28.11.2001 · Der Wirtschaftswissenschaftler Jeffrey Sachs fordert die Industrienationen auf, auch in Gesundheitsfragen ihre globale Verantwortung zu erkennen.
60 Millionen Menschen auf der Erde sind HIV-infiziert. Trotzdem wird das Problem heute wieder verdrängt. Aus Anlass des Welt-Aids-Tages am kommenden Samstag sprach FAZ.NET mit einem für dieses Thema zunächst ungewöhnlich erscheinenden Gesprächspartner: dem Wirtschaftswissenschaftler Jeffrey Sachs.
Jeffrey Sachs leitet das Zentrum für Internationale Entwicklung in Harvard. Er hat mehrere Bücher über Themen der Globalisierung, der Makro-Ökonomik in Entwicklungsländern und der neuen Marktwirtschaften geschrieben. Als Vorsitzender der Kommission für Makro-Ökonomik und Gesundheit bei der Weltgesundheitsorganisation (WHO) befasst sich Sachs mit den Auswirkungen von Seuchen und Krankheiten auf die Volkswirtschaften. Bei der WHO leitet er ein Forschungsprojekt zu den globalen Auswirkungen von Aids.
Herr Sachs, ist das Problem Aids durch den 11. September und den Krieg gegen den Terrorismus in den Augen der Weltöffentlichkeit zu sehr verdrängt worden?
Als angemessenes Denkmal für den 11. September sollten wir uns endlich der Tragödie von Aids zuwenden und der allgemeinen Katastrophe einer Welt, in der jedes Jahr Millionen sterben, bloß weil sie keine grundlegende Gesundheitsversorgung haben. Das sollte und könnte die Antwort auf den Tragoedie des 11. Septembers sein.
Die Aids-Katastrophe hat absolut beispiellose Ausmaße erreicht, sowohl menschlich wie auch wirtschaftlich. Vor 20 Jahren kannte noch kaum jemand diese Krankheit und es gab nur eine Handvoll Fälle. Heute sind 60 Millionen Menschen infiziert, vorwiegend in den armen Ländern; und es gab 20 Millionen Tote. Es leben über 10 Millionen Aids-Waisenkinder, und nach Schätzungen werden es am Ende des Jahrzehntes 40 Millionen sein. So etwas hat es noch nie gegeben. Jetzt, da die Vereinigten Staaten nach globaler Gemeinschaft rufen, sollte die globale Gemeinschaft von den USA und den anderen reichen Ländern auch das ihrige fordern. Denn die betroffenen Länder können das Problem unmöglich alleine lösen.
Zwei Drittel der mit HIV infizierten Menschen leben in Afrika südlich der Sahara. Warum ist Aids trotzdem eine globale Bedrohung?
Nach dem 11. September ist mehr denn je klargeworden, dass die reichen Länder einen hohen Preis fuer das Ignorieren von Katastrophen im verarmten Teil der Welt bezahlen. Es ist erwiesen, dass Krankheiten und Seuchen eine der Hauptursachen für politische Instabilität in armen Ländern ist. Wenn es dort Seuchenprobleme gibt und die wirtschaftliche Entwicklung scheitert, dann brechen ganze Staaten zusammen. Gewalt und Terrorismus sind oft die Folge und das breitet sich dann über den Rest der Welt aus.
Doch Seuchen in armen Ländern haben natuerlich noch viel direktere Auswirkungen auf die reichen Nationen, insbesondere einfach durch die direkte Ansteckung und Ausbreitung der Krankheit. Wir wissen auch, dass sich im Schlepptau von Aids eine Reihe von anderen Infektionskrankheiten weiter ausbreiten, insbesondere die Tuberkulose. Jeder ernsthafte Beobachter weiß, dass wir auf einer Zeitbombe sitzen. Tuberkulose hat durch Aids eine sich ausweitende Heimat in der Welt, und wir haben es da teilweise mit Varianten zu tun, die gegen Medikamente resistent sind. Die reichen Länder scheinen einfach nicht zu verstehen, dass diese Krankheiten mit absoluter Sicherheit auch zu ihnen kommen werden.
Sie beschäftigen sich als Wirtschaftswissenschaftler hauptsächlich mit den ökonomischen Problemen der Aids-Katastrophe. Inwiefern ist Aids ein wirtschaftliches Problem?
