In der Halle des Sheraton hockt eine Schar irakischer Polizisten vor dem Fernseher, man wartet auf die 20-Uhr-Nachrichten. Stunden zuvor war das UN-Gebäude am Rande Bagdads in die Luft gesprengt worden. Doch als erstes zeigt der Sender eine Pressekonferenz von Paul Bremer, dem amerikanischen Gouverneur des Iraks. Der Herr von Bagdad hat ein merkwürdiges Outfit: Er trägt zum blauen Anzug hellbraune Cowboystiefel. Bremer spricht über den Mangel an Strom, Wasser und Gas, den man so bald wie möglich beheben wolle. Dann sieht man Sayyed Dscha'fari, den Vorsitzenden des Regierungsrates, wie er irgendwelchen Scheichs aus den Emiraten die Hände drückt. Dann folgt ein Bericht über neu entdeckte Massengräber, Männer mit Mundschutz graben in der Wüste. Zum Schluß kündigt der Nachrichtensprecher eine Talkshow über die Grundwerte der Demokratie an. Kein Wort über das Blutbad vom Nachmittag. Die Polizisten in weißem Hemd und blauen Hosen sind zornig, es fallen deftige arabische Schimpfworte. "Die Amerikaner", sagt einer, "wollen nicht, daß die Bevölkerung denkt, sie hätten die Sicherheit nicht im Griff."
Das irakische Fernsehen steht unter dem Schutz der Amerikaner und wird von einer Firma in Kalifornien finanziert. Der Sender, so das erklärte Ziel, wolle die "Kultur der Demokratie" im Zweistromland verbreiten. Der Fernsehsender bildet mit zwei Radiosendern und der Tageszeitung "Al Sabah", auf deutsch "Der Morgen", das "Iraqi Media Network". "Es war keine Absicht, sondern eine Panne", sagt der TV-Direktor George Mansur. Die Anstalt habe sechs Kameraleute, und die seien, als der Anschlag passierte, woanders gewesen. "Und ohne Bilder kein Bericht", begründet der assyrische Christ mit dem kahlen Kopf und dem dichten Schnauzbart das Versäumnis. "Hier im Keller habe ich zu spät von dem Vorfall erfahren." Der Direktor hat tatsächlich im Keller des früheren Kongreßpalastes der Baath-Partei, der heute von Amerikanern bevölkert ist, sein Büro.
Mansur verkörpert geradezu die bunte Vielfalt der Völkerschaften Mesopotamiens. Er spricht neben Arabisch, Englisch, Kaldonisch, Assyrisch sowie Nord- und Südkurdisch auch Russisch und Persisch. In den siebziger Jahren verließ der 51 Jahre alte Journalist den Irak und studierte in Moskau Medienwissenschaften. Dann verbrachte er einige Jahre in Iran. "Ich war Chefübersetzer bei den Mullahs. Wenn Araber oder Russen kamen, war ich immer dabei." Später arbeitete Mansur in Kanada und London für arabische Medien. "Ich bin erst im Mai nach Bagdad gekommen. Die Chefetage war von den Rundfunkleuten besetzt. So mußte ich unter die Erde", sagt er. Mansur hat jede Woche zwei politische Talkshows. Es gehe um Demokratie, Pluralismus und Zivilgesellschaft - die Begriffe seien für das breite Volk Fremdwörter. "Nur die Gebildeten sehen sich die Sendung an." Die anderen schauen, wenn sie eine Satellitenschüssel besitzen, Al Dschazira und Al Arabija. Mansur hofft, daß diese beiden "schlimmen Sender", die Feinde der irakischen Demokratie seien, bald durch das irakische Fernsehen zurückgedrängt werden. Welcher schlimmer sei? "Der gelbe Hund ist der Bruder des Schakals", antwortet er mit einer persischen Redewendung. Sechzehn Stunden am Tag sendet das Fernsehen, es zeigt viele amerikanische Filme: Western, Melodramen, Thriller. Doch der Christenmensch nimmt Rücksicht auf die vermeintlichen "islamischen Werte": Erotische Szenen oder negligierte Damen sind nicht zu sehen.
Eine Brise der Freiheit weht indes durch einen Wald bunter Blätter. Nichts zeigt die Ankunft einer neuen Zeit am Tigris so deutlich wie die Zeitungen, die wie Pilze aus dem Boden schießen. 181 Zeitungen und Zeitschriften gibt es zur Zeit landesweit. Doch längst nicht alle Blätter erscheinen regelmäßig, nur zehn kommen Tag für Tag pünktlich auf den Bagdader Markt. Durchschnittlich kosten sie einen "Saddam", wie man die 250-Dinar-Scheine mit dem Konterfei des Tyrannen nennt. Ein "Saddam" entspricht 20 US-Cent, das ist erschwinglich für das Volk.
Die neuen Zeitungen haben keine Geschichte - wohl aber die Zeitungsmacher. Zum Beispiel Saad Al Bazzaz, der Herausgeber der wichtigsten Zeitung des Landes, "Al Zaman" ("Die Zeit"). Unter dem Baath-Regime war er Chefredakteur der staatlichen Zeitung "Al Dschumhuriyya" ("Die Republik") und persönlicher Medienberater Saddams. Mitte der neunziger Jahre fiel der Abkömmling einer reichen Familie in Ungnade. Er ging nach London und gründete dort die Zeitung "Al Zaman". Nach dem Fall von Bagdad zog er mit seinem Blatt in den Irak. Böse Zungen behaupten, Bazzaz würde von antiamerikanischen Kreisen im saudischen Königreich und in den Emiraten unterstützt. Die Zeitung ist nämlich kein Freund der Alliierten, sie schreibt des öfteren von "Ihtilal" ("Besatzung"). Für das Blatt sind die Terroristen, die auf Amerikaner Anschläge verüben, "Widerstandskämpfer". Wenn sich die Aktionen, wie das Blutbad im UN-Gebäude, auch gegen die Bevölkerung richten, ist von "unbekannten Tätern" die Rede.
Proamerikanische Zeitungen wie "Al Sabah" oder "Al Taachi" ("Die Brüderlichkeit"), die von Kurden in Arabisch publiziert wird, nennen das Kind beim Namen: Terroristen heißen dort "Murahibun", wörtlich übersetzt: "die Leute, die Schrecken verbreiten". An solchen sprachlichen Feinheiten kann man die politische Richtung der neuen Medien im Irak erkennen. "Wir dürfen alles schreiben", sagt Nada Schaukad, die sich Chefreporterin von "Al Zaman" nennt. "Verboten ist freilich die Hetze gegen die Besatzungsmacht." Die hagere Frau Ende Vierzig hat eine gewisse Sympathie für das Ancien regime, 27 Jahre lang war sie Redakteurin von "Al Dschumhuriyya": "Saddam hat leider viele Fehler gemacht. Aber er war einer von uns." Und die Massengräber? Das sei nur zionistische Propaganda, sagt die Journalistin, die ein bißchen wie ein mesopotamischer Ossi wirkt. Die Presse am Tigris ist heute frei - nicht immer aber frei vom Untertanengeist der Vergangenheit.