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Interview Wahlforscher über TV-Duell: Substanz entscheidet

14.08.2002 ·  Wenn der Kanzler kommende Woche im Fernsehen auf seinen Herausforderer trifft, erwartet Wahlforscher Brettschneider eine Überraschung. Ein FAZ.NET-Interview.

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„In diesem Wahlkampf ist die SPD die Getriebene und nicht die Treibende“, sagt der Augsburger Wahlforscher Frank Brettschneider. Nicht zuletzt deshalb setzt die SPD auf die mit Spannung erwarteten TV-Duelle und eine telegene Überlegenheit des Kanzlers. Brettschneider hingegen glaubt nicht, dass Schröder am 25. August und am 8. September seinem Herausforderer Stoiber den Schneid abkaufen kann. Im Gegenteil. Ein FAZ.NET-Interview.

Kanzler Schröder fordert: „Er oder ich“, Herr Westerwelle legt Wert auf die Bezeichnung Kanzlerkandidat. Täuscht der Eindruck, oder tritt der Inhalt im Wahlkampf mehr und mehr hinter die Personen zurück?

Das ist doch nichts Neues: Die Union hatte 1969 auf ihren Wahlplakaten: „Auf den Kanzler kommt es an“, da ging es um Kurt Georg Kiesinger. Die Union hat Adenauer, sie hat Ludwig Erhard mit seiner Wirtschaftskompetenz hervorgestellt. Bei der SPD war es ähnlich: Sie hatte Willy Brandt in den 60er Jahren als Kennedy-Pendant aufgebaut, und 1972 gab es die „Willy-Wahl“. Oder Helmut Schmidt in den 70ern Jahren. Entscheidend ist vielmehr: Verleihen die Kandidaten einem Programm Gesicht und Stimme?

Sie stellen keinen Trend zur Oberflächlichkeit fest?

Wenn die Themen überhaupt kein Rolle mehr spielen, sondern nur noch das Outfit und die Frage, „Welche Frisur hat Angela Merkel?“, oder die Frage „Sind die Haare von Gerhard Schröder gefärbt oder nicht?“, dann haben wir ein Problem. Nur, diese Perspektive kommt weniger über die Parteien rein, als über die Berichterstattung privat-kommerzieller Fernsehsender oder der Boulevardblätter im Print.

Schuld sind also die Medien, und Parteien wie die FDP machen neuerdings einen reinen Sachwahlkampf?

Nein, es ist eine gegenseitige, einander verstärkende Abhängigkeit der Politik von den Medien und bestimmter Medien von der Politik. Und diejenige Partei, die das am perfektesten bedient, ist klar die FDP. Die betreibt nun wirklich einen weitestgehend inhaltsleeren Wahlkampf. Und was es an Inhalten gibt, wird durch die Gimmicks zugedeckt: Durch die 18 auf dem Schuh, durch das Guidomobil, durch den Fallschirm springenden Möllemann. Der Möllemann würde aber nicht mit dem Fallschirm abspringen, wenn nicht unten eine Kamera stünde, die ihn filmt.

Stoiber tummelt sich samt Großfamilie im Legoland, Schröder streitet vor Gericht um seine Haarfarbe. Überbewerten Politiker nicht ihr Bild, das sie in der Öffentlichkeit abgeben?

Natürlich, denn das unpolitische Image ist völlig unwichtig. Die Image-Komponente, die für die Wähler von Bedeutung ist, ist allein die Sachkompetenz der Kandidaten. Über das Aussehen oder Besuche im Legoland unterhalten sich die Wähler zwar. In der Wahlkabine ist das aber völlig unerheblich.

Aber wie bilden sich die Wähler ein Urteil über die Sachkompetenz?

Das hängt damit zusammen, zu welchen Themen sich die Kandidaten äußern, was sie in ihrer Leistungsbilanz vorzuweisen haben. Und die dritte Quelle ist die Medienberichterstattung: In welchen thematischen Zusammenhängen werden die Kandidaten dargestellt?

Gerade die Medien vermochte die SPD-Wahlkampfzentrale „Kampa“ bei der vergangenen Wahl in ihrem Sinne zu beeinflussen. Doch der „Kampa“-Motor stottert.

Der Reiz des Neuen ist weg. Außerdem ist es der SPD 1998 viel besser gelungen, selber zu entscheiden über welche Themen diskutiert wird, damals vor allem über den Reformstau. Das wurde abgeguckt beim 92er Wahlkampf von Bill Clinton. Der hatte in seinem Wahlkampfzentrum einen Zettel hängen: „It's the economy, stupid!“ Die Demokraten haben deshalb versucht, im Wahlkampf immer nur das Thema Wirtschaft zu hämmern, weil sie wussten, dass Bush da seine Schwächen hat.

