16.09.2005 · Als Anlaß der jüngsten Terrorwelle gibt er die irakisch-amerikanische Offensive gegen Talafar an: Terrorführer Zarqawi erklärte den schiitischen Muslimen in einer Tonbandaufnahme den totalen Krieg: „Nehmt Euch in Acht, es wird keine Gnade geben“.
Von Rainer Hermann, Istanbul„Nehmt Euch in Acht, es wird keine Gnade geben“, droht der Sprecher. Aus mehr als einem halben Dutzend Tonaufnahmen ist die Stimme der Apokalypse bekannt. Usama bin Ladin und sein Stellvertreter Zawahiri wenden sich hin und wieder in Videobotschaften an die Welt.
Von dem Terrorführer Zarqawi gibt es jedoch nur veraltete Bilder. Sie zeigen ihn als Jugendlichen und in seinen frühen Lehrjahren in Afghanistan. Vertraut ist von vielen Tonbändern indessen Zarqawis Stimme. Auch das jüngste von ihnen enthält aber wenig Neues über das furchteinflößende Weltbild des Terroristen.
„Es wird keine Gnade geben“
Denn den Krieg hatte Zarqawi den schiitischen Muslimen, die er bloß „Abtrünnige“ (Rafida) nennt, bereits wiederholt erklärt, und nicht zum ersten Mal brandmarkte er die Bürger des Westens als „Kreuzfahrer“. Neu ist aber, daß er erstmals eine irakisch-amerikanische Offensive gegen eine seiner Hochburgen im Irak als Anlaß für eine Terrorwelle angibt. Bei der hatte er am Mittwoch in Bagdad mehr Autobomben als Selbstmordattentäter eingesetzt.
Schmerzte ihn die Offensive gegen Talafar? Und gehen ihm allmählich die Freiwilligen für Selbstmordanschläge aus? „Nehmt Euch in Acht, es wird keine Gnade geben“, rät Zarqawi den schiitischen Muslimen. Denn seine „Organisation Al Qaida in Mesopotamien“ erkläre ihnen den totalen Krieg. Wo immer sie sich im Irak auch aufhielten.
Die Schiiten von Ramadi, haben die Stadt, in der die Anhänger Zarqawis herrschen, aus Furcht vor dem sunnitischen Terror bereits verlassen. Ohne Gnade will Zarqawi auch gegen die „Diener der Kreuzritter“ vorgehen, an deren Spitze er den irakischen Ministerpräsidenten Dschaafari sieht. Den „Kreuzrittern und Abtrünnigen“ unterstellt er, gemeinsam einen Krieg gegen die Sunniten zu führen und alle sunnitischen Siedlungsgebiete im Irak „ethnisch zu säubern“.
„Augen und Ohren der Amerikaner“
Ohne Gnade will Zarqawi vor allem gegen alle jene vorgehen, die der irakischen Regierung als Polizisten oder Soldaten dienen. Sie sollen getötet und ihre Häuser sollen abgerissen werden. Dasselbe Schicksal droht Zarqawi den sunnitischen Stammesführern, die mit der irakischen Regierung und den Vereinigten Staaten in Gesprächen stünden. Sie müßten sich zwischen „dem Guten und dem Bösen“ entscheiden.
Verliert Zarqawi ihre Unterstützung und damit den Boden, auf dem er seinen Dschihad entfesselt hat? Mindestens zwei Tonaufnahmen sind aus der Vergangenheit bekannt, in denen Zarqawi zum Krieg gegen die schiitischen Muslime aufgerufen hat. Die erste vom 6. April 2004 war 33 Minuten lang.
In ihr denunzierte Zarqawi die Schiiten als „Augen und Ohren der Amerikaner“; die Sunniten rief er zu Terrorakten gegen die Schiiten auf. In der zweiten vom 6. Juli 2005 riet er den sunnitischen Aufständischen, in ihrem Widerstand gegen die Besatzer nicht nachzulassen und gegen die Schiiten in einen Bürgerkrieg zu ziehen. Ferner kündigte er die Aufstellung der Sondereinheit „Omar Corps“ an, welche die schiitische Badr-Miliz bekämpfen werde.
Ächtung der Schiiten als Abtrünnige
Seine Strategie, mit Angriffen auf die Schiiten diese zu Racheaktionen zu provozieren und so einen Bürgerkrieg auszulösen, hatte Zarqawi bereits in einem frühen Strategiepapier entwickelt. Es war amerikanischen Soldaten in die Hände gefallen, als sie Anfang 2004 in Bagdad den Pakistaner Hassan Ghul festnahmen, der als Kurier für Al Qaida arbeitete.
Das Ziel eines Bürgerkriegs im Irak hat in Al Qaida keine Kontroverse ausgelöst, wohl aber Zarqawis Ächtung der Schiiten als Abtrünnige. Von Bin Ladin und Zawahiri sind keine Äußerungen bekannt, in denen sie die Schiiten direkt angreifen. Im Gegenteil hatte einer der wichtigsten Internetexegeten Bin Ladins, der palästinensische Theologe Abu Muhammad al Maqdisi, in diesem Frühjahr Zarqawi wegen dessen Anschläge auf Schiiten und schiitische Stätten scharf attackiert. Zarqawi riet darauf Maqdisi, er solle seine Stimme mäßigen und den Dschihad im Irak nicht schwächen.
Kopf der Terrorschlange
Zarqawi hat im Irak Saddam Hussein als Symbol des Aufstands längst abgelöst. Auch hat er Bin Ladin aus den Schlagzeilen verdrängt. Der hatte Zarqawi erstmals in einer Tonaufnahme vom 27. Dezember 2004 als den führenden Repräsentanten von Al Qaida im Irak bezeichnet, und er stellte sich hinter Zarqawis Aufruf, die Parlamentswahl am 30. Januar zu boykottieren. Aus der Organisation Al Qaida war zwar eine Ideologie des Dschihad mit einer losen und stark dezentralisierten Zellenstruktur geworden. Als Kopf der Terrorschlange gilt aber Zarqawi, der sich Bin Ladin zwar unterstellt hat, ihm aber nicht länger in allem folgt.
In Bagdad, so berichtete die britische Zeitung The Times unter Berufung auf amerikanische Geheimdienstkreise, habe Zarqawi in den vergangenen Wochen die Aufständischen für einen Angriff auf die Schiiten der Hauptstadt zu einer Einheit zusammengeführt.
Von den 16.000 sunnitischen Aufständischen sollen 6700 islamistische Extremisten sein. Nach anderen Angaben habe Zarqawi begonnen, im Irak die erfahrenen Dschihadisten durch neue Freiwillige zu ersetzen. Die kampferprobten Dschihadisten habe er zu Einsätzen in andere Länder entsandt. Auf ihr Konto gingen beispielsweise im August die Angriffe auf die Schiffe im Hafen der jordanischen Stadt Aqaba.
Enthauptung der „Kreuzritter“
Jahre könne der „heilige Krieg“ im Irak dauern, hatte Zarqawi in einem 75 Minuten langen Tonband vom 20. Januar 2005 angekündigt. Den „Heiligen Krieg“ in Afghanistan hatte er kaum mehr erlebt. Erst 1989 war Zarqawi, der mit bürgerlichem Namen Ahmad Fadil al Chalaila heißt und 1967 geboren wurde, in Afghanistan angekommen. Mit dem Dschihad in Afghanistan wollte er seinem Leben einen Sinn geben. Denn zuvor war er ein für seine Gewalttätigkeit bekannter Alkoholiker. 1992 kehrte Zarqawi nach Jordanien zurück und schloß sich der Terrororganisation „Baiat al Imam“ an. 1993 wurde er inhaftiert, und im Gefängnis lernte er den Koran auswendig.
Als er 1999 von einer Amnestie profitierte, brach er wieder nach Pakistan und Afghanistan auf, wo er ein Waffenlager von Al Qaida leitete. 2002 kehrte er nach Jordanien zurück, wo er einen amerikanischen Soldaten ermordete. Mit Hilfe seines Stamms, den Bani Hassan, die tief in der jordanischen Wüste im Gebiet zum Irak und zu Syrien siedeln, setzte er sich in den Irak ab. Dort terrorisierte er Städte wie Falludscha und ließ „Kreuzritter“ enthaupten. Nun zieht er in einem totalen Krieg gegen die „abtrünnigen“ Schiiten zu Felde.
So sieht sie aus, die neue Welt(un)ordnung
B. Keim (bkeim)
- 15.09.2005, 19:30 Uhr
Rainer Hermann Jahrgang 1956, Korrespondent für Wirtschaft und Politik in der arabischen Welt mit Sitz in Abu Dhabi.
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