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Interview Embryonen haben Menschenwürde

08.01.2001 ·  Auch Embryonen schützt das Grundrecht auf menschenwürdige Behandlung. Das sagt der Ratspräsident der EKD, Manfred Kock, im FAZ.NET-Interview. Er kritisiert den künftigen Staatsminister für Kultur, Nida-Rümeling, der Embryonen dieses Recht abspricht.

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Der künftige Kulturstaatssekretär und erste Lehrstuhlinhaber für Bioethik an der Universität Tübingen, Julian Nida-Rümelin, hat in einem Zeitungsartikel Embryonen im frühesten Stadium die Menschenwürde abgesprochen, warnt aber zugleich vor dem Klonen von Menschen. Manfred Kock, Ratsvorsitzender der Evangelischen Kirche in Deutschland, widerspricht dem künftigen Staatsminister und warnt davor, die Würde des Menschen an irgendein Stadium der menschlichen Entwicklung zu binden.

Die Befürworter der embryonalen Stammzellenforschung erhoffen sich bahnbrechende medizinische Fortschritte. Die Gegner sehen darin eine Verletzung der Menschenwürde. Wo ordnen Sie sich in dieser Debatte ein?

Ich bin ein Gegner des therapeutischen Klonens und der Forschung an embryonalen Stammzellen. Hier wird eine Grenze überschritten, die man nicht überschreiten darf. Wir wissen, dass es Alternativen gibt. Nicht nur Theologen, sondern auch Genetiker diskutieren die Nutzung adulter Stammzellen. Die Forschung, die in Großbritannien nun erlaubt wird, muss nicht unbedingt ein Fortschritt sein. Es ist zwar verlockend, wenn den Menschen gesagt wird, man könne auf diese Weise viele Krankheiten heilen, für die heute noch keine Hilfe in Sicht ist wie Multiple Sklerose, Parkinson oder Krebs. Aber der Zweck heiligt die Mittel nicht. Ich stehe auf dem Standpunkt, dass wir keine Forschung zulassen dürfen, die Embryonen nur zu dem Zwecke herstellt, sie anschließend auszuschlachten.

Die Kritiker des therapeutischen Klonens stützen sich auf das Argument, Embryonen seien schon menschliche Wesen und stünden deshalb unter besonderem Schutz. Gegner dieser These sehen aber in einem wenige Tage alten Zellhaufen noch kein menschliches Individuum.

Es ist eine Grundsatzfrage, welche ethische Position man vertritt. Ich selber meine, dass es keine Möglichkeit gibt, das Datum der Menschwerdung durch irgendeine wissenschaftliche Definition nach hinten zu verschieben. Das vermittelt uns auch die christliche Überlieferung. Wenn Sie sich darauf einlassen, das Leben erst zu einem bestimmten Zeitpunkt seiner Entwicklung beginnen zu lassen, können Sie diesen Moment bis zur Geburt hinausschieben. Wenn es nur darum geht, wie ich es bei Herrn Nida-Rümelin gelesen habe, dass die Würde eines Menschen nur dann verletzt ist, wenn er diese Würde auch selbst beanspruchen kann, dann könnten Menschen, die sich wegen einer Geisteskrankheit so nicht äußern können, nie eine Würde haben. Menschen, die apallisch sind und mit Maschinen am Leben erhalten werden, würden ebenfalls ohne Würde sein. Ich denke, dass ein Mensch Mensch ist, wenn Samen und Ei miteinander verschmolzen sind. Dann hat er seine Identität und steht unter dem Gebot des Schutzes des Lebens.

„Das Menschsein ist nicht abhängig von irgendeiner Fähigkeit“

Herr Nida-Rümelin schreibt, die Achtung der Menschenwürde sei dort angebracht, wo die Voraussetzungen erfüllt sind, dass ein menschliches Leben entwürdigt werde, ihm seine Selbstachtung genommen werden kann. „Die Selbstachtung eines Embryos lässt sich nicht beschädigen.“

Ich weise diesen Aspekt der Argumentation von Nida-Rümelin zurück. Es hängt eben gerade nicht vom Menschen selbst ab, ob er seine Würde in Anspruch nehmen kann. Menschenwürde ist etwas, was dem Menschen von Gott gegeben ist. Das Menschsein ist nicht abhängig von irgendeinem Zustand, einer Fähigkeit oder einer Eigenschaft. Das Menschsein selbst ist sein Wesen, von Anfang an, auch im embryonalen Zustand.

