oder Ruanda werden kaum vorgebracht.
Das Weiße Haus lag am Sonntag morgen, als die ersten Gerüchte und Nachrichten über die Festnahme Saddam Husseins durchsickerten, inmitten einer friedlichen Schneelandschaft. Der Präsident sei am Samstag und in der Nacht zum Sonntag regelmäßig telefonisch über den Verlauf der Operation mit dem klingenden Namen "Rote Morgendämmerung" informiert worden, hieß es. Am frühen Morgen kamen George W. Bush und sein Stab im "Oval Office" zu einer Lagebesprechung zusammen. Danach ging der Präsident, wie jeden Sonntag, mit seiner Frau Laura in die Kirche. Erst danach wollte er sich in einer Fernsehansprache an das amerikanische Volk und die Öffentlichkeit in aller Welt wenden.
Matthias Rüb Jahrgang 1962, politischer Korrespondent für Nordamerika mit Sitz in Washington.
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