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Interview Terrorforscher Sofsky: Keine Therapie für Terroristen

09.11.2001 ·  Terror kann man nur gewaltsam besiegen, sagt der Göttinger Terrorforscher Sofsky im FAZ.NET-Interview.

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Terror kann nur gewaltsam bekämpft werden. Sozialreformen taugen nicht, um Terroristen von neuen Anschlägen abzuhalten, meint der Göttinger Soziologe und Terrorforscher Wolfgang Sofsky. In seiner nüchternen Analyse kommt der Wissenschaftler zu dem Schluss, dass es keine Erklärung für terroristisches Handeln gibt. Von der religiösen Inbrunst führe kein direkter Weg ins Cockpit einer fliegenden Bombe, sagt er im FAZ.NET-Interview.

Herr Sofsky, Sie haben eine Typologie des Terrors entworfen. Wo ordnen Sie die Ereignisse des 11. September ein?

Die Attentate von New York und Washington sind ein Eskalationspunkt in der Geschichte des Terrorismus. Bei der Opferzahl liegt das nahe, auch bei dem Grad der Kaltschnäuzigkeit. Wir sehen hier den Übergang vom alten Terrorismus zu einer neuen Form des Krieges.

Es gibt Meinungen, die besagen, der 11. September gehe auf amerikanische Überheblichkeit, auf eine Welt zurück, die sich in arm und reich, in säkular-aufgeklärt und religiös-fanatisch spalte. Teilen Sie solche Erklärungen?

Eigentlich nicht. Sich als Modernitätsverlierer zu fühlen ist das eine, einen Terroranschlag auszuführen, etwas völlig anderes. Von der religiösen Inbrunst führt kein direkter Weg ins Cockpit einer fliegenden Bombe.

Welche Gründe gibt es dann?

Im strengen Sinne gibt es keine Erklärung für die Anschläge des 11. September. Erklärung würde heißen, dass man Bedingungen angibt, unter denen das Ereignis geschehen musste. Doch so lange menschliches Handeln mit im Spiel ist, muss überhaupt nichts geschehen. Menschen fangen irgendwann mit ihren Untaten an. Und das können sie jederzeit an jedem Ort. Das entzieht sich der sozialwissenschaftlichen Erklärung.

Aber Terroristen fallen doch nicht vom Himmel!

Terroristen fallen nicht vom Himmel, aber es liegt in ihrer Entscheidung, ob sie sich in den Himmel befördern. Wir können uns dazu nur mehr oder weniger plausible Geschichten und Biografien zusammendenken.

Dennoch: Es muss doch Konstellationen geben, die terroristische Aktionen überhaupt erst möglich machen?

Natürlich gibt es Blüte- und Trockenzeiten des Terrors. Terror beginnt häufig als Protest der Unterlegenen gegen eine überlegene Macht. Die Schwierigkeit beginnt aber dann, wenn diese Ziele in den Hintergrund treten, es nur noch um das Überleben der Terroristengruppe geht, um die technische Vorbereitung des nächsten Anschlags. Dann gibt es eine Emanzipation des Terrors von seinen Zielen. Die Ausgangsbedingungen können also relativ spezifisch sein, aber der Mechanismus der Entgrenzung ist universal.

Ihr amerikanischer Kollege Bruce Hoffman meint, Bin Ladin habe die Geschichte des Terrors neu geschrieben. Teilen Sie diese Auffassung?

Es handelt sich um einen historischen Umschlagpunkt, der bekannte Elemente aus der Terrorismusgeschichte kombiniert hat. Das ist die Innovation. Man kann natürlich sagen, wir schauen uns die Geschichte als Vorgeschichte der Ereignisses des 11. September an. Dann bekommen die zuvor als disparat empfundenen Terroraktionen einen beinah linearen Sinn, so, als würden sie hinsteuern auf das, was in New York passiert ist. Insofern kann man sagen, Bin Ladin bietet ein neues Erzählmuster an für die Geschichte des Terrorismus.

Wie erklären Sie den derzeitigen Kult um Usama bin Ladin?

Man muss die Untat personalisieren. Man braucht Name und Adresse. Da bietet es sich an, den zu nehmen, den man schon kennt. Dabei überschätzt man Bin Ladin als Entscheidungsträger wahrscheinlich sehr. Die Organisationsstruktur ist nicht so, dass sie zentralistisch auf diese eine Figur ausgerichtet ist. Man wird der Sache also nicht Herr werden, wenn man nur den Kopf abschlägt. Man muss auch die Glieder abschlagen.

Sie haben davon gesprochen, dass es auch einen Staatsterrorismus gebe. Wie beurteilen Sie die Reaktion der Amerikaner auf die Ereignisse des 11. September. Werden die Bombardements in Afghanistan nicht zumindest von den Zivilisten als Terror empfunden?

Wir wissen relativ wenig darüber, was sich in Afghanistan abspielt. Wenn es wirklich ein Flächenbombardement auf Wohngebiete gibt, ist das eine traditionelle Form von Kriegsterror. Man muss allerdings wissen, dass dann die Opferzahlen wesentlich höher lägen als die, von denen jetzt die Rede ist. Flächenbombardements im Zweiten Weltkrieg haben Zehntausende Tote in einer Nacht produziert, in Afghanistan sind es vielleicht Hunderte in mehreren Wochen. Das ist eine ganz andere Dimension als jener Kriegsterror, den wir von früher kennen.

Wie kann man den Terror besiegen?

Dazu sind häufig gewaltsame Maßnahmen notwendig. Mit Therapie kann man Terroristen nicht beikommen. Mit politischen Absichtserklärungen auch nicht. Mit viel Geld kann man manchmal jemanden bestechen und auf die eigene Seite ziehen. Dass durch Sozialreformen irgendein Terroranschlag verhindert worden wäre, halte ich für einen Mythos.

Wolfgang Sofsky, geboren 1952, ist freier Autor und Professor für Soziologie. Er lehrt an den Universitäten Göttingen und Erfurt. 1993 erhielt er den Geschwister-Scholl-Preis. Veröffentlichungen u.a.: Die Ordnung des Terrors (1993), Traktat übe die Gewalt (1996), Zeiten des Schreckens. Amok, Terror, Krieg (erscheint Frühjahr 2002).

Das Interview führte Susanne Scheerer

Quelle: @see
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