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Reformationstag : „Gott bleibt bei Luther immer auch ein Rätsel“

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„Der Katholizismus macht es - ich will nicht sagen: falsch - aber eben anders“: Denkmal für Luther in Wittenberg Bild: dpa

Ein Gespräch mit dem evangelischen Theologen Ulrich Barth über die Bedeutung des Reformationstags, Martin Luther, gelebten Protestantismus und die Zukunft der Kirche.

          Herr Barth, was sind denn Ihrer Meinung nach Luthers religiöse Grundgedanken? Rechtfertigung allein aus Gnaden, nicht aus Werken?

          Das wäre ein restauratives Festhalten an alten Formeln. Diese ganze Fokussierung auf die Rechtfertigungslehre halte ich für verfehlt. Dass Luther seine Erlösungslehre in die Gestalt der Rechtfertigungslehre gegossen hat, gehört zu seiner Gebundenheit an die spätmittelalterliche Bußtheologie. Dieser Zusammenhang besteht für uns aber nicht mehr, denn der Horizont eines göttlichen Gerichts ist weitgehend entschwunden. Das Religiöse baut sich heute auf ganz andere Weise auf. Um 1900 gab es Versuche, die Rechtfertigungslehre für die Moderne zu erschließen: Jeder Mensch ist auf Anerkennung angewiesen, und die Rechtfertigung durch Gott ist der Grundakt dieser Anerkennung. Für meine Begriffe hat dies nicht die Überzeugungskraft, die man sich davon versprach. Wir suchen unsere Anerkennung unter unseresgleichen. Das ist eine intersubjektive, soziale Kategorie. Die Suche nach Anerkennung durch Gott ist kein Gedanke, der sich von selbst nahelegt. Auch ist die Geschichte des Protestantismus weit mehr als nur die Fortschreibung von Luthers Rechtfertigungslehre.

          Wenn nicht mit der Rechtfertigung, wie würden Sie die religiösen Kerngedanken Luthers dann beschreiben?

          Setzen wir beim Gottesgedanken ein. Luther nimmt hier eine innere Vertiefung vor. Gott kann nur als das Zugleich von Grund und Abgrund begriffen werden, hat Paul Tillich einmal gesagt. Das fasst die lutherische Gotteskonzeption sehr genau. Luther begreift Gott in einer doppelten Weise: als den sich offenbarenden Gott - den „deus revelatus“ - und als den verborgenen Gott - den „deus absconditus“. Luther hat seine Theologie so konzeptioniert, dass hinter dem in Gesetz und Evangelium offenbaren Gott immer die Instanz mitbedacht wird, die sich offenbart. Gott geht bei Luther nicht in seiner Offenbarung auf. Die religiöse Bedeutung dieser Unterscheidung sehe ich darin, dass Luther mit dem „deus absconditus“ sicherstellen will, dass jede menschliche Gottesvorstellung, auch die des Offenbarungsglaubens, einen blinden Fleck besitzt. Gott bleibt inmitten seiner Zuwendung immer auch ein Rätsel. Dies schützt die christliche Theologie vor allen Überheblichkeiten. Und für uns heißt es: Wir stehen in unserem Leben vor Krisen und Abgründen, die nicht an die Vorstellung vom lieben Gott zurückgebunden werden können.

          Der evangelische Theologe Ulrich Barth

          Sehen Sie überhaupt eine Relevanz des Gottesgedankens in der Moderne?

          Ich denke schon. Die Gottesvorstellung gehört zur Welt der Religion und nährt sich aus Mythen und Symbolen. Der Gottesgedanke hingegen erwächst aus einem inneren Motiv der Vernunft. Wenn Vernunft ein Fragen nach Gründen ist, dann treibt sie unweigerlich auf die Frage nach einem letzten Grund zu. Das ist der Vernunft als Vernunft eigentümlich - auch in ihrer modernen Fassung seit Kant. Das Problem scheint mir gegenwärtig nicht in der Plausibilität oder Nichtplausibilität des Gottesgedankens zu liegen. Die Frage ist vielmehr: Beziehen wir den Gottesgedanken als bestimmende Kraft auf das eigene Leben? Und da halte ich Luther für sehr aktuell.