Bei der Stammzellenforschung treffen zwei Weltbilder aufeinander: Die einen meinen, Menschenwürde stehe jedem zu. Man könne sie nicht erwerben. Diese Haltung folgt der christlichen Tradition und herrscht in Deutschland vor. Die anderen sagen, Würde stehe nur einem Menschen zu, der auch „Person“ ist, mit eigenem Bewusstsein und Interessen. Diese Position wird beispielsweise von dem australischen Philosophen Peter Singer vertreten. Ist diese Auseinandersetzung nicht eigentlich eine Scheindebatte, weil in Deutschland die Mehrheit der Ethiker und Politiker die Singer-Position ablehnen?

Das ist, glaube ich, ein Irrtum. Vordergründig werden die meisten, die sich öffentlich äußern, Singers Position ablehnen, auch weil sie unserer Gesetzeslage widerspricht. Aber im Bewusstsein der Menschen sieht es oft anders aus. Viele würden sagen, man müsse beispielsweise mit einem Menschen, der im Sterben liegt, barmherzig sein und ihm auch den Garaus machen können. Ich bin deshalb nicht so naiv zu meinen, dass wir in unserem Lande vor solchen angloamerikanischen Ethikentwürfen bewahrt wären.

Müssen also die Ethiker die deutsche Bevölkerung vor sich selbst schützen?

Ja, denn es gibt auch hier Leute, die mehr oder weniger offen solchen Argumenten folgen. So hat beispielsweise Claus Bartram in der „Zeit“ (28.12.2000) ganz unverhohlen das angloamerikanischen Modell befürwortet. Ich bin mir im Übrigen gar nicht sicher, ob wir den Kampf gegen das therapeutische Klonen und die Stammzellenforschung an Embryonen wirklich gewinnen, ob nicht die materiellen Interessen so groß sind, dass auf Teufel komm raus geforscht werden wird.

„Beschluss ohne Zerreißprobe“

Stellen solche Debatten die Grundlage des Lebensschutzes in Deutschland in Frage?

Debatten machen natürlich sensibel. Aber die Tatsache, dass es in Großbritannien, einem uns ja in vielen Traditionen durchaus verbundenem Land, ohne große Zerreißproben zu solch einem Beschluss gekommen ist, zeigt, dass der Schutzwille für den Embryo nicht mehr sehr groß ist.

Die christliche Tradition kennt neben dem Schutz des Lebens auch das Recht des Menschen, die Natur zu gestalten. Was dürfen Forscher also tun?

Ich glaube, Forscher müssen alles daran setzen, um Krankheiten zu bekämpfen, wenn sie dabei nicht das Leben anderer aufs Spiel setzen. Ein Beispiel: Forscher dürfen Spenderorgane von Menschen entnehmen, die darüber vor ihrem Tod verfügt haben. Aber sie dürfen nicht gekaufte Nieren von lebenden Menschen aus Indien importieren, um jemandem zu helfen. Es gibt Grenzen der Therapie. Man darf nicht den Lebensschutz von Schwächeren zur Disposition stellen. Und Forscher dürfen den Menschen keine Visionen vorgaukeln, die sie nicht einhalten können. Selbst wenn wir das Leben wesentlich verlängern können, ist es nicht frei von Leid. Wir müssen klären, wie wir das Leben gestalten wollen. Da helfen uns naturwissenschaftliche Manipulationen wenig.

Sowohl Bundeskanzler Gerhard Schröder wie auch Nida-Rümelin fordern statt einer „vordergründigen Ideologisierung“, dass Fragen der Gentechnik ethisch geklärt werden sollen.

Es ist in der Tat so, dass viele Menschen, auch Politiker, sagen, dass geäußerte Bedenken moralische Keulen oder ideologische Scheuklappen sind. Ich halte das für falsch. Die ethischen Bedenken sind nicht davon geprägt, dass man die Augen vor Realitäten verschließt, sondern dass man mögliche Folgen abschätzt. Dazu hat Herr Nida-Rümelin nachdenkenswerte Argumente geliefert. Ich lasse mich nicht damit abspeisen, bis zum Klonen von Menschen dauere es sowieso noch Jahre. Diese Klonierung wird uns in das Dilemma führen, nach welchem Maß wir denn die Menschen umbauen dürfen. Wir wissen nicht, wie wir mit Menschen umgehen werden, die nach dem Bild eines anderen Menschen geprägt werden. Wie wird eine Gesellschaft darauf reagieren, wenn man Menschen wählen kann, nach ihren Hautfarben, ihren Haarfarben, ihrer Körpergröße? Man sage nicht, das seien alles nur dumme Phantasien. Wir sind wie Zauberlehrlinge, die etwas in die Welt hineingesetzt haben und es nicht mehr abstellen können.

Das Gespräch führte Karsten Polke-Majewski

Quelle: @kpm
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