10.01.2001 · Tiermehl verbreitet Prion-Krankheiten wie BSE und Creutzfeld-Jakob. Aber auch zwischen zwei Menschen ist die Krankheit übertragbar - bei Operationen und Transplantationen.
Jürgen Bohl ist Neuropathologe und Pathologe in der Abteilung für Neuropathologie der Universitätsklinik Mainz. Er forscht an degenerativen Erkrankungen des menschlichen Gehirns wie der Alzheimerschen oder der Creutzfeld-Jakob-Krankheit.
Die Creutzfeld-Jakob-Krankheit gehört zur Gruppe der Prion-Krankheiten. Prione sind deformierte Eiweißkörper, die sich im Körper nicht vollständig abbauen lassen und deren Reste vor allem die Funktion des Nervensystems stören. Welche Arten der Übertragung gibt es?
Zunächst gibt es die erbliche Form. Dabei handelt es sich um eine Mutation des Chromosom 20, das Eiweißkörper bildet, die eben diese falsche Form haben. Außerdem kann die Krankheit spontan auftreten. Die klassische Creutzfeld-Jakob-Krankheit wird zudem überall dann übertragen, wenn Gewebe eines Kranken in den Körper eines Gesunden gelangt. Das kann bei Operationen und Transplantationen geschehen. Dafür gibt es tragische Beispiele. Relativ häufig ist es bei der Transplantation von Augenhornhäuten passiert und auch Unfallopfer, die die sogenannte harte Hirnhaut von Erkrankten eingesetzt bekamen, infizierten sich mit Creutzfeld-Jakob. Außerdem traten relativ viele Infektionen bei kleinwüchsigen Kindern auf, die mit Hormonspritzen aus den Hirnanhangdrüsen von Erkrankten behandelt wurden. Bei diesen Kindern fiel es besonders auf, da sie in jungen Jahren, also mit etwa vier, dement wurden. Normalerweise tritt Creutzfeld-Jakob erst im Alter von etwa 60 Jahren auf.
Ist es denn gefährlich mit einem Erkrankten zusammen in einem Raum zu sein?
Nein, man kann ohne Bedenken einem Creutzfeld-Jakob-Kranken die Hand geben und auch mit ihm in einem Zimmer sein. Die Krankheit kann wirklich nur durch Gewebeübertragungen auftreten. Aber beispielsweise bei Operationen ist da schon Vorsicht geboten. Wenn ich mich als Operateur geschnitten habe und mit dem Blut eines Kranken in Berührung komme, kann ich mich anstecken. Deshalb muss man bei solchen Operationen sehr gut desinfizieren. Prione sind sehr viel widerstandsfähiger als Bakterien, Viren und Pilze, da muss man schon Natronlauge oder Ameisensäure nehmen und die Bestecke über 140 Grad Celsius erhitzen.
Überträgt sich die Krankheit denn zwangsläufig, werde ich auf jeden Fall krank, wenn ich mit einem Kranken in Berührung komme?
Nein, dabei spielt wohl eine Prädisposition eine Rolle. Das heißt, es gibt anfälligere und weniger anfällige Menschen. Jeder Mensch hat Prionen, und die können, selbst wenn sie selbst nicht zu einer Krankheit führen, besonders anfällig auf solche fremden Prione sein und sich besonders einfach in deren Form pressen lassen. Auch die Menge an zugeführten fremden Prionen spielt wohl eine Rolle, haben Tierversuche ergeben.
Kann eine kranke Mutter ihr noch nicht geborenes Kind anstecken?
Es ist noch nicht geklärt, ob das Kind sich im Mutterleib ansteckt oder nicht. Zumindest weiß man aber, dass in der ersten Muttermilch besonders viel Prionen sind, die sollte man einem Kind also nicht geben.
Heißt das, auch Kuhmilch kann uns gefährden?
In der normalen Milch sind weniger Prionen, wie wahrscheinlich eine Infektion dadurch ist, kann ich nicht sagen. Ich würde aber auf keinen Fall Milch einer erkrankten Kuh trinken.
Apropos Übertragung auf den Menschen durch das Essen von Tierprodukten. Wie geht eine solche Übertragung vonstatten und ist sie überhaupt wissenschaftlich bewiesen?
Bei der neuen Variante der Creutzfeld-Jakob-Krankheit, der 13. bekannten Variante, spricht der Zusammenhang mit BSE für eine Verursachung durch das Rind. Die Hinweise auf einen Zusammenhang sind so deutlich, dass keiner mehr daran zweifelt, obwohl es keinen direkten Beweis gibt. Denn dazu müssten Menschen angesteckt werden. Übertragen wird die Krankheit dadurch, dass Prione irgendeiner Tierart sich mit menschlichen zu einem sogenannten Dimer zusammenfügen und dem menschlichen seine Form aufdrücken. Das menschliche Immunsystem beseitigt die tierischen Eiweißkörper zwar, wenn das Prion aber zu schnell war und ein menschliches vorher in-formiert hat, erkennt das Immunsystem die fehlerhaften nicht mehr, denn sie sind ja jetzt eigene. Nach der Teilung bildet das verformte Prion Pärchen mit anderen und in-formiert die. So pflanzt sich der Prozess fort und führt zu einer Creutzfeld-Jakob Erkrankung der neuen Variante.
Davon, dass es ähnliche Erkrankungen bei Schafen gibt, weiß man. Gibt es auch andere Tierarten, die mit BSE-ähnlichen Krankheiten infiziert werden können?
Es gibt eigentlich nur wenige, die sich nicht infizieren. Hunde zum Beispiel. Man weiß aber, dass sich in Zoos Geparde und Pumas, die mit Rindfleisch gefüttert wurden, krank wurden. Auch Hauskatzen sind recht anfällig. Und das Tiermehl hat die Krankheit auch an Antilopen wie Elen-Antilopen, Gnus, Ziegen, Schafe und sogar Strauße in Zoos weitergegeben. Im Experiment haben Wissenschaftler Meerschweine, Affen, Mäuse und auch Schweine infizieren können.
Bei all diesen Tierarten, wie kann man denn sicher sein, dass es sich dann immer um Creutzfeld-Jakob handelt?
Zumindest beim Menschen kann man es nicht ganz genau sagen. Der Arzt muss mehrere Indizien zusammentragen und Symptome, Alter beim Auftreten der Krankheit und einer Sektion nach dem Tode, bei der im Gehirn die charakteristischen Blütenmuster zu sehen sind, deuten sehr sicher auf die neue Variante der Creutzfeld-Jakob-Krankheit hin. Und da liegt auch ein Problem, die Zahl der Sektionen in Deutschland geht rapide zurück. Verlässliche Aussagen über die Häufigkeiten der einzelnen Krankheiten wie Alzheimer und der verschiedenen Prion-Krankheiten kann man nur sicher machen, wenn man die Menschen seziert. Viele demente Menschen sterben aber in Pflegeheimen, geriatrischen Kliniken oder zu Hause und werden nicht seziert. Bei uns im Hause sind die Sektionen von etwa 1000 pro Jahr vor einigen Jahren auf nur noch rund 180 pro Jahr heute zurückgegangen. Und das ist auch ein Anliegen von mir: Die Menschen müssen seziert werden, um diese Art Krankheiten besser zu verstehen und die tatsächliche Gefahr beurteilen zu können.
Gibt es denn Medikamente, die den Verlauf der Krankheit verlangsamen?
Es gibt Forschungsansätze auf diesem Gebiet. Getestet ist noch nichts und vieles unterliegt Firmengeheimnissen. Aber ich sehe ganz gute Chancen, dass in absehbarer Zeit ein Medikament entwickelt wird, das den Krankheitsverlauf günstig beeinflusst.
Gibt es bei Ihnen zu Hause denn noch Rindfleisch zu essen?
Bei uns herrscht keine Panik, aber wir haben den Rindfleischkonsum in der Tat eingeschränkt. Das aber schon früher, da zuviel Fleisch gar nicht so gesund ist. Da spielt der Rinderwahn keine so große Rolle, viel mehr das viele Cholesterin im Fleisch - auch im mageren. Eigentlich gibt es gar keinen vernünftigen Grund, Fleisch zu essen, außer das es gut schmeckt.