Diesmal hinkt die SPD hinterher, auch durch ihre hausgemachten Skandale. Die SPD ist im Augenblick die Getriebene und nicht die Treibende.

Das erste Fernsehduell steht bevor. Glauben Sie, dass Stoiber und sein Berater Michael Spreng nach dem verheerenden Christiansen-Auftritt schon die Namen der Moderatoren Peter Kloeppel und Peter Limbourg pauken?

Moment, der Auftritt Stoibers war nicht so verheerend, wie vermutet wird...

Aber die Presse war vernichtend...

Zugegeben, der Tenor in der Berichterstattung lautete vier, fünf Tage lang: „Wem noch nicht einmal die Namen einfallen und wer sich so verhaspelt, der kann überhaupt kein Kanzler werden.“

Es gibt allerdings eine Forsa-Studie, die etwas anderes gezeigt hat: Zuschauer wurden während der Sendung gebeten, live den Kandidaten zu beurteilen. Das überraschende Ergebnis: Die Versprecher haben für die Menschen überhaupt keine Rolle gespielt. Jeder verspricht sich mal, nur in der Berichterstattung wurde so getan, als wäre das der zentrale Punkt.

Also ist es gar kein so großer Vorteil für Schröder, dass er sich im Fernsehen besser verkauft?

Dass Schröder in Fernsehgesprächen sehr souverän wirkt, ist sicherlich ein Pluspunkt. Er kann damit die eine oder andere Schwäche im Inhaltlichen zwar nicht ausgleichen, aber doch überdecken. Wenn aber in der Substanz nichts dazu kommt, kann jemand in den Medien noch so eloquent sein, dann wird ihm das nicht helfen.

Sie haben den amerikanischen Wahlkampf analysiert, darunter auch die legendären Auseinandersetzungen zwischen John F. Kennedy und Richard Nixon. Welche Bedeutung messen Sie nun den TV-Duellen bei? Das ist ja ein Novum in der deutschen Fernsehgeschichte.

Zum einen sind die Duelle in der Lage, die eigenen Stammwähler zu mobilisieren. Wenn es Schröder etwa gelingt, den SPD-Anhängern Mut einzuhauchen, dann ist das ein wichtiger Erfolg für ihn. Das andere sind die Unentschiedenen, die Wechselwähler, Menschen, die sich nicht so für Politik interessieren. Die gilt es anzusprechen und zu sagen: „Das sind die zwei, drei politischen Statements, in diese Richtung soll es mit uns gehen.“

Welche Statements erwarten Sie?

Das wird bei Schröder der Hinweis darauf sein, dass man viel erreicht hat, dass aber noch viel zu tun ist. Stoiber wird betonen, dass Deutschland in vielen Punkten Schlusslicht ist.

Nicht gerade Brandneues. Glauben Sie nicht, dass die Duelle im Wesentlichen aus Phrasen und heißer Luft bestehen werden, am Ende gar den informierten Zuschauer langweilen?

Die Frage ist, welche Fragen stellen die Journalisten, die diese beiden Interviews führen. Außerdem gilt: Ein wichtiger Teil der Wähler, nämlich jener der politisch uninteressierten, verfolgt den Wahlkampf eher am Rande. Und für diese Wähler kann eine Sendung, in der bekannte Dinge wiederholt werden, durchaus sinnvoll sein, weil sich dort eine Botschaft zum ersten Mal im Kopf festsetzt. Die Debatten alleine entscheiden keine Wahl, aber sie können das Rennen noch mal spannend gestalten.

Also bleiben die TV-Duelle für die SPD in Zeiten miserabler Umfragen ein Rettungsanker?

Es kann noch eine Menge bis zur Wahl passieren, und ein Element können die TV-Duelle sein. Ich vermute allerdings etwas ganz anderes: In der Berichterstattung vor den Duellen wird alle Welt annehmen, Schröder wird besser sein als Stoiber. Und wenn dann Schröder tatsächlich besser ist als Stoiber, aber Stoiber nicht vernichtend schlecht ist, dann wird das eher als ein Sieg für Stoiber interpretiert werden. Ich glaube, die SPD wird nicht viel Nutzen aus den Diskussionen ziehen.

Das Gespräch führte Stephan Hütig.

Frank Brettschneider, Kommunikationsforscher an der Universität Augsburg, hat in einer internationalen Vergleichsstudie den Einfluss von Kandidatenimages auf das Wählerverhalten untersucht.

Quelle: @hüti
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