30.04.2004 · Die irakische Polizei und der irakische Zivilschutz sollen nach dreiwöchiger Belagerung künftig unter dem Kommando eines früheren Generals von Saddam Hussein für die Ordnung in der Rebellen-Hochburg sorgen.
Die amerikanischen Truppen in Falludscha haben am Freitag nach mehr als dreiwöchiger Belagerung mit dem Abzug aus der irakischen Widerstandshochburg begonnen.
Amerikanische Marineinfanteristen zogen sich am Morgen von Stellungen im Südosten der Stadt zurück. So verließen etwa die Soldaten des ersten Bataillons des 5. Regiments der Marines ihre Stellungen in verlassenen Fabrikgebäuden im südlichen Gewerbegebiet. Zwischen 70 und 80 Marines blieben zunächst in einer ehemaligen Soda-Fabrik, die dem Bataillon als Befehlszentrale diente. Sie sollten später ebenfalls abrücken.
Die amerikanische Armee hatte den Abzug am Donnerstag nach mehr als dreiwöchiger Belagerung und schweren Kämpfen angekündigt. Die Marines sollten demnach zunächst im Süden und später auch im Norden abgezogen werden und auf ihren Stützpunkt außerhalb der Stadt zurückkehren. Die Kontrolle über Falludscha soll der bislang unbekannten „Falludscha Schutz-Armee“ übertragen werden.
Früherer General Saddams übernimmt das Kommando
Würdenträger aus der umkämpften Stadt und Vertreter des amerikanischen Militärs vereinbarten am Donnerstag einen schrittweisen Rückzug der Truppen. Für die Ordnung in der Rebellen-Hochburg sollen die örtliche irakische Polizei und der irakische Zivilschutz zuständig sein. Das Kommando in der Stadt werde ein ehemaliger General und Divisionskommandeur aus der Armee des gestürzten Diktators Saddam Hussein übernehmen, sagte der Verhandlungsführer der Falludscha-Abordnung, Ahmed Hadran, dem arabischen Fernsehsender Al Dschazira.
Unterdessen haben mehrere amerikanische Soldaten nach einem Bericht des Fernsehsenders CBS Iraker in einem Gefängnis bei Bagdad schwer mißhandelt. Wie der Sender am Donnerstag unter Berufung auf das Verteidigungsministerium in Washington berichtete, müssen sich sechs Militärpolizisten vor einem Militärgericht verantworten.
CBS zeigte Bilder vom März 2003, auf denen Insassen des Abu-Ghraib-Gefängnisses zu sehen sind, die mißhandelt und entwürdigend behandelt werden. Der Sprecher der amerikanischen Truppen im Irak, Brigadegeneral Mark Kimmitt, äußerte sich „entsetzt“ über die Bilder.
Ausstrahlung des Berichts verzögert
Insgesamt wurden dem Fernsehbericht zufolge wegen des Verdachts, Gefangene mißhandelt zu haben, im vergangenen Monat 17 Soldaten im Irak vom Dienst suspendiert, darunter die für das Gefängnis verantwortliche Brigadegeneralin. Die entlarvenden Bilder seien von einem Militärpolizisten gemacht worden, hieß es. Auf Bitten des amerikanischen Verteidigungsministeriums hatte der Sender die Ausstrahlung des Berichts um zwei Wochen verzögert. Die Militärführung befürchtete eine Verschärfung der Spannungen im Irak.
Bei neuen Angriffen und Attentaten im Irak wurden am Donnerstag insgesamt zehn amerikanische Soldaten getötet, mindestens sechs Iraker kamen bei verschiedenen Zwischenfällen ums Leben.
Schröder will Brahimi nicht vorgreifen
Außenminister Colin Powell äußerte sich unterdessen in Kopenhagen zuversichtlich über die Verabschiedung einer neuen Irak-Resolution des UN-Sicherheitsrates bis zum 1. Juli. Nach einem Gespräch mit dem dänischen Ministerpräsidenten Anders Fogh Rasmussen sagte Powell, diese werde auch die Bedenken europäischer Länder berücksichtigen. Bundeskanzler Gerhard Schröder sprach sich für ein stufenweises Vorgehen bei den diplomatischen Bemühungen um eine Lösung der Irak- Krise aus. Zunächst sollten die Bemühungen des UN-Beauftragten Lakhdar Brahimi für eine neue UN-Resolution abgewartet werden, sagte er. Erst wenn diese vorliege, sollten sich Länder wie Deutschland, Frankreich, Spanien oder Großbritannien über das weitere Vorgehen in der Vereinten Nationen abstimmen.