Die von der rot-grünen Regierung beschlossene Massentötung von bis zu 400.000 Rindern könnte ein juristisches Nachspiel haben. Der Plan verstoße eindeutig gegen das deutsche Tierschutzrecht, sagt der Leiter des Tierschutzzentrums an der Tierärztlichen Hochschule Hannover, Hansjoachim Hackbarth, im Gespräch mit FAZ.NET. Erst im vergangenen Jahr hat Hackbarth einen Leitfaden zum deutschen Tierschutzrecht mitverfasst.
Tierschützer, Theologen, Politiker lehnen die Tötung von 400.000 Rindern in Deutschland zur Bereinigung des Marktes ab. Es gibt ethische Bedenken. Gibt es auch rationale Einwände?
Die Bundesrepublik hat sich immer damit geschmückt, dass sie im Tierschutz weiter war als andere EU-Staaten. Jetzt schlagen wir 400.000 Rinder tot - für nichts. Nach meiner Auffassung ist das ein ganz klarer Verstoß gegen das Tierschutzgesetz. Darin steht, dass mit Freiheitsentzug bis zu drei Jahren oder einer Geldbuße bis 50.000 Mark bestraft wird, wer ein Tier ohne vernünftigen Grund tötet. Bisher wurden aber rein ökonomische Zwecke vom Landwirtschaftsministerium nicht als vernünftige Gründe akzeptiert.
Der Deutsche Tierschutzbund will gegen die geplante Massentötung klagen. Welche Chancen räumen Sie einer solchen Klage ein?
Die Chancen stehen 50 zu 50, denn es gibt so viele Vergleichsfälle. Seit Jahren diskutieren wir zum Beispiel mit dem Bundeslandwirtschaftsministerium, was mit Versuchstieren passieren soll, die zu alt geworden sind für einen Versuch. Dürfen wir die töten oder nicht? Das Landwirtschaftsministerium sagt ganz klar nein. Sollten Richter aber entscheiden, dass das Töten zur Marktanpassung ein vernünftiger Grund ist, muss man sich über die Folge im Klaren sein. Dann könnten auch Kleintierzüchter dieses Recht für sich in Anspruch nehmen. Die einfachste ökonomische Begründung würde ausreichen, um ein Tier - gleich welcher Gattung - zu töten.
Bei der geplanten Massentötung von Rindern handelte es sich demnach um einen Präzedenzfall?
Das würde ich auf jeden Fall so sehen.
Eine Begründung für die Massentötung ist, dass die Ställe der Bauern überfüllt seien, weil diese ihre Rinder nicht mehr verkaufen könnten.
Das ist ja Unsinn. Die Ställe werden nicht voller, weil die Bauern im Moment gar kein Fleisch produzieren. Heutzutage eine Kuh besamen zu lassen, ist sicher Unsinn. Die Politiker bemänteln mit solchen Begründungen ihr schlechtes Gewissen.
Wie sieht es mit der Keulung ganzer Herden bei nur einem BSE-Fall aus. Gibt es dafür einen vernünftigen Grund?
Immer wieder wird von Seuchenbekämpfung geredet. Eine Seuche ist aber eine Infektionskrankheit, die von Tier zu Tier übertragen wird. Das aber ist für BSE überhaupt nicht nachgewiesen. In fast allen Beständen wurde nur ein Rind positiv getestet. Sollte es sich also um eine Seuche handeln, müssten die anderen Tiere logischerweise auch BSE haben. Die gesamte Herde zu keulen macht also wenig Sinn.