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Irak Die Christenverfolgung

16.04.2008 ·  Während der Westen empört auf China und Tibet blickt, wird das Christentum im muslimisch beherrschten Teil der Welt ausgerottet - nicht still und leise, sondern durch rohe Gewalt. Damit vollendet sich ein Prozess, der schon Jahrhunderte andauert.

Von Volker Zastrow
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Die Ereignisse in Tibet verursachen im Westen eine etwas haltlose Erregung - der als Dalai Lama wiedergeborene Buddha und seine Mönche genießen hier etwa dasselbe Ansehen wie gewisse vom Aussterben bedrohte Walarten, möglicherweise sind sogar die Quellen dieser Sympathie benachbart. Dass zur selben Zeit das Christentum im muslimisch beherrschten Teil dieser Welt ausgerottet wird, interessiert im Westen weniger. Dabei wird die im Machtbereich des Islams übliche Christenverfolgung durchweg damit begründet, die Christen seien "Spione des Westens".

Im Westen wiederum unterscheidet man (naheliegenderweise) zwischen friedfertigen und mörderischen Muslimen. Deshalb vertropfen Ereignisse wie die von New York, London und Madrid, der Mord an Theo van Gogh, die erzwungene Emigration Ayaan Hirsi Alis, der Mordplan gegen den dänischen Karikaturisten Kurt Westergaard im Ozean der depressiven Toleranz. Man redet sich nur allzu gern ein, dass Fanatiker Ausnahmegestalten, ihre Taten also Ausnahmen seien. Und verkennt, dass sie so etwas wie Finger des Islams im Westen darstellen.

Wer vom Koran abfällt, wird ermordet

Denn in seinem eigenen Machtbereich ist die zugrundeliegende Frage geklärt: Dort hätte Hirsi Ali schon längst mit dem Leben bezahlt. Terror gegen Andersdenkende gehört dort zum System; und da, wo er sich noch nicht auf die zum Grundgesetz erhobene Scharia stützt, vollzieht ihn ein hyperaktiver Mob. Wer vom Koran abfällt, wird in manchen islamischen Ländern von Staats wegen ermordet. Wo die Konversion zum Christentum noch möglich ist, verlangt sie von den Bekehrten nicht weniger als die Bereitschaft zum Martyrium.

Derzeit vollendet sich offenbar ein Prozess, der schon Jahrhunderte dauert: die Ausrottung des Christentums in der islamischen Welt. Im Westen hat man durchweg vergessen, dass der hier als islamisches Kerngebiet betrachtete Raum Vorderasiens zum Teil mehr als tausend Jahre lang christlich war. Im Westen schwärmen Gebildete von den kulturellen Hochzeiten des Islams, Schüler erfahren, der Islam habe uns das Wissen der alten Griechen vermittelt - doch die Vermittler waren die Christen des Ostens, die diese Texte bewahrt und übersetzt haben, auch ins Arabische. Ihre Gelehrsamkeit half ihnen, zu überleben, freilich zumeist nur als Angehörige einer gedemütigten und ausgepressten Minderheit. Im 19. Jahrhundert durften ägyptische Kopten immerhin Pferde benutzen - wenn sie rückwärts aufsaßen, mit dem Gesicht nach hinten.

Private Religionsausübung verboten

Immer schon, doch besonders in den letzten 150 Jahren wurden Christen im Herrschaftsgebiet des Islams Opfer von Pogromen, gar Völkermordtaten - wie die Armenier. Der Anteil der Christen an der Gesamtbevölkerung sank deshalb zuletzt allenthalben dramatisch. In Syrien etwa, wo es ihnen noch mit am besten geht, auf zuletzt unter vier Prozent. Vor gut hundert Jahren machten sie dort noch ein Fünftel der Bevölkerung aus. In der Türkei gibt es auf einst byzantinischem Boden noch 100 000 Christen, sprich 0,15 Prozent. Trotzdem beklagte der türkische Religionsminister unlängst in der Konversion von 368 Muslimen zum Christentum den Versuch, die Türkei zu zerstören.

In Saudi-Arabien, das mit seinen Ölmilliarden den Moscheenbau auf der ganzen Welt finanziert, ist selbst die private Ausübung der christlichen Religion verboten; dort trauen sich die wenigsten Christen, in den eigenen vier Wänden zu beten. In Pakistan sind die Christen rechtlos gestellt, sie werden in vielen Geschäften nicht bedient; immer wieder werden Christen mit Blasphemie-Verfahren überzogen, enteignet und eingekerkert. Aber es geht nicht allein darum, dass Christen in der islamischen Welt ein Leben in Freiheit nicht möglich ist. Vielmehr wird die systemische Unterdrückung durch eine Vielzahl terroristischer Übergriffe noch in schwarze Angst getaucht.

Zuflucht Europa

Überall, auch in der Türkei, kommt es vor, dass christliche Priester, Ordensschwestern und einfache Christen zusammengeschlagen, verschleppt oder ermordet werden. Immer wieder werden in muslimischen Ländern Kirchen angegriffen oder angezündet und Ladengeschäfte der Christen geplündert. In ländlichen Gebieten, etwa Ägyptens, kam es auch in jüngerer Vergangenheit zu Pogromen. Die Verschleppung christlicher Mädchen und ihre gewaltsame oder erpresste Verheiratung mit Muslimen ist in der ganzen islamischen Welt verbreitet.

Deshalb gibt es einen weltweiten Exodus von Christen, die Zuflucht in Europa und den Vereinigten Staaten suchen - auch aus diesem Grunde schmilzt ihre Zahl in den islamisch beherrschten Regionen unablässig. Mehrere kleine christliche Gemeinschaften erlöschen derzeit, nicht zuletzt auf dem Boden des Iraks. Dort naht nach dem Ende der Gewaltherrschaft Saddam Husseins nun das Ende der dort uralten christlichen Kirchen. Geht all das so weiter, wird es noch in diesem Jahrhundert im Orient, wo Christus wandelte, so gut wie keine Christen mehr geben. Doch jetzt zurück nach Tibet.

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Jahrgang 1958, verantwortlicher Redakteur für Politik der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

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