          Noch einmal nachgefragt: Ist Gott eine Größe, mit der sich die Moderne beschäftigt?

          Sehen Sie sich den öffentlichen Umgang mit großen Katastrophen an. In der Regel gibt es einige Tage später einen ökumenischen Gottesdienst oder Vergleichbares. Religion scheint immer noch die geeignetste Form des rituellen Umgangs mit dem Unsagbaren zu sein. Um das auf individueller Ebene zum Ausdruck zu bringen, darf man den Gottesbegriff nicht auf seine kirchlich-dogmatische Fassung verkürzen. Der personalistische Monotheismus ist zweifelsohne ein kulturell hochwertiges Produkt. Aber die Aufklärung hat zu Recht dessen Ungereimtheiten diagnostiziert und das Göttliche wieder in einem weiteren Sinne zu fassen gesucht: Als Reich des Guten, als Universum, als Vorsehung oder Schicksal - und heute sprechen wir vor allem von „Sinn“. Das emphatische Reden von „Sinn“ ist doch nichts anderes als ein Äquivalent für die diffuse - und wie ich finde: zu Recht diffuse - Fassung des Göttlichen. Die Idee eines extramundanen Schöpfergottes ist doch nur eine von vielen Symbolisierungen.

          Von der Martin Luther aber ein ziemlich entschiedener Anhänger war ...

          Luther stand in einer vollkommen anderen Epoche. Die Gottesvorstellung war damals eingebettet in eine ganz selbstverständliche Christlichkeit. Das ist heute natürlich ganz anders. Ich denke aber doch, dass das Religiöse nach wie vor Relevanz für die Selbstdeutung des Menschen hat - auch wenn es oft nicht zugegeben wird.

          Nun könnte man sagen: Wir versagen uns solche religiösen Gedanken, weil sie nicht in Erkenntnis überführbar sind.

          Das ist richtig, aber kein echter Einwand. Religion äußert sich nicht nur in theologisch ausgewiesenen und rituell praktizierten Symbolen. Es gibt auch so etwas wie stumme Religion, die jeder mit sich selbst ausmacht. Hier scheint mir ein wichtiger Unterschied zu früheren Zeiten zu liegen: Religion existiert nur noch partiell als selbstverständliches Symbolsystem. Der Graubereich des Unausgesprochenen, Unaussprechbaren ist heute größer als in früheren Epochen. Und gerade deshalb müssen wir uns einen Reim darauf machen. Es ist unverantwortlich, wenn Dogmatik und Kirche darüber einfach hinweggehen.

          Welchen Gedanken Luthers vermissen Sie am meisten beim Reformationsjubiläum?

          Ganz eindeutig Luthers Unterscheidung von sichtbarer und unsichtbarer Kirche. Für Luther war die eigentliche Kirche eine verborgene Größe - nämlich die transzendente Vergemeinschaftung im Glauben. Was wir sehen, ist eine endliche Organisation, die an denselben Endlichkeiten krankt wie jede andere Institution. Diese Unterscheidung sichtbar - unsichtbar ist für die evangelischen Kirchen eine bleibende Herausforderung. Denn es ist für eine Religion viel naheliegender, beide Ebenen ineinander laufen zu lassen. Die dogmatische Entwicklung des 19. und 20. Jahrhunderts im Protestantismus zeigt ja auch, wie diese Unterscheidung wieder kassiert wird.

          Wo machen Sie das Problem fest?