Unsere Studien zeigen, dass die Aids-Epidemie ein krasses Nachlassen des Wirtschaftswachstums nach sich zieht. Das scheint eine kühle, statistische Art zu sein, von Millionen Toten und Waisen zu reden, doch die menschliche Tragödie wird von der daraus resultierenden Fehlfunktion der Volkswirtschaften noch einmal dramatisch verschärft. Die Menschen bekommen diese Krankheit in ihrem besten Arbeitsalter und sterben daran. Aids trifft junge, sexuell aktive Erwachsene, die normalerweise produktiv wären, vielleicht in weitere Ausbildung investiert hätten und in führende Management- und Verwaltungspositionen aufgestiegen waeren. Aids streckt in manchen betroffenen Ländern eine ganze Generation nieder.
Warum haben die Versuche zu Aufklärung und Vorbeugung in Afrika bisher so wenig Wirkung gezeigt?
Man muss einfach sagen, dass sich Aids in den letzten 20 Jahren nahezu unkontrolliert hat ausbreiten koennen. Sicher haben einige Leute hervorragende Arbeit geleistet, doch es ist einfach quantitativ viel zu wenig passiert. Man hat den betroffenen Ländern nicht die finanziellen Ressourcen zur Verfügung gestellt, die notwendig sind und über die sie einfach nicht verfügen. Diese Krankheit wird nicht einfach wieder verschwinden, nicht durch Wunschdenken, Haenderingen oder Betroffenheitsbekundungen.
Der Kampf gegen Aids wird Milliarden von Dollar kosten. Wenn es dort früher Behandlungsmethoden und Vorbeugungsversuche gegeben hätte, hätten wir heute ganz ohne Zweifel nicht 60 Millionen Infizierte.
Wer muss denn aktiv werden, soll das auf Regierungsebene geschehen, oder über NGO's?
Die Rolle der Regierungen ist die Finanzierung und das Erstellen von gesetzlichen Rahmenbedingungen. Sie können großflächige Maßnahmen vorbereiten, die dann Millionen von Menschen betreffen. Und man muss durchaus auch auf Regierungsebene den politischen Vertretern dieser Staaten helfen. Doch es gilt auch, direkt vor Ort in den lokalen Gemeinden zu arbeiten und das können Regierungen nur zum Teil leisten. Wir sind auf die freiwilligen Aktivitäten von Personen, Gruppen und Organisationen angewiesen. Das können lokale Gemeindegruppen sein oder größere Nicht-Regierungsorganisationen. Die Zivilgesellschaft ist da aufgefordert, aktiv Funktionen zu erfüllen, die die Regierungen nicht erfuellen können.
In welchen Ländern sollten Schwerpunkte liegen? Es sind ja nicht nur afrikanische Länder betroffen.
Der Krieg gegen Aids muss in aller Welt geführt werden, und es stellen sich in verschiedenen Ländern andere Aufgaben. In Teilen Afrikas ist bereits ein Viertel der Bevölkerung infiziert. Dort müssen wir helfen, die Menschen am Leben zu erhalten, ihre Volkswirtschaften zu retten und das Gespenst der 40 Millionen Waisen abzuwenden, die zum Ende des Jahrzehntes erwartet werden. In Indien und China, wo die Infektionsrate noch relativ niedrig ist, gilt es Verschärfungen zu verhindern. Wenn man jetzt nichts unternimmt, wird es unausweichlich dazu kommen. Man braucht dort vor allem eine massive Vorbeugungskampagne.
Alle Epidemien der letzten Jahrzehnte zeigen: Wenn man in frühen Stadien mit der Bekämpfung anfängt, kann man große Erfolge erzielen und Schlimmeres verhindern. Brasilien hat zum Beispiel in Lateinamerika eine recht erfolgreiche Vorreiterrolle übernommen. Das ist auch ein reicheres Land, das unabhängig handeln konnte. In Russland und anderen Teilen Osteuropas wird Aids vor allem von Drogenabhängigen weitergetragen. Die prozentualen Wachstumsraten sind dort vielleicht sogar am höchsten in der Welt. Man muss die Maßnahmen also auf lokale Probleme abstimmen, auf den Übertragungsprozess oder auf kulturelle Eigenheiten. Doch man muss überall auf der Welt handeln, denn Aids ist ein globales Problem.