          Schon das Wort „Kirche“ ist das Problem. Wir verstehen „Kirche“ heute als religiöse Großorganisation. Das ist sie auch für Luther - nur würde er das der sichtbaren Kirche zurechnen. Seine unsichtbare Kirche geht aber weit darüber hinaus und umfasst auch das, was wir seit der Aufklärung als Christentum außerhalb der Kirche bezeichnen - sozusagen den gelebten Protestantismus.

          Nach neueren empirischen Studien ist es gerade die sichtbare Kirchlichkeit, die das religiöse Leben im Allgemeinen stützt.

          In der Tat. Ich bin auch nicht der Ansicht, dass die sichtbare Kirche überflüssig sei. Religion braucht institutionelle Außenstützen. Aber diese dürfen sich nicht als Selbstzweck begreifen und selbstherrlich in den Vordergrund schieben. Die Unterscheidung von sichtbarer und unsichtbarer Kirche ist bei Luther im Zentrum des Christlichen aufgehängt. Denn das, was die Kirche zur Kirche macht, ist bei Luther genau auf die Weise verborgen wie das Göttliche unter dem Kreuz. Das Kreuz ist das Muster des Verborgenseins überhaupt. Kein Mensch käme auf den Gedanken, in einem Hinrichtungstod den Erweis der Liebe Gottes zu sehen. Diese bis in den Gipfel gesteigerte Kontrafaktizität ist aber genau der springende Punkt im Christentum. Und Luther geht noch einen Schritt weiter und überträgt diesen Gedanken auch auf die Kirche. Die wahre, unsichtbare Kirche ist in der Welt ebenso verborgen und Gegenstand des Glaubens wie die Liebe Gottes im Symbol des Kreuzes.

          Was heißt das für die Kirche?

          Das Urteil Adolf von Harnacks trifft auch nach mehr als hundert Jahren noch zu: Die Gefahr des Protestantismus besteht nach wie vor in seiner schleichenden Verkirchlichung. Was ich einklage, ist eine Selbstrelativierung der Kirche als einer rein funktionalen Größe. In manchen Synodenbeschlüssen erkenne ich davon wenig. Es geht mir nicht um Antiklerikalismus - aber die kirchliche Organisation muss sich beschränken auf ihre Dienstleistungsrolle: Beförderung der Kommunikation des Glaubens und Aufrechterhaltung der religiösen Grundversorgung. Der Katholizismus macht es - ich will nicht sagen: falsch - aber eben anders. Dort repräsentiert sich das Göttliche im Kultus, im Priester, im Recht und im Dogma. Natürlich kennt auch der Protestantismus Predigt und Sakrament - aber diese äußeren Handlungen sind nur Mittel, unter denen sich Tieferes erschließt.

          Das klingt mystisch.

          Wie es gelingen kann, das heute noch sprachlich zu fassen, ist eine der Grundfragen, vor denen das Christentum steht. Ganz abhandengekommen sind uns derartige Zugänge aber nicht. Ich bin seit Jahrzehnten auch Kirchenmusiker. Mein Eindruck ist: Wo Bachs Johannespassion oder Distlers Choralpassion erklingt, wird durchaus verstanden, dass der Hinrichtungstod Jesu zum Symbol der Liebe Gottes wird. Die Musik hat einen anderen, vielleicht besseren Zugang zu dem, was wir Innerlichkeit nennen. Und um Innerlichkeit ging es Luther in der Tat.

          Der evangelische Theologe Ulrich Barth

          Ulrich Barth hatte von 1993 bis 2010 den Lehrstuhl für Dogmatik und Religionsphilosophie an der Martin-Luther-Universität in Halle-Wittenberg inne. Mit den beiden Orten sind auch die für ihn prägenden Traditionen markiert: Wittenberg, wo Martin Luther lehrte, und Halle an der Saale, Universität der preußischen Aufklärung und später Wirkungsort Schleiermachers, des wirkmächtigsten Denkers der liberalen Theologie. Seit seiner Emeritierung lehrt Barth als Seniorprofessor an der Berliner Humboldt-Universität. (bin.